Stellen Sie sich vor, Sie haben eine Schokoladenfabrik. Das ist an sich ein netter Gedanke. Spinnen wir mal weiter: Sie verwenden ökologische und fair gehandelte Zutaten, nutzen Strom aus erneuerbaren Energien, zahlen ihren Mitarbeitern gute Löhne und bieten dazu einen wohltuenden Arbeitsplatz. Zu schön, um wahr zu sein? Dreht sich nicht alles um das große, schnelle Geld?
Durchaus. Dem gegenüber steht ein Wirtschaftsmodell, das nachhaltig ist. Oberstes Ziel ist ein gutes Leben für alle. Die sogenannte Gemeinwohl-Ökonomie baut auf den Werten Menschenwürde, ökologische Verantwortung, Solidarität, soziale Gerechtigkeit, demokratische Mitbestimmung und Transparenz auf. Ein Modell, das 400 Schüler des Beruflichen Schulzentrums Bietigheim-Bissingen kennengelernt haben.
Die Schüler können Bilanzen lesen
Einen Vormittag lang haben sich die jungen Leute des Wirtschaftsgymnasiums und des Technischen Gymnasiums über die Schokoladenfabrik und andere Herangehensweisen dem Thema Gemeinwohl-Ökonomie angenähert – aus den Perspektiven der Fächer Betriebs- und Volkswirtschaftslehre, Religionslehre, Ethik und Gemeinschaftskunde. 18 Klassen waren beteiligt, von der elften bis zur 13. Stufe.
Grundsätzlich beruhen die Lehrplaninhalte am Beruflichen Gymnasium, insbesondere in den Fächern Betriebs- und Volkswirtschaftslehre, im Wesentlichen auf der neoliberalen Wirtschaftsordnung mit kapitalistischen Grundzügen. Die angehenden Abiturienten lernen, wie sich Umsätze und Gewinne steigern und Kosten senken lassen. Sie lernen, welche Bedeutung Wirtschaftswachstum für eine Volkswirtschaft hat. Und sie können Bilanzen lesen.
Allerdings, sagt der Schulleiter Stefan Ranzinger, „wissen die Schüler wenig über menschliche und ökologische Probleme, wenn in Preisen soziale Kosten und Umweltkosten verschwiegen werden“. Themen wie soziale Ungerechtigkeit, Umweltzerstörung oder Klimawandel „muss man in den Bildungsplänen mit der Lupe suchen“, so der Wirtschaftspädagoge.
Gemeinwohl-Ökonomie steht nur klein im Lehrplan, als „Kann-Thema“. Stefan Ranzinger wollte das Thema aber angehen. Er organisierte einen Dozenten, der seine Lehrkräfte schulte, und bot den Gemeinwohl-Ökonomie-Tag an der Schule an. Dieser sei in seiner jetzigen Form bislang einzigartig, ist der Schulleiter überzeugt.
Mehr als 1000 Firmen setzen die Gemeinwohl-Ökonomie um
Für Ranzinger geht es darum, Schule nicht nur zu verwalten, sondern auch darum, sie zu gestalten. Er will Motor sein. Auch und gerade für den Aspekt der Nachhaltigkeit. Das ist auch im Leitbild des Beruflichen Schulzentrums Bietigheim-Bissingen verankert: „Wir wollen gemeinsam die Zukunft lebenswert gestalten und setzen uns daher für Umwelt und Natur ein“, heißt es da. Die Gemeinwohl-Ökonomie passt gut dazu. Siehe die Idee ökologisch hergestellter, fair gehandelter Schokolade aus einem Unternehmen, das mit erneuerbaren Energien produziert und seine Mitarbeiter gut entlohnt. Dass dieses Modell nicht nur Theorie oder utopisch ist, beweisen mehr als 1000 Firmen in 30 verschiedenen Ländern, die die Gemeinwohl-Ökonomie erfolgreich umsetzen. Von der Brauerei über das Hotel bis hin zum Baugewerbe, Handwerk oder Energieversorger.
Die Schüler haben derweil als Geschäftsführer ihrer Schokoladenfabriken einiges zu kalkulieren und zu rechnen. Gerade haben sie vom kapitalistischen System auf Gemeinwohl-Ökonomie umgesattelt. Denn sie hatten zwar Gewinn eingefahren, aber die externen Effekte nicht bedacht. Da setzt das alternative Modell an.