Schulstart in Baden-Württemberg Die Lehrerverbände spielen Wünsch-dir-was

Die Schulverbände legen ein buntes ABC von tarifnahen Forderungen zugunsten der Lehrkräfte vor. Foto: dpa/Daniel Reinhardt

Horror-Arbeitsplatz Schule? Den Eindruck kann haben, wer sich die Klagen und Forderungen der Lehrerverbände in Baden-Württemberg zu Gemüte führt.

Politik/Baden-Württemberg : Bärbel Krauß (luß)

Vor dem Schulanfang für 1,5 Millionen Kinder und Jugendliche sowie 130 000 Lehrkräfte haben die schulnahen Gewerkschaften und Verbände lange Wunschlisten mit Verbesserungsvorschlägen für die Arbeit der Lehrer an die grüne Kultusministerin Theresa Schopper gerichtet. Dabei zeichneten die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW), der Philologenverband, der Verband Erziehung und Wissenschaft, der Realschullehrer- und der Berufsschullehrerverband einhellig das Bild eines Schulsystems, das nach den Belastungen der Pandemie und wegen des aktuellen Lehrermangels am Rande der Überforderung stehe und rücksichtslos bis ausbeuterisch mit Rechten, Kräften und der Liebe der Lehrkräfte zu ihrem Beruf umgehe. Allen Stellungnahmen gemeinsam ist die Forderung, dass die grün-schwarze Landesregierung für bessere Rahmenbedingungen sorgen müsse, um Lehrkräfte zu entlasten und ihnen die Ausübung ihres Berufs zu erleichtern.

 

„Das Märchen von der Vereinbarkeit“

Ausdrücklich aufräumen will etwa der Philologenverband, der die Gymnasiallehrer vertritt, mit dem „Märchen von der Vereinbarkeit von Familie und Lehrerberuf“. Zwar seien die Lehrkräfte Homeoffice-Pioniere, erklärte Claudia Grimm. Dennoch sei die „Betreuung der eigenen Kinder für Lehrkräfte ein Riesenproblem“. Späte Öffnungszeiten von Kitas und Kindergärten, fehlende Betreuungsplätze und längere Anfahrtswege machten es Lehrern schwer, ihre Unterrichtspflicht und die Betreuung der Kinder zu vereinbaren. „Man kann das Kleinkind ja nicht im Auto lassen oder mit einem Strick im Garten anbinden“, sagte Grimm. „Wenn die Kita nicht am Ort ist oder wenn es keine Plätze gibt, wird es schwierig.“ Sie und Philologenverbandschef Ralf Scholl forderten, den garantierten Anspruch auf eine freie erste Unterrichtsstunde für Lehrkräfte, wenn die Kita ihrer Kinder erst später öffne. „Das wird bisher nur gewährt, wenn keine dienstlichen Belange entgegenstehen. Das ist kein verbrieftes Recht“, klagte Grimm.

Auch Betriebskindergärten an Schulen oder Absprachen mit den Kommunen, dass Kinder von Lehrkräften bevorzugt in der Kita aufgenommen werden, und die Möglichkeit zur Konferenzteilnahme per Video-Schalte hält der Philologenverband für erwägenswert. Laut Ralf Scholl sind 5000 Lehrerinnen in Elternzeit. Käme der Dienstherr ihnen mehr entgegen, würden viele früher aus der Elternzeit zurückkehren. Seine Einschätzung: „Mit diesen voll ausgebildeten Kräften allein, könnten die freien Stellen an den Schulen in diesem Jahr besetzt werden.“

Scholl kündigte eine Klage an, weil die Lehrerarbeitszeit in Baden-Württemberg noch nicht erfasst wird und beklagte Untätigkeit im Kultusministerium. Die meisten Lehrkräfte arbeiteten weit mehr als die 1804 Stunden Beamtenarbeitszeit im Jahr. Bei sechs Wochen Urlaubsanspruch und Berücksichtigung der Feiertage ergebe sich daraus eine nominelle Arbeitszeit von 41 Wochenstunden. „Nach der EU-Arbeitszeitverordnung ist die Arbeitszeiterfassung für jeden Beschäftigten Pflicht. Doch das Kultusministerium mauert und wartet ab, bis der Bund ein Arbeitszeitgesetz für Beamte vorlegt. Erst dann will man anfangen selbst zu überlegen, wie man das umsetzt“, klagte er.

GEW pocht auf Altersermäßigung für Lehrer

Für die GEW forderte Landeschefin Monika Stein unter anderem mehr Geld für Referendare und ihre Durchbezahlung in den Sommerferien, eine höhere Besoldung für Grund- und Hauptschullehrer nach A 13, höhere Tarifeingruppierungen in Mangelfächern und den Verzicht auf die Einhaltung der Schuldenbremse durch die Landesregierung. Damit ältere Lehrer nicht vor dem Pensionsalter vorzeitig aus dem Schuldienst ausschieden, solle für Lehrkräfte ab 55 Jahren eine Altersermäßigung um zehn Unterrichtsstunden gelten, forderte Stein. Dass solche Maßnahmen die Lücke in der Unterrichtsversorgung zunächst vergrößern, wird nach Auffassung der Gewerkschaft durch positive Langzeiteffekte kompensiert.

Berufsschulen wünschen sich mehr Azubis

Wegen eines 30-prozentigen Rückgangs der Bewerberzahlen ist der Berufsschullehrerverband besorgt, wie lange die Unterrichtsversorgung der beruflichen Schulen noch zu sichern ist. „Wir brauchen dringend ein modernes Jobprofil und Rahmenbedingungen, die ein innovatives Gestalten in einer konstruktiven Arbeitsumgebung ermöglichen“, erklärte Verbandsvize Michael Niedoba. Lehrkräfte und Schulleitungen müssten entlastet werden. Eine Belastung ist für die beruflichen Schulen nicht nur die wachsende Zahl von geflüchteten Schülern. Hinzu kommt, dass die duale Berufsausbildung zurückgegangen und der Trend zur beruflichen Vollzeitschule zugenommen hat. „Wir haben ein hochgradiges Interesse, dass die Berufsschule wieder zu ihrer alten Stärke findet“, sagte Niedoba. „Es wäre gut, wenn die Zahl der Auszubildenden im dualen System wieder steigen würde. Das würde uns bei der Personalversorgung helfen.“

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