Pöbeln im Internet nach Rezept Lehrgang für Hasskrieger

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Wer totalitär denkt, hält andere Meinungen nicht aus. Wie man Diskussionen im Internet systematisch zerstört, lernen Ultrarechte im Ausland schon lange in Schnellkursen. Nun gibt es so einen Kurzlehrgang auch auf Deutsch – für Rechte, die sich bereits im Krieg wähnen.

Rechte Websites sprechen  vom Infokrieg  und bieten Kampfanleitungen. Foto: Screenshot
Rechte Websites sprechen vom Infokrieg und bieten Kampfanleitungen. Foto: Screenshot

Stuttgart - Diskussionen in sozialen Netzwerken können entgleisen. Leidgeprüfte Diskutanten würden jetzt vielleicht sogar sagen: Sie entgleisen fast nur noch. Der Ton wird rau, aus Härte wird Beleidigung, aus Gepöbele schälen sich Drohungen heraus, aus Drohungen werden digitale Shitstorms und ernsthafte Aufforderungen an Dritte zur Gewaltausübung. Mancher fragt sich da: Sind eigentlich nur noch Verrückte unterwegs, Netztrolle mit schweren Persönlichkeitsstörungen?

Diese Nutzergruppe gibt es. Aber vielleicht sind viel mehr der Kreisch- und Hassexzesse im Internet kaltes Kalkül, als man bislang wahrhaben wollte. Vielleicht sind sie methodische Versuche, die Diskussionskultur zu zerstören, Keile zwischen Menschen zu treiben, gar die alte faschistische Idee wieder virulent zu machen, dass ein Andersdenkender grundsätzlich ein vernichtenswerter Feind ist.

Schule des Trollverhaltens

Diese Zerstörung von Gesprächsforen und öffentlichem Klima betreibt die neue äußerste Rechte im englischen Sprachraum schon länger anhand von brutal klaren Gebrauchsanleitungen für den Verbalschlägernachwuchs jeden Alters. Das als Wachhundorgan gegen ultrarechte Umtriebe angetretene Webprojekt „Hooligans gegen Satzbau“ warnt nun, diese Organisationsform des Diskussionsterrors sei im deutschen Sprachraum angekommen. Tatsächlich kann man eine solche Diskussionszersetzungsanleitung im Netz finden, als „Handbuch für Medienguerillas“.

Der Ton schwankt zwischen dem Frechheitszwang einer studentischen Spaßfraktion und dem Schlauheitsprotz sozial vereinsamter Akademiker. O-Ton der Einleitung: „Wir alle verarschen gerne Opfer im Internet. Die Bezeichnungen dafür sind vielfältig: Trollen, shitposten, ficken, memetische Kriegsführung oder einfach nur verarschen. Hier ein kleines Handbuch, ohne Anspruch auf Vollständigkeit.“

Satire oder Lehrbuch?

Es folgt ein Kurs im Anlegen von falschen Netzidentitäten und taktischen Finten: „Ein weiteres Werkzeug um Deine Gegner zu demütigen sind Fake-Accounts. Nimm ihr Profilbild und ihren Namen und leg damit einen Account an. Oftmals erkennt man in Foren o.ä. nicht sofort, dass es nicht die gleiche Person ist. Und fange dann an bizarre und möglichst dumme Sachen zu posten, um Deine Gegner zu diskreditieren und zu demütigen.“

Das Ganze wird so dreist und offen dargelegt, dass bereits die Frage aufkam, ob das Ganze ein Satireprojekt ist, ob Jan Böhmermann oder einer seiner Kollegen hier einen Leimfänger für Rechtsradikale ausgelegt hat. Sollte das der Fall sein, wäre es ein sehr zweifelhaftes Unterfangen. Der rotzig amüsierte Ton macht die Anleitung attraktiv für passionierte Störenfriede, die Tipps selbst sind meist praktisch umsetzbar. Und man sollte auch Ultrarechten einen satirischen, wenn auch mitleidlos-satirischen Blick auf die Welt nicht absprechen. So heißt es da: „Meistens handelt es sich bei den corporate Twitter- oder Facebookaccounts um junge Frauen, die direkt von der Uni kommen. Das sind klassische Opfer und nicht gewöhnt einzustecken. Die kann man eigentlich immer ziemlich einfach auseinandernehmen.“

Schon mitten im Krieg

Dass Tonfall und Methoden jene der neuen Rechten sind, kann man etwa auf der Website von Martin Sellner nachprüfen, einem der Köpfe der Identitären Bewegung. Buchautor Sellner („Identitär“) sieht seinesgleichen im Zustand permanenter Notwehr gegen Staat, Medien und die Linken. Darum sind so gut wie alle Mittel im Meinungskampf erlaubt, darum verlinkt Sellner auch das „Handbuch für Medienguerillas“. Für ihn ist ganz klar, was da Martialisches abläuft im Netz. Er hat ein Wort dafür: „Infokrieg“. Bei der Seite, die das Handbuch bereit hält, sagt man das noch viel offener. „Die Globalisten haben uns den Krieg erklärt. Es ist ein dreckiger Krieg und sie führen ihn mit allen Mitteln. Die Mainstreammedien und der Staatsfunk sind fest in ihrer Hand. Doch der Widerstand formiert sich.“ Man muss diesen Ton ernst nehmen. Wer sich im Krieg wähnt, fühlt sich legitimiert zur Ausübung von Gewalt.




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