Schulweg in Murr Eltern sehen ihre Kinder in Gefahr

54 Eltern unterschrieben die Unterschriftenliste von Giorgio Monteleone (Dritter von links) und Hans Dieter Pfohl (rechts). Foto: Ralf Poller/avanti

Ein Kind ist in Murr an der Heilbronner Straße schwer verletzt worden. Jetzt fordern Eltern mehr Sicherheit, weil dort auch der empfohlene Schulweg verläuft. Verkehrsplaner und Polizei sehen dazu keinen Anlass.

Ludwigsburg: Oliver von Schaewen (ole)

Das Unverständnis ist groß an diesem Samstagvormittag in Murr. Immer wieder treffen neue Eltern mit ihren Kindern aus dem nahen Neubaugebiet am Langen Feld an der Heilbronner Straße ein. Angeregt diskutieren sie über das, was sie seit Wochen bewegt: Nach einem Unfall Mitte Juni, bei dem ein zweijähriges Mädchen schwer verletzt wurde, als die Mutter mit ihr die Fahrbahn überqueren wollte, fürchten die Eltern um die Sicherheit und fordern einen stärker gekennzeichneten Überweg, etwa mit Bedarfsampel.

 

Zwei CDU-Kommunalpolitiker engagieren sich aufseiten der Eltern

Auf die Seite der Eltern stellt sich der CDU-Gemeinderat Giorgio Monteleone. Er hatte mit dem Ortsvorsitzenden der Christdemokraten, Hans Dieter Pfohl, zu dem Bürgertreff eingeladen. „Mir ist bewusst, dass ich anecke – aber ich kann nicht anders, als mich hier mit einer Unterschriftensammlung zu engagieren“, sagt der Berufsschullehrer Monteleone. Die Murrer Verwaltung und das Landratsamt Ludwigsburg seien nicht bereit, an der Situation etwas zu verändern. Für Monteleone ist es jedoch ein offener Widerspruch, dass die Gemeinde im August im Amtsblatt den Schulweg über die Heilbronner Straße als besonders gefährlich bezeichne, aber an der Kreisstraße in Richtung Höpfigheim nichts passiere.

Anders denken die Verkehrsplaner der Kreisverwaltung über das Thema. Mittelinseln seien vorhanden. So könnten sich Fußgänger beim Überqueren auf eine Fahrtrichtung konzentrieren, teilt Andreas Fritz, Pressesprecher des Landratsamtes, mit. „Die Sichten sind in diesem Bereich gut.“ Mit etwa 250  Fahrzeugen in beide Richtungen sei das Verkehrsaufkommen während der morgendlichen Spitzenstunde laut einer Zählung aus dem Jahr 2018 sehr moderat gewesen. Es fließe zu wenig Verkehr, um einen Fußgängerüberweg einzurichten. Mehrfach habe man die Lage in Verkehrsschauen erörtert.

Die Polizei weiß von keinen Häufungen bei Schulwegunfällen

Auch die Polizei hält die Situation an der Heilbronner Straße für sicher. Der Unfall mit dem zweijährigen Mädchen sei an der Straße der einzige seit 2010 gewesen, sagt Yvonne Schächtele, Pressereferentin der Polizeidirektion Ludwigsburg. Die Zweijährige habe sich an dem Abend gegen 20.15 Uhr an der Einmündung mit einem Laufrad von der Mutter gelöst und sei vor das Auto einer 84-Jährigen gelaufen. Die Frau begann Fahrerflucht, konnte aber ermittelt werden, weil jemand ihr Nummernschild notiert hatte.

Tödliche Unfälle auf Schulwegen habe es in den vergangenen zwölf Jahren im Landkreis Ludwigsburg keine gegeben, auch seien punktuelle Häufungen von Schulwegunfällen nicht erkennbar. Nur im Ludwigsburger Stadtgebiet gebe es eine erhöhte Zahl auf den stark vom Fahrradverkehr benutzten Routen zwischen Wohngebieten und den Schulen im Stadtzentrum.

Mehr Klarheit durch Fußgängerampel

Enttäuscht von den Behörden ist hingegen Lena Giese, die an den Murrer Kindergärten als stellvertretende Gesamtelternbeiratsvorsitzende fungiert. Sie berichtet von etwa 25 Kindern aus den westlichen Neubaugebieten, die bald eingeschult würden. „Kinder können eine Situation oft nicht einschätzen“, sagt die Mutter der sechsjährigen Maylin und der vierjährigen Hannah. Sie selbst habe schon erlebt, wie abbiegende Autofahrer aus den Seitenstraßen Kinder vorlassen wollten, dann aber Autos auf der Kreisstraße schnell herannahten. Eine Fußgängerampel schaffe mehr Klarheit. Lena Gieses Mann Frank hadert mit dem Tempo der Autofahrer aus Richtung Höpfigheim: „Das Ortsschild ist kurz vor der ersten Mittelinsel – warum bringt man nicht wie in Kleinbottwar oder Höpfigheim schon vor Ortsbeginn ein Tempo-50-Schild an, damit früher abgebremst wird?“ Auch andere Eltern äußern sich besorgt. „Der Gemeinde muss bewusst sein, dass die Neubaugebiete seit Jahren wachsen, und sie gibt die Empfehlung, für den Schulweg an dieser gefährlichen Stelle zu queren“, sagt Martin David. Auch er finde es schwierig für Kinder, auf Autos zu reagieren, deren Fahrer ihnen den Vortritt geben wollen.

Das Neubaugebiet im Langen Feld wächst seit Jahren

Terminlich verhindert ist an diesem Morgen der Bürgermeister Torsten Bartzsch, wie CDU-Rat Giorgio Monteleone weiß. Er hatte in einer Ratssitzung vor der Sommerpause die Haltung der Kreisbehörde auf Anfrage von Monteleone erklärt. Auf Anfrage unserer Zeitung sagt Bartzsch, man habe schon einiges verbessert, etwa eine feste Messtafel an der Straße angebracht, Werbeschilder verboten und Büsche beschnitten, um die Sicht zu verbessern. Dem CDU-Ortschef Pfohl reicht das nicht. Er zeigt auf zugewucherte Verkehrswarnschilder am Straßenrand. Auch fehle an der Stelle, an der das Mädchen verunglückte, ein Geländer. Man müsse die Kinder besser schützen, sagt Pfohl, der an dem Tag 54  Unterschriften sammelt. „Wir sollten nicht warten, bis wieder ein Unfall passiert.“

Ein Vater sammelte vor zehn Jahren schon mal 300 Unterschriften

Dann tritt die 16-jährige Marie Fischer mit ihrem Vater Andreas an den Stand. „Ich bin hier als Dreijährige von meiner Mutter an der Jacke vor einem Auto zurückgerissen worden.“ Der Vater sammelte vor zehn Jahren 300 Unterschriften. „Wir fanden damals kein Gehör – jemand sagte, dass ich schon der Dritte sei, der Unterschriften sammele.“

Wie können Erstklässler auf ihren Schulweg vorbereitet werden?

Grundsatz
 Aus Sicht der Polizei müssen Kinder auf ihren Schulweg gut vorbereitet werden und lernen, ihn selbstständig und sicher zu bewältigen. Die Eltern seien dabei die wichtigsten Unterstützer. Sie können mit dem Kind richtiges Verhalten trainieren. Training Regelmäßiges Trainieren ist wichtig. Dabei können Eltern die Gefahren im Straßenverkehr erklären. Die Kinder sollten aber nicht überfordert werden. „Arbeiten Sie ruhig und mit vielen Wiederholungen“, rät die Polizei. Schulwegpläne sollten beachtet werden.

Konkret Zeitdruck und Hektik können Unfälle provozieren, warnt die Polizei. „Ihr Kind soll deshalb immer rechtzeitig zur Schule aufbrechen.“ Helle Kleidung und Reflektoren helfen, die Kinder besser zu sehen. Gut sei für sie auch, mit anderen Kindern zu gehen. 

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