Abgelegen beschreibt die Situation nur unzureichend: Erst nach eineinhalbstündigem Flug übers Wasser tauchen kleine dunkle Kleckse auf, scheinbar willkürlich in den Pazifik gestreut. Karge Vulkaninseln, umtost vom Meer. „Nichts kann weniger einladend sein. Überall ist schwarze Lava, überwachsen von blattlosem Gestrüpp. So könnte man sich den kultivierteren Teil der Hölle ausmalen“, notiert Charles Darwin, als er am 16. September 1835 die Galapagosinsel San Cristóbal betritt. Damals ahnt er noch nicht, dass dieser Besuch ihn und das Inselreich einmal berühmt machen würde.
Was der englische Naturforscher auf Galapagos findet, revolutioniert die Wissenschaft. Seine Evolutionstheorie führt bis heute zu Streit zwischen Darwinisten („natürliche Selektion“) und Kreationisten („von Gott geschaffen“). Beim Anblick der großartigen Natur drängen sich tatsächlich biblische Bilder auf, vom Garten Eden und der Arche Noah. Die Begegnung mit Riesenschildkröten mit seltsamem Sattelpanzer und blaufüßigen Tölpeln manifestiert dagegen Darwins Erkenntnis, dass sich Lebewesen an ihre Umwelt anpassen.
Eldorado für Wissenschaftler
Aus welchem Blickwinkel auch immer: Bei der Einschätzung, dass dieser Archipel schutzwürdig ist, herrscht Einigkeit. Nach den Piraten, den Walfängern, den Militärs und den Sträflingen kommen im vergangenen Jahrhundert die Forscher und die Naturschützer. Seit 1978 haben die Galapagosinseln Unesco-Welterbe-Status. Bei der UN-Klimakonferenz Ende 2022 wird das Meeresschutzgebiet auf eine Fläche von 500 000 Quadratkilometern vergrößert.
Nur fünf der 13 größeren und weit über 100 kleineren Inseln sind bewohnt: San Christóbal mit der Hauptstadt Puerto Baquerizo Moreno, Isabela, Floreana und Santa Cruz, sowie Baltra mit Flughafen, Hafen und Militär. Knapp 30 000 Menschen leben hier. Dafür ist die Dichte endemischer Arten die höchste der Welt – ein Paradies für Wissenschaftler wie Lenyn Betancourt und Andrea Carvajal. Sie arbeiten an der Erforschung und dem Erhalt von Galapagos’ Tier- und Pflanzenwelt.
Das Reich der Biologen ist kühl und nüchtern. In einer Art begehbarem Kühlschrank mit Schubladenschränken pflegen sie eine Vergleichsdatenbank mit Insekten. „Damit kann man abgleichen, ob irgendwo eine neue Art entdeckt wird“, erklärt Lenyn Betancourt. Auf den Galapagosinseln kommt das tatsächlich öfter mal vor. Jüngst hat man eine neue Bienenart gefunden. Manche Schubladen stecken voller Käfer, andere beherbergen Schmetterlinge. Es gibt Nachtfalter, Ameisen, Spinnen und Tausendfüßler.
Die Sammlung ist einzigartig, hat aber ein Geldproblem. „Insekten sind nicht so attraktiv für Sponsoren. Da geben süße Schildkrötenbabys mehr her“, sagt Betancourt. Auch der Liebling seiner Kollegin ist kein Marketingschlager: Die Miniwespe Braconidae hat es ihr angetan, einen Millimeter groß, aber „so wunderbar komplex“, dass Andrea Carvajal Stunden über dem Mikroskop verbringt, um Kieferknochen zu vergleichen. „Meine Passion“, sagt sie.
Schatzsuche nach einer neuen Art
Die Biologen forschen auch draußen. „Jeder träumt von der Entdeckung einer neuen Art, die dann den eigenen Namen tragen wird“, erzählt Andrea Carvajal. Die Chance dazu hat die Kolumbianerin aber nur, solange ihr Vertrag läuft. Der gewährt ihr Wohnrecht auf Galapagos. Ein festes Bleiberecht bekommt nur, wer hier geboren ist – wie Lenin Betancourt – oder einheiratet.
So wie Veronica Sanchez, die als Nationalpark-Guide Touristen führt. Die Mutter dreier Kinder kommt aus Quito, der hoch gelegenen Hauptstadt Ecuadors. „Mein Vater war Chauffeur bei einer der ersten Touristenagenturen und nahm mich mit auf Tour“, erzählt sie in bestem Deutsch. Das hat sie gelernt, als sie nach Abitur und Touristikstudium ihre Oma zu deren ausgewanderter Tochter, Veronicas Tante, in einen Ort bei Kleve in Nordrhein-Westfalen begleitete. Dort blieb die junge Ecuadorianerin ein Jahr als Au-pair.
https://www.stuttgarter-zeitung.de/inhalt.riesenschildkroete-galt-schon-als-ausgestorben-riesenschildkroete-auf-gal-pagos-entdeckt.3daa1dcf-2127-430a-94c7-e40779026908.html
Zurück in Quito arbeitete sie als Reiseleiterin für deutschsprachige Gäste. Die Entdeckung von Galapagos „war Liebe auf den ersten Blick“. Wie passend, dass der Mann, den sie in Quito kennen- und lieben lernte, von den Inseln stammt. Ohne zu zögern siedelte sie mit ihm nach Santa Cruz um, wo die drei Kinder geboren wurden. „Das hier ist der beste Platz auf der Welt für Kinder, um Respekt für Mensch und Natur zu entwickeln“, sagt Sanchez.
Wie ihr Kollege Gabriel Tapia steht Veronica Sanchez als Nationalpark-Guide im Spannungsfeld zwischen Vermarktung und Schutz des Naturreichs. „Galapagos ist abhängig vom Tourismus, das hat die Pandemie gezeigt. Doch der Tourismus darf nicht nur Geldquelle für Einzelne sein“, sagt sie. Tapia versteht sich als Behüter und Wächter eines schonenden Tourismus mit strengen Regeln.
Von Flensburg nach Ecuador
Christian Cuvi, Kapitän auf dem Hurtigruten-Expeditionsschiff „Santa Cruz 2“, weiß davon ein Lied zu singen. „Bei uns gelten strenge Umweltstandards. Da wird kontrolliert, wie sauber das Abwasser gefiltert ist und ob die Lichter so gelb sind, dass sie Insekten nicht anziehen“, sagt er und erinnert sich etwas wehmütig an frühere Zeiten mit spontanen Schnorchelstopps und Inselexpeditionen. „Das geht heute alles nicht mehr.“ Für die Natur seien die strengen Gesetze aber hervorragend.
Die Natur war es, die den U-Boot-Offizier sofort faszinierte. Cuvi wurde als Stipendiat in Flensburg ausgebildet und hat für Ecuador Unterwasser-Wache geschoben, bevor man ihn als Hafenkapitän von Galapagos wieder an die frische Luft ließ. „Ich kann nie genug kriegen von den Inseln, den Tieren, der Umgebung“, sagt er. „Hier gibt es keinen Sturm, keine Riesenwellen und eine geniale Natur, es ist niemals langweilig.“ Auch seine Frau, die er in Flensburg fand und nach Ecuador „entführte“, liebt die Inseln. Nur für die Ausbildung der Kinder zog die Familie eine Zeit lang aufs Festland. Heute studiert der Sohn in Hamburg, die Tochter lebt mit Familie in Houston, während die Eltern zurück im Paradies sind.
Albtraum ausländische Flotten
Die Ausweitung des Schutzgebietes begrüßt Christian Cuvi. Gleichwohl sei die Küstenwache überfordert mit den chinesischen Frachtern, die am Rande der Schutzzone oder auch darin fischen. Oder wie es Tapia formuliert: „Die asiatischen Flotten sind ein Albtraum. Was ein Japaner in einem Monat herauszieht, schaffen unsere Fischer im Jahr nicht.“ Denn die fischen handwerklich mit Langleine – um das extrem sensible Gleichgewicht im Galapagos-Archipel zu erhalten.