In der israelischen Gemeinde Beth El spricht man in der dritten Generation Schwäbisch. Ein Besuch in dem christlichen Kibbuz.

Korntal-Münchingen/Jerusalem - Dass nun sogar Hollywood-Stars in Beth El einkaufen, ist ihm peinlich. „Wir wollen mit diesen Leuten nicht in Verbindung gebracht werden“, sagt Jehuda Fehlauer. Dass man ihnen trotzdem den letzten Schrei in Sachen Sicherheit verkauft, ist ein Kompromiss im Namen einer höheren Mission. Mit dem hellen Teint, dem blonden Scheitel, der zarten Statur wirkt der 38-Jährige etwas kontrastarm in der Mittelmeersonne Israels, scheint fast über dem Boden zu schweben: der perfekte PR-Mann für einen Betrieb, der den Erfolg in Gottes Hand legt.

Die Fabrik steht am Rand des Städtchens Zichron Yaakov, dort leuchtet auf grauem Putz ein Regenbogen, durch den eine Arche fährt, das Logo von Beth El Industries – und somit von 900 bibeltreuen Deutschen. Man kann sie für Spinner halten oder für Sektierer. Aber sie sind auch ein schwäbisches Erfolgsmodell: Weltmarktführer mit Exporten in 71 Länder bis nach Korea.

Der Verkaufsschlager ist auf den ersten Blick ein Wandschrank, wie er in jedem Einrichtungshaus zu finden ist. Seine Besonderheit: er lässt sich zu einem transparenten Zelt ausziehen. Zum Schutzraum für eine Großfamilie zwischen Plastikfolie und Eiche rustikal oder Kiefer weiß. Ein ausgeklügeltes Filtersystem gewährleistet, dass man darin atmen kann, während draußen die Welt untergeht. Es hält Giftgase auch aus Bunkern oder Panzern fern, spendet gleichzeitig saubere Luft. Das israelische Verteidigungsministerium und die Nato kaufen bei Beth El ein, die Schwaben wappnen Krankenhäuser, Schulen und Privathaushalte für den Ernstfall.

Steine auf die Eindringlinge

Es war keine Geschäftsidee, es war ein Rettungsplan, der die Christen nach Israel führte. Emma Berger aus Korntal, Röntgenschwester im Zweiten Weltkrieg, saß der Tod schon im Genick, als sie Gott versprach, bibeltreu zu leben – wenn er sie denn ließe. Die Strahlen hatten ihr die Leber zerfressen. Im Buch Moses las sie: „Wer Israel segnet, sei gesegnet.“ Dem Propheten Sacharja entnahm sie, dass auch eine kleine Gruppe von „Gojim“, Nichtjuden, bewahrt werde, die friedlich unter dem auserwählten Volk lebt.

Sie sammelte Spenden und wanderte Ende der 50er Jahre mit ihrem Bibelkreis nach Israel aus. Dort lebten sie zunächst von der Landwirtschaft, buken Brot. Sie hielten sich an ihre Prämisse, nicht mit ansässigen Firmen zu konkurrieren, nichts herzustellen, was es im Land schon gab – es sei denn zum Eigengebrauch. Trotzdem warf man Steine auf die Eindringlinge, hielt sie für Missionare, Nazis oder beides zugleich. Die Schwaben schotteten sich ab.

Bei Jeremia las Emma Berger: „Denn der Tod ist durch unsere Fenster gestiegen.“ Das passte gut zu ihrer Vision: Sie hatte von einem Kästchen geträumt, von dem sie glaubte, dass es Gase eines ABC-Angriffs neutralisieren könne. Ein Apparat, aus dem Luft strömt, die nicht nach Tod schmeckt. In Bunkern war man damals zwar sicher, aber nach Stunden erstickte man qualvoll.

Ein Leben wir im Naturchutzgebiet

1984 starb Emma Berger, ohne die Ankunft des Herrn erlebt zu haben. Was von ihr blieb, ist die größte nichtjüdische Gemeinschaft Israels. Und ein Gesetz: die Lex Berger. Die Gründerin hatte so viele Güter zugekauft, dass es dem jungen Staat angst und bange geworden war. Seitdem darf Land nur an Ausländer verkauft werden, wenn zuvor eine Kommission zugestimmt hat.

Zichron Yaakov ist eine Kleinstadt in der Taille Israels, wo das Land im Korsett aus Mittelmeer und Westjordanland ganz schmal wird. Beschaulichkeit, Weinberge, Beth El: wenn man in den Straßen nach den Deutschen fragt, kennt jeder die Fabrik, aber keiner scheint genau zu wissen, wo sie leben. Das Gemeindehaus liegt versteckt in einem hügeligen Wohngebiet mit gepflegten Vorgärten, daneben ein Altersheim: Bethanien. Die Mitglieder von Beth El werden sehr alt.

„Weil wir uns vor Einflüssen von außen schützen“, sagt Fehlauer. Außen, das ist Fernsehen und Internet, aber auch das Land, in dem sie sich eingerichtet haben. „Wir leben hier wie in einem Naturschutzgebiet“, sagt Abigail Messele und genießt einen Augenblick die Sonne zwischen Geranien und einem Rehkitz aus Porzellan, bevor sie Medikamente und freundliche Worte verteilt. Die 20-jährige Pflegerin trägt das lange Haar geflochten und einen Rock, der ihre Waden bedeckt. Abigail Messele schwätzt Schwäbisch, als komme sie von der Alb. Dabei ist ihre einzige Erinnerung an Deutschland ein Imbiss-Stand, der „Göggele“ verkauft. Es war nur ein sehr kurzer Besuch.

Erst Schwäbisch, dann Hebräisch

Es scheint, als ob sich die Gemeinschaft am liebsten selbst in den Schutz ihres Schrankzelts verkriechen würde. Doch Fehlauer wiegelt ab: „Wir wollen kein chemisch reiner Raum sein, eher ein stabiles Immunsystem.“ Ein System, das aus drei Körperschaften besteht: 14 Brüder oder Älteste bilden die geistliche Führung. Sie werden berufen, nicht gewählt – „um keine Politik reinzubringen“. Fragen des täglichen Lebens bestimmt das Sekretariat, das alle drei Jahre von der Vollversammlung gewählt wird. Dann ist da noch die Industrie mit sieben Firmen in Israel, einer in den USA und dem Hauptsitz in Zichron Yaakov.

Abigail Messele ist eines der Rädchen, ohne die die Gemeinschaft nicht funktioniert. Wie alle in Israel aufgewachsenen Mitglieder hat sie die Privatschule auf dem Fabrikgelände besucht. Hier werden die Kinder von Beth El geschliffen für ihren Platz in dem Mechanismus aus Industrie und Glauben, lernen erst Schwäbisch, dann Hebräisch, dann Schaffen. Schullektüre sind die Bibel und technische Fachliteratur – für die Jungs.

„Es findet sich für jeden ein Platz. In der Waschküche oder in der Landwirtschaft, einige Mädchen wollen auch Lehrerinnen werden, die studieren dann hier oder in der Schweiz“, sagt Fehlauer. Wer darf studieren? „Das entscheiden gewisse Gremien.“ Es sei auch nicht ausgeschlossen, dass Frauen religiöse Führer würden, fügt er hinzu. Aber derzeit seien es eben Männer.

Die Geschichte von Jehuda Fehlauer aus Korntal

Im Internet findet man nicht viel zu Beth El, ein paar wohlgesinnte Artikel in jüdischen Zeitungen und einen Blog: Johann Blake schreibt da, dass er ausgeschlossen worden sei, weil er sich geweigert habe, ihm zugewiesene Arbeit zu übernehmen. Dass die Kibbuz-Form nur Papiersache sei, weil man so ein Anrecht auf staatliche Leistungen habe. Insgeheim sei es aber erlaubt, privates Vermögen und ausländische Konten zu behalten. „Es ist kein Geheimnis, dass Beth El der reichste Kibbuz in Israel ist.“ Verfügung über den gemeinsamen Besitz hätten allein die Ältesten, schreibt der Blogger. Bei einem Treffen mit Minister Benjamin Ben-Eliezer drückte sich der Geschäftsführer von Beth El so aus: „Was wir hier machen, soll dem Land dienen und nicht unsere Taschen füllen. Wir sind aus reichen Ländern hierhergekommen. Uns fehlt es an nichts.“

Jehuda Fehlauer war 20, als er aus Korntal kam. 36-mal hatten seine Eltern die Gemeinde im Heiligen Land zuvor besucht. Auf beiden Seiten wollte man sicher sein, dass die Motive stimmen. „Da ging man dann mit, das war keine Frage“, sagt er. Man, das ist er. Fehlauer deutet auf ein Produktionsband. „Geht alles direkt nach Afghanistan.“ Klimaanlagen für den Boxer, ein Transportfahrzeug der Bundeswehr. Die Erlöse fließen in immer neue Firmen, „wenn Gott eine Tür öffnet“. Die Schwaben liefern auch Siemens und Philipps zu, stellen eine Kraftstoffspritzeinlage her, die in fast allen Linienflugzeugen steckt, außerdem Notstromaggregate, Hydraulikzylinder. Hinter Fehlauer stapeln sich verschweißte Ventile, kindskopfgroß. Sie sollen in den U-Bahn-Stationen von Singapur verhindern, dass bei einer Explosion die Druckwelle durch den Raum jagt.

Hatte Beth El Industries vor 15 Jahren noch um die hundert Mitarbeiter, sind es inzwischen zehnmal so viele. Der Umsatz des Exportgeschäfts erlaubt es, die Israelis mit ABC-Schutz-Anlagen zum Herstellungspreis zu versorgen. „Die Beziehungen zu Israel sind so eng, dass ich es nicht weiter ausführen kann“, sagt Fehlauer und lächelt, als sei ihm Anzügliches herausgerutscht. Und seltsam ist es ja auch. Dass die Deutschen die Juden in ihrem eigenen Land ausgerechnet vor Giftgas schützen wollen, um sich selbst zu erlösen. Fehlauer erzählt die nüchterne Version der Gründungsgeschichte. „Man wollte autark sein, aber alles war fremd.“ Bei administrativen Problemen ließ sich die Gemeinschaft von einem Israeli helfen. Einem, der nicht mit Steinen warf. Zufällig war der Mann als Reservist zuständig für Schutzräume. Er habe gedrängt: „Macht doch in diesem Bereich was für unser Land!“

Die Angst vor der Atombombe

1973 entwickelte Beth El die erste Generation Filter und präsentierte sie dem Verteidigungsministerium. „Hirnrissig“, befanden die Israelis. Doch als im ersten Golfkrieg die Zivilbevölkerung zur Zielscheibe wurde, interessierte man sich plötzlich für das, was die Deutschen in ihrer kleinen Fabrik bauten. Später wuchs die Angst vor einer Atombombe aus dem Iran. Und jetzt ist da die Furcht vor Gas aus Syrien.

Wen man Abigail Messele fragt, wieso Beth El so erfolgreich ist, wird sie sagen: Weil gesegnet sei, wer Israel segnet. Jehuda Fehlauer sagt: „Vielleicht ist es gut, dass wir so isoliert waren.“ So sei Beth El unbeeindruckt von bestehenden Technologien eigenen Ideen nachgegangen. Er lässt den Mauspfeil über eine Powerpoint-Collage tanzen: Dingo, Piranha, Mungo und wie sie alle heißen. In mehr als 120 Fahrzeugtypen von Armeen aus aller Welt – nur nicht in arabischen selbstverständlich – steckt der kleine Zauberkasten der Schwaben.

Es ist das Dilemma von Beth El Industries: Je größer die Bedrohung Israels, umso besser laufen die Geschäfte, umso mehr Geld kann die Gemeinschaft in die Entwicklung ihrer Technologie stecken, umso komplexer wird der Apparat, werden moralische Entscheidungen. Entspricht es noch der Vision, Panzer zu rüsten? „Ich weiß nicht, was schwieriger ist: den Kunden von einem Auftrag zu überzeugen oder die Brüder“, sagt Fehlauer.

Ein gutes Mädchen

Sein semmelblonder Vetter wirkt nicht so zart wie er. Man kann ihn sich gut in Pfadfinderkluft vorstellen. Sein halbes Leben hat der 30-Jährige in Israel verbracht, die andere Hälfte in Freudenstadt. „Ich hab das völlig gekappt“, sagt er. Dabei war er mit seinen Inline-Skates gerade Meister in der Halfpipe geworden, hatte schon einen Ausbildungsplatz bei Siemens in der Tasche. Aber die Eltern hatten 20 Jahre auf den Ruf aus Israel gewartet. Der Vater verkaufte seine Chemiefabrik mit 70 Arbeitern, das Haus und fünf Autos.

Michael Fuchs ist auch Geschäftsmann geworden. Aber einer, der keine 200 Euro Taschengeld im Monat bekommt. Miete, Strom, Essen zahlt der Kibbuz. Das Wohnhaus, sagt Fuchs, könne man sich bei der Immobilienstelle aussuchen, drei Volleyballplätze gebe es hier, einen Fahrzeugpool mit Hunderten von Autos, eine Tankstelle, ein kostenloses internes Handy-Netzwerk. Hier rauche keiner, es gebe keine Scheidungen. „Aber nicht weil es verboten wäre“, fügt Fuchs rasch hinzu: „Es passiert einfach nicht.“

Abigail beendet ihre Abendrunde im Altenheim, sieht nach Frieda, 98, und Elisa, 102, die sich auf dem Sofa über ein Gesangbuch beugen. Kaum zu hören ist ihr Gotteslob. Carl begleitet die Frauen mit heiserem Bass. Er gehört zu den paar Kanadiern, die auch nach Beth El gefunden haben. Zwei seiner Söhne sind mit Schwestern von Abigail verheiratet. „A good girl“, lobt er.

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