Bei einem derart exponierten, aus dem Remstal oder vom Stuttgarter Höhenpark Killesberg noch sichtbaren Gebäude werden Veränderungen natürlich schnell bemerkt. So auch am Mittwochabend, als die Ehrengäste der Bauübergabe der neuen Fellbacher Maicklerschule durch die großen Fenster auf der Ostseite beste Sicht auf den Schwabenlandtower hatten. „Ah, es geht voran, es tut sich was beim Tower“, sagte eine Lehrerin frohgemut.
Tatsächlich wird gewerkelt an Deutschlands fünfthöchstem Wohngebäude. Doch statt des allseits erhofften Fortschritts sind die aktuellen Aktivitäten am 107-Meter-Turm ein klares Zeichen für einen weiteren, ernüchternden Rückschritt.
Adler-Group sucht nach einem Käufer
Denn der 120 Meter hohe Tower-Kran, Anfang Oktober in einer spektakulären mehrtägigen, von Schaulustigen begleiteten Aktion in die Höhe gestemmt, ist mittlerweile zu einem Kränchen geschrumpft. Binnen zwei Tagen war der Kran nur noch halb so groß, inzwischen ist quasi nur noch ein Stumpf zu sehen.
Völlig überraschend kommt diese Krandemontage allerdings nicht. Vielmehr halten es die kundigen Beobachter aus Lokalpolitik und aus der Stadtverwaltung für einen nachvollziehbaren Schritt, nachdem die Kommunikationsabteilung des Investors, der Adler Group, im Februar gegenüber unserer Zeitung eher vage und verklausuliert verkündet hatte, man sei „zum Schluss gekommen, für das Projekt Schwabenlandtower einen Verkauf in Erwägung zu ziehen“.
Aus diesen Erwägungen sind mittlerweile handfeste Absichten geworden. Fündig geworden bei ihrer Suche nach einem Käufer des 34-stöckigen Rohbaus, der seit Jahren kaum richtig voranzukommen scheint, bisher jedoch offenkundig nicht.
Große Transparenz ist bei den Beteiligten des Tower-Projekts ohnehin selten erkennbar. Warum wird der Kran denn nun abgebaut? Die Frage geht an jene Firma, die schon im Oktober für den Aufbau zuständig war: die BBL Baumaschinen GmbH, Kranvermietung, mit Sitz im saarländischen Friedrichsthal. Am Donnerstagmorgen hieß es dazu lediglich: Zum Abbau „geben wir keine Auskunft“, so der Mann von der Telefonzentrale nach Rücksprache mit einer Vorgesetzten.
Und was sagt die Adler-Gruppe? „An unserer Position zum Projekt Schwabenlandtower hat sich nichts geändert“, heißt es auf Nachfrage aus dem Head of Corporate Communication. Bestätigt wird ansonsten, was Adler bereits im Spätwinter bekannt gegeben hatte: „Für das Projekt ist eine Veräußerung an einen Investor beziehungsweise einen Kooperationspartner vorgesehen.“ Zur derzeitigen Entwicklung auf der Baustelle teilt die Adler-Kommunikationsabteilung außerdem mit: „In der Tat wird der große Kran diese Woche abgebaut.“ Zugleich versichert die Pressesprecherin Dobroslawa Pazder: „Dies hat aber keinen Einfluss auf den geplanten Verkauf des Projektes.“ Denn: „Wir befinden uns bereits in Gesprächen mit mehreren Interessenten. Bitte haben Sie Verständnis, dass wir darüber hinaus Einzelheiten nicht weiter kommentieren.“
OB Zull trifft sich demnächst mit Adler-Vertretern
Aus dem Fellbacher Rathaus hieß es am Donnerstagnachmittag, Oberbürgermeisterin Gabriele Zull werde sich demnächst, also noch im Sommer, mit Adler-Vertretern treffen, um den aktuellen Stand zu eruieren und das weitere Vorgehen zu besprechen.
Diverse Adler-Chefs waren in den vergangenen Jahren in Fellbach aufgetaucht: Im Juni 2021 gestaltete Jürgen Kutz, Chief Development Officer der Adler Group, gemeinsam mit dem Tower-Architekten Jörg Wolf aus Backnang eine Pressekonferenz im 30. Stockwerk direkt vor der rot-weißen Bretterabsperrung. Direkt am Abgrund stehend stellte Kutz klar: „Dies ist keine Ruine, dies ist ein Rohbau.“ Die Gesamtinvestition bezifferte er seinerzeit auf Nachfrage mit leiser Stimme auf 120 Millionen Euro.
2022 hieß es, der Wohnturm werde 2024 bezugsfertig
Nachdem die Stadtpolitiker immer unruhiger geworden waren, startete Kutz’ Nachfolger Bernd Schade die nächste Charmeoffensive und kündigte im April 2022 im Gemeinderat an: Der Tower solle, wenn alles ideal laufe, im Jahr 2024 bezugsfertig sein.
Dass aus all dem nun nichts wird und die Zukunft des Towers mehr denn je in den Sternen steht, hängt mit der finanziellen Schieflage zusammen, in die Adler geraten ist. Nach einer gerichtlich auferlegten Restrukturierung hat der in Luxemburg sitzende Konzern mit dem Abstoßen unvollendeter Projekte begonnen. Stattdessen wolle sich das Unternehmen aufs Kerngeschäft mit Bestandsimmobilien in Berlin konzentrieren. Diese neue Marschrichtung betrifft mit dem Eiermann-Campus in Stuttgart-Vaihingen auch ein weiteres Großprojekt in der Region. Zuletzt hieß es, die Stadt Stuttgart bereite den Kauf des Eiermann-Areals vor.
Ähnliche Visionen oder Lösungen für den millionenteuren Fellbacher Super-Tower sind derzeit eher unwahrscheinlich. SPD-Fraktionschef Andreas Möhlmann hatte bereits vor einigen Wochen klargestellt: „Die Stadt als Rettungsanker kommt für dieses Hochrisikoprojekt nicht infrage.“
Tower in der Dauerkrise
Spatenstich
Angespornt vom damaligen OB Christoph Palm, ging der Esslinger Investor Michael G. Warbanoff das 107-Meter-Hochhaus auf dem einstigen Fromm-Areal im Fellbacher Osten an. Zuvor stand dort eine Bauruine für ein nicht fertiggestelltes Hotel. Der Baubeginn für den als Gewa-Tower bezeichnete Wohnturm war im Mai 2014.
Insolvenz
Im Herbst 2016 folgte dann jedoch, trotz Warbanoffs vorheriger Dementis, der Baustopp, weil das Geld ausging. Als neuer Investor sprang die CG-Group von Christoph Gröner ein. Statt der anfangs gedachten 66 Luxusapartments (Kostenpunkt bis zu 4,5 Millionen Euro) sah das neue Konzept nun 194 Mietwohnungen vor.
Käufersuche
Später übernahm die Adler Group das Projekt. Der angekündigte Baukran wurde zwar im Oktober 2022 errichtet. Im Februar 202 allerdings verkündete Adler, dass man auf der Suche nach einem Käufer sei. In dieser Woche wird der Kran wieder abgebaut. Eine Lösung für den Wohnturm in Dauerkrise ist nicht in Sicht.