InterviewSchwäbisch-Forscher Rudolf Bühler Zwischen „Grombiera“ und „Äbiera“

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Rudolf Bühler von der Universität Tübingen arbeitet an einem Sprachatlas für den Kreis Böblingen. Dabei will er auch kleinsten Unterschieden des Schwäbischen auf die Spur kommen.

Kartoffeln heißen mal „Grombiera“ und mal „Äbiera“. Foto: dpa
Kartoffeln heißen mal „Grombiera“ und mal „Äbiera“. Foto: dpa

Böblingen - Schwäbisch ist nicht gleich Schwäbisch. Während man in einem Ort für „Ich habe“ eher „I han“ sagt, heißt es woanders „I hau“. Und wenn ein Stuttgarter mit einem Schwaben von der Alb redet, könnte es auch zu Problemen bei der Verständigung kommen. Auch im Kreis Böblingen wird verschieden geschwätzt. Rudolf Bühler, ein Sprachwissenschaftler aus Tübingen, erforscht diese Unterschiede.

Herr Bühler, was genau erforschen Sie im Kreis Böblingen?
Rudolf Bühler: Ich arbeite an einem Sprachatlas für den Landkreis. Das heißt, ich erforsche, wie sich der Dialekt in den 60 Teilorten unterscheidet. Dazu führe ich Interviews mit Einheimischen.
Wie muss man sich ein Interview vorstellen?
Ein Interview dauert in etwa eine bis zwei Stunden. Für die Gesprächspartner kann so etwas mental anstrengend sein, immerhin müssen sie viele Fragen am Stück beantworten. Ich vergleiche das immer mit einer Art Vokabeltest. Ich habe dann eine Wortliste zu Alltagsthemen dabei und frage, wie die Begriffe in diesem Ort ausgesprochen werden. Ich frage dann zum Beispiel nach dem Wort für Tisch oder Stuhl oder wie bestimmte Verwandte heißen. Das ergibt einen Querschnitt durch den Wortschatz.
Wie finden Sie Ihre Gesprächspartner?
Ich wende mich meistens an die Bürgermeister, die ich als sehr kooperativ erlebt habe. Sie wissen, wen man in ihrem Ort ansprechen muss. Das sind nicht immer nur ältere Leute, es waren auch Jüngere dabei.
Welche Erkenntnisse ziehen Sie aus den Interviews?
Aus der Aussprache einzelner Begriffe kann man bestimmte Sprachgrenzen ableiten. Generell zeigt sich, dass sich die Menschen im Gäu sprachlich in Richtung Rottweil orientieren, der nördliche Teil des Kreises, Weil der Stadt und Weissach etwa, eher in Richtung des Pforzheimerischen und Weil im Schönbuch mehr in Richtung des Zentralschwäbischen. Aber das sind vorläufige Ergebnisse, ich bin noch mit der Auswertung beschäftigt.
Haben Sie ein Beispiel für einen unterschiedlich ausgesprochenen Begriff?
Ja, zum Beispiel die Kartoffel. In Deufringen wird sie „Grombiera“ genannt, in Eltingen dagegen „Äbiera“. Der Teil „bier“ leitet sich übrigens von „Birne“ ab – Kartoffel heißt also so etwas wie „Erdbirne“, analog zu „Erdäpfel“.
Gab es für Sie überraschende Erkenntnisse?
Da muss ich etwa an den Begriff für „Blechkuchen“ – also Apfel- oder Pflaumenkuchen beispielsweise – denken. In Gärtringen wird er ganz einfach „Kuchen“ genannt, in Aidlingen sagt man „Bearda“ dazu und in Deckenpfronn heißt er „Steckling“. Fragt man allerdings in einem Ort, der vielleicht nur wenige Kilometer entfernt liegt, nach einem von den anderen Begriffen, sagen die Leute, das hätten sie ja noch nie gehört. Das finde ich faszinierend.
Wie weit sind Sie mit Ihrer Studie?
Die Interviews habe ich geführt, jetzt arbeite ich wie gesagt an der Auswertung. Mein Manuskript muss ich Ende des Jahres abliefern, der Landkreis verlegt es dann.
Wie sind Sie auf die Idee für einen Böblinger Sprachatlas gekommen?
Das war bei einem Vortrag in Böblingen über schwäbische Dialekte, den der Leiter der Tübinger Arbeitsstelle „Sprache in Südwestdeutschland“, Professor Hubert Klausmann, gehalten hat. Da war der Landrat Roland Bernhard dabei, der sich für dieses Thema interessiert. Er hatte die Idee.
Noch eine Frage zum Schluss: glauben Sie, dass das Schwäbische aussterben wird?
Wissen Sie, es hieß auch schon vor einhundert Jahren, dass der Dialekt stirbt. Natürlich verschwinden manche Begriffe, wenn sich die Lebenswelt der Menschen ändert. Das merkt man zum Beispiel bei Worten aus der Landwirtschaft, die heute nicht mehr gebraucht werden. Aber dann gibt es wieder neue Begriffe, die sich dem Dialekt unterwerfen. Ich selbst sage zum Beispiel nicht Memory Stick sondern „Schtick“. Der Dialekt verändert sich, aber bisher hat er alle sozialen Umwälzungen überstanden. Ich glaube, das bleibt auch in Zukunft so.

Forschung für den Kreis Böblingen

Rudolf Bühler Foto: privat

Person: Rudolf Bühler wurde 1977 in Tübingen geboren, wuchs aber in Freiburg auf. In der Stadt im Breisgau hat er Germanistik, Geschichte und ostslavische Philologie studiert. Dort arbeitete er auch an der Erstellung des Südwestdeutschen Sprachatlasses mit. 2009 zog es ihn zurück nach Tübingen. Seitdem widmet er sich den Dialekten im nördlichen Baden-Württemberg. 2016 promovierte er zum Thema Sprachwandeltendenzen.

Publikation: Die Kreisarchivarin Helga Hager plant, im Sommer 2018 ein Buch mit Bühlers Forschungsergebnissen herauszubringen. Darin sollen auch Fotos mit Motiven aus dem Kreis zu finden sein. Die von Bühler ebenfalls aufgezeichneten Tondokumente will sie auf der Webseite www.Zeitreise-BB.de präsentieren. Die Kosten für das Projekt in Höhe von rund 30 000 Euro trägt das Landratsamt.




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