Schwäbische Familie mit syrischem Pflegesohn Nur Mülltrennung muss Amer noch lernen

Seit anderthalb Jahren lebt der syrische Flüchtlingsjunge bei der Sindelfinger Familie Arndt. Wie funktioniert der Alltag in der interkulturellen Familie: ein Zwischenbericht

Eine ganz normale Familie: die Arndts mit ihrem syrischen Pflegesohn. Foto: factum/Granville 3 Bilder
Eine ganz normale Familie: die Arndts mit ihrem syrischen Pflegesohn. Foto: factum/Granville

Sindelfingen - Vor anderthalb Jahren haben wir die schwäbische Familie Arndt aus Sindelfingen und ihren syrischen Gastsohn Amer vorgestellt. Das Ehepaar, dessen eigenen Kinder aus dem Haus sind, nahm den 15 Jahre alten Flüchtling in seinem Haushalt auf. Ungewohnt war die Situation damals noch für alle Beteiligten, schwierig die Verständigung: die Pflegeeltern sprechen kein Arabisch, der neue Mitbewohner konnte kaum Deutsch. 18 Monate später wollen wir wissen, wie geht es der Familie? Wie klappt das Zusammenleben so unterschiedlicher Kulturen?

17 Jahre alt ist Amer mittlerweile. Eigentlich heißt er ganz anders. Doch der Vormund des Jugendamts will nicht, dass der richtige Name in der Zeitung steht. Auch Amers Gesicht dürfen wir nicht zeigen. Das erste, was auffällt: Die Verständigung zwischen Amer und seinen Pflegeeltern klappt problemlos. Der 17-Jährige, der die Integrationsklasse des Pfarrwiesen-Gymnasiums besucht, spricht fließend Deutsch. „Ich bin schwäbisch geworden“, sagt Amer. „Aber nicht beim Essen.“ Nach wie vor kocht der Junge für sich syrische Kost. Seine Gastmutter Christine Arndt kann sich mit diesem Essen nicht anfreunden. „Ich mache mir lieber Linsen mit Spätzle.“ Ihr Mann Andreas ist mutiger. „Ich probiere auch das arabische Essen von Amer.“

Diskussionen um Müll und Heizung

Hauptdiskussionspunkt in der Familie ist die Mülltrennung, die ja bekanntermaßen im Kreis Böblingen besonders diffizil ist. „Uns ist dieser Punkt sehr wichtig, Amer nicht so. Das diskutieren wir immer wieder“, berichtet Christine Arndt. „Mir ist das zu kompliziert. Die eine Plastik kommt in einen Eimer, die andere in einen anderen. Das verstehe ich nicht“, sagt Amer. Ein anderes Thema, das häufig Anlass zu Gesprächen gibt, ist die Heizung. „Ich vergesse immer, sie auszumachen, wenn ich das Haus verlasse“, sagt Amer.

Sonst gibt es keine Probleme? Was ist mit Klassikern in Teenagerhaushalten? „Bei der Ordnung in seinem Zimmer sind wir tolerant“, meint die Gastmutter. Diskussionen über Ausgehzeiten gebe es keine. „Wir haben die Abmachung, dass Amer gemäß dem Jugendschutz um Mitternacht zuhause ist. Daran hält er sich.“ Ihren Erziehungsstil beschreiben die Arndts als „entspannt“. „Wir sind tolerant, Amer sehr selbstständig“, so der Gastvater . „Ich weiß nicht, ob wir die richtigen wären, wenn man ihn stärker beaufsichtigen müsste.“

Nicht in allen Gastfamilien laufe es so rund, weiß Andreas Arndt. „Manche Pflegefamilien berichten von erheblichen Problemen.“ Momentan leben im Kreis Böblingen 51 minderjährige Flüchtlinge in Gastfamilien. Doch es gebe wesentlich mehr Jugendliche, die gerne ein Zuhause bei einer Familie hätten, sagen die zuständigen Koordinatoren des Jugendamts, Melanie Welß und Monika Beck. „Wir haben eine Warteliste“. Die Verantwortlichen suchen weitere Familien oder Einzelpersonen aus dem Kreis, die bereit sind, minderjährige Flüchtlinge aufzunehmen. Das sei nicht einfach. Konfrontiert werden die Gastfamilien mit jungen Menschen, die zum Teil traumatische Erfahrungen im Krieg gemacht haben. Einstellen müssten sich die Familien auch darauf dass die Jugendlichen eine andere Religion, andere kulturelle Werte mitbringen.

Im Ramadan hält sich Amer strikt an das Fastengebot

Religion ist auch bei den Arndts immer wieder Thema. Das Ehepaar engagiert sich in der Kirchengemeinde und beim CVJM. Amer ist überzeugter Muslim, betet regelmäßig, besucht freitags die Moschee. Zu Konflikten, wie anfangs von Christine Arndt befürchtet, führt das aber nicht. Vor allem, weil für Amer das Zusammenleben mit Christen völlig selbstverständlich ist. „In Syrien hatten wir viele christliche Nachbarn und Freunde. Das ist für uns ganz normal.“ Die unterschiedlichen Glaubensvorstellungen führten gelegentlich zu interessanten Gesprächen, erzählt die Gastmutter. „Mir ist das Strenge des Islam fremd.“ Andreas Arndt empfand vor allem das Fasten im Ramadan für Amer als hart. „Das war während der Schulzeit und wir leben in einer Kultur, die darauf keine Rücksicht nimmt.“

Amer sieht keine großen Unterschiede in den Religionen. „In den Grundwerten sind wir alle gleich.“ Zumindest ein Wert verbindet die Arndts mit ihrem Pflegesohn: den der Hilfsbereitschaft. „Die ist uns wichtig. Und wenn wir Amer bitten, beim Holzmachen oder im Garten zu helfen oder wie kürzlich beim Renovieren des CVJM-Heims, ist er sofort dabei“, sagt Christine Arndt. „Das schätzen wir an ihm.“

Fußballabende mit dem Gastsohn

Unspektakulär sei ihr Alltag, meinen alle drei. Gelegentlich gebe es gemeinsame Grillfeste mit Freunden oder einen Fernsehabend der beiden Männer - Fußball ist dann angesagt. Da sind sich Amer und sein Gastvater nicht einig. Der Syrer ist Fan von Real Madrid, Arndt schätzt eher den VfB.

Noch offen ist, wie es weitergeht, wenn Amer im Januar 18 wird. Ob er bei den Arndts bleibt – er hat ja dann noch zwei Jahre bis zum Abitur vor sich. Oder ob er auszieht, selbstständig wird. „Das Jugendamt entwickelt gerade ein Konzept dafür“, sagt Andreas Arndt. „Das warten wir ab.“




Veranstaltungen

Unsere Empfehlung für Sie