InterviewSchwere Zeiten für Rockfabrik Ludwigsburg „Die Leute suchen heute das Besondere“

Von Peter Meuer 

Seit genau 33 Jahren gibt es die Rockfabrik. Der Geschäftsführer Christian Albrecht spricht über liebenswerte Rockstars und immer wieder auftauchende Gerüchte, dass die Einrichtung schließen müsse.

Christian Albrecht ist ein Macher der ersten Stunde der Rockfabrik. Jetzt ist er 55 Jahre alt – und will  die Großraumdisco trotz vieler Probleme weiter betreiben. Foto: factum/Granville 11 Bilder
Christian Albrecht ist ein Macher der ersten Stunde der Rockfabrik. Jetzt ist er 55 Jahre alt – und will die Großraumdisco trotz vieler Probleme weiter betreiben. Foto: factum/Granville

Generationen von Rockern haben in der Rockfabrik tolle Zeiten verbracht. Bands wie Metallica, Motörhead oder die Scorpions waren zu Gast. Doch die Szene wird kleiner und orientiert sich stärker an Events – was für die altehrwürdige Rofa Probleme bringe, wie der Geschäftsführer Christian Albrecht sagt.

Die Rockfabrik Ludwigsburg hat im November 1983 zum ersten Mal geöffnet. Was war damals die Vision, Herr Albrecht?
Wir waren ja selbst alle Rockmusik-Fans. Wir trugen die Haare lang, Jeans und Turnschuhe statt Lackschuhe – damit ist man Anfang der 80er nicht überall reingekommen. Also haben wir gesagt: Wir machen einen Laden auf, in den alle gehen können, die Rockmusik mögen. Ohne Kleiderzwang. Eröffnet hat die Rofa damals übrigens Roland Bock, mehrmaliger Wrestling-Champion, sein Ideengeber war mein jetziger Partner Otto Rossbacher. Auch ich war aber von Anfang an dabei.
Das Konzept ging offenbar auf. Bis heute hat die Rockfabrik bei Bands in ganz Europa einen guten Namen.
Das stimmt. Wir waren immer gut international besetzt. Sogar Metallica sind früher gerne hergekommen, nachdem sie entdeckt haben, dass es uns gibt. Sie spielten Shows in der Region und kamen danach vorbei, wenn sie Zeit hatten.
Wie ist die Rockfabrik Ludwigsburg in Deutschland einzuordnen?
Wir sind eine der größten, vielleicht die größte. Die Rofa ist damit manchmal ein Anachronismus. Aber darauf sind wir stolz. Andere Großraumdiscotheken im Rockbereich können sich kaum noch finanzieren. Einige haben zugemacht, die Rockfabrik in Nürnberg etwa. Auch der Rockpalast Würzburg hat vor Jahren aufgegeben.
Was hat sich seit 1983 geändert?
Die 80er waren geil, die 90er gut. Mittlerweile ist es schwieriger. Früher haben wir einfach aufgesperrt, und der Laden war voll. Die Zeiten sind vorbei. Heute haben die Leute ein anderes Ausgehverhalten, natürlich nicht nur im Rockbereich, sie machen lieber Barhopping, wollen Konzerte und Events. Andererseits haben wir Leute, die seit 33 Jahren herkommen. Es ist ein bisschen Wohnzimmer, du bist nie alleine, wenn du nicht alleine sein willst.
Hört die jüngere Generation andere Musik?
Rock und Metal leben. Aber in den 80er Jahren hatte der Rock einen ganz anderen Status. Das sieht man auch daran, dass viele nachgemacht haben, was wir vorgemacht haben. Da gab es auf einmal einen Rockpark in Remagen, viele Rockpaläste und Rockfabriken. Das waren Ableger, die nicht zu uns gehörten. Aber die Musiklandschaft hat sich verändert. Das volle Haus ist nicht mehr selbstverständlich, wenn man eine Discothek betreibt, die jeden Tag auf hat.
Samstags ist die Rofa in Ludwigsburg bei normalem Betrieb auch mal leerer. Was tun gegen diesen Trend?
Wir mussten und müssen uns immer mehr einfallen lassen. Andere Veranstaltungen, Konzerte, Mottopartys. Und daran arbeiten wir stets weiter. Du musst die Themen immer wieder durchwechseln und auf dem Laufenden bleiben. Events, Events, Events: Die Leute suchen heute das Besondere, sie wollen etwas angeboten bekommen. Aktuell sind unsere Halloween-Partys und die Abiparty am besten besucht. Da ist gigantisch viel los.
In der Szene hört man das Gerücht, die Rofa mache bald zu, immer häufiger.
Es gibt immer wieder Zeiten, in denen solche Gerüchte hochkochen. Übrigens gab es das bei uns von Anfang an: 1983 wollte uns zuerst keine Brauerei beliefern. Alle haben gesagt: in drei Monaten seid ihr weg, das Konzept läuft in der Größe nicht. Schlimm war es auch, als das Nichtrauchergesetz kam. Viele Leute, die nicht zum Tanzen herkamen, sind in Kneipen gezogen. Das hat uns viele Besucher gekostet. Auch damals kamen Fragen auf: Könnt ihr die Rofa halten? Und ja, das fragen wir uns auch jedes Jahr wieder. Es wird schwieriger. Das sehen die Leute – und reden darüber.
Wie gehen Sie damit um, wenn eine mögliche Schließung an Sie rangetragen wird?
Ich nenne die Fakten: Die Rofa funktioniert weiterhin. Unser Pachtvertrag läuft noch drei Jahre, und im Moment gibt es auch keinen Grund anzunehmen, dass er nicht verlängert wird. Und wir reagieren, mit Veranstaltungen. Die Retro-Rofa-Party – wie in den 80ern – funktioniert gut. Oder unsere Lemmy-Gedenkveranstaltung Anfang des Jahres für den gestorbenen Motörhead-Sänger Lemmy Kilmister. Wir werden sie übrigens, das kann ich verraten, wiederholen. Lemmy war auch oft in der Rofa.
Wie lange wollen Sie selbst noch Rofa-Geschäftsführer bleiben?
Darüber habe ich mir noch nicht viele Gedanken gemacht. Ich arbeite hier – mit Bauzeit – jetzt seit 34 Jahren. Das ist auch mein Baby, da stecken zwei Drittel meines Lebens drin. Vielleicht schaffe ich es körperlich irgendwann nicht mehr. Aber noch habe ich Lust. Mit den Leuten zu arbeiten ist mein großer Antrieb, und ich habe viele gute Leute um mich herum. Im Moment kann ich mir nichts anderes vorstellen.
An welche Erlebnisse aus 33 Jahren Rofa denken Sie gerne zurück?
Einer der Höhepunkte war auf jeden Fall die Eröffnung. Wir waren überzeugt, wir bringen das Ding zum Rocken. Eine Garantie gab es nicht – und dann war der Erfolg doch überwältigend. Auch habe ich hier wunderschöne Konzerte gesehen. Die britische Melodie-Rockband Demon hat hier ihr Livealbum aufgenommen. Das war toll. Und dann habe ich hier natürlich den einen oder anderen Musiker kennengelernt. Abseits vom Auftritt auf der Bühne. Bobby Blitz beispielsweise, der Sänger der Band Overkill, ein witziger Typ! Oder Ronny James Dio, der legendäre Sänger der Band Rainbow, der 2010 gestorben ist.
Er war einer der ganz Großen.
Und was für ein lieber Kerl. So einen Menschen kennenzulernen, der mich über Jahre bewegt hat, das war phänomenal. Auch deswegen hat es sich für mich gelohnt.
Wie sieht die Rofa in Zukunft aus?
Wenn wir nur eine Glaskugel hätten! Wir sind jedenfalls immer traditionell geblieben, und wir werden den Laden auch nicht mehr groß umkrempeln.
Also kein großer Umbau wie damals, als der Club 2 nach oben verlegt wurde?
Die Rofa ist baulich gut, so wie sie heute ist. Die Leute brauchen diesen Rundlauf, damit sie sich bewegen können. Das ist ein großes Plus. Wir haben heute auch Gastronomie, die Leute müssen nicht ins Fast-Food-Restaurant, sie können hier etwas essen. Natürlich werden wir hier und da erneuern, renovieren und umgestalten und uns der Musik und den Leuten anpassen. Vieles wird sich aber nicht ändern. Die Rofa hat sich bewährt, wie sie ist.



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