Katharina Hegemann hat sich vor drei Jahren ihre erste Schwanzflosse gekauft. Mittlerweile ist sie selbstständige Nixe auf der Ostalb und hat schon tausend Nachwuchsnixen ausgebildet.

Rems-Murr: Isabelle Butschek (ibu)

Mutlangen - Nirgendwo scheint das Meer weiter weg zu sein als in Pfersbach. Und doch sitzt hier im Ostalbkreis, in dem 270-Seelen-Weiler bei Mutlangen, die einzige hauptberufliche Nixe Deutschlands. Vergangenen Herbst hat Katharina Hegemann im alten Schulhaus ihr Unterwasserbüro bezogen.

Die junge Frau mit dem Krakenring am Finger schwimmt auf einer Welle des Erfolgs. Die verschiedenen Kurse ihrer Meerjungfrauen-Schwimmschule sind für die nächsten zwei Monate wieder ausgebucht, mit den Versand ihrer Nixenartikel kommt sie kaum hinterher. Die große Nachfrage verwundert niemanden mehr als die Chefmeerjungfrau selbst: „Wenn mir jemand früher gesagt hätte, dass ich eines Tages 40 Kindern in der Woche das Schwimmen mit der Flosse beibringe – dem hätte ich nicht geglaubt.“

Es war Zufall, dass Katharina Hegemann vor gut drei Jahren bei der Suche nach einer Bauchtanz-Verkleidung auf ein Meerjungfrauenkostüm stieß. Oder es sollte so sein, denn der Faszination Meer ist sie schon lange erlegen. Im Grunde fühlt sich die 27-Jährige nirgendwo so sehr daheim wie im Salzwasser. „Wenn ich im Urlaub das erste Mal das Meer sehe, muss ich immer heulen“, sagt sie und lacht.

Noch größer ist die Verbundenheit geworden, seitdem sie sich dank Monoflosse und Beinanzug wie eines der mystischen Unterwasserwesen in ihrem Element bewegen kann. „Wenn ich das im Meer trage, habe ich das Gefühl, wirklich dorthin zu gehören. Alles ist so ruhig. Ich gebe sonst Vollgas und mag den Trubel, aber im Meer habe ich Zeit nur für mich selbst. Ich glaube, wenn man sich Kiemen einbauen könnte, würde ich das tun“, sagt sie.

Dinge für Nixen

Schon bevor sie ihr Hobby zum Beruf gemacht hat, war die komplette Freizeit geprägt durch den von ihr gegründeten Meerjungfrauenclub, die Meerjungfrauenschule und den Internetversand für Nixenzubehör. „Ich hatte eine Vollzeitstelle als Grafikerin und bin danach direkt ins Hallenbad gehetzt. Meine kleine Wohnung war gleichzeitig Büro und Lager für den Onlineshop.“ Um sich freizuschwimmen, wagte sie den Sprung ins kalte Wasser und wurde hauptberufliche Nixe.

Momentan steht Katharina Hegemann fast täglich in Badeshorts und Flipflops in verschiedenen Hallenbädern der Region am Beckenrand, um Kindern und Jugendlichen – fast nur Mädchen – das Schwimmen mit der Monoflosse zu zeigen. An diesem Nachmittag sind die Fortgeschrittenen, die sogenannten Seeponys, in Mutlangen an der Reihe. Am rechten Ohr von Sarah glitzert ein kleiner Delfin. Und wie einer dieser Meeressäuger bewegt sich die Achtjährige auch durch das Hallenbad. Fünf Minuten kann sie dank gleichmäßiger Bewegungen mit ihrer Monoflosse im Wasser senkrecht stehen, ohne unterzugehen. Mit ein paar kräftigen Schlägen verschwindet sie in ihrem lila Beinanzug Richtung Beckenboden, um Ringe hochzuholen. Eine Querbahn tauchen? Überhaupt kein Problem. Nach einer Stunde zieht sich das Mädchen völlig erledigt, aber glücklich aus dem Becken. Mit der Leistung hat sie sich schon fast ihr erstes Meerjungfrauen-Abzeichen verdient.

Jetzt muss Sarah nur noch die Trainingsregeln etwas besser können, die vor allem für Sicherheit im Wasser sorgen sollen: „Am Anfang waren wir nach jeder Stunde grün und blau, weil wir ständig von Flossen getroffen worden sind. Deswegen ist vor allem der Anstand wichtig“, sagt Katharina Hegemann, die sich die Regeln sowie die verschiedenen Kursinhalte mit einer Freundin ausgedacht hat.

Eine ausgebildete Schwimmlehrerin oder Ähnliches ist sie nicht. Die Bewegungsabläufe hat sie sich von Meerjungfrau Nathalie abgeschaut, ihre Mentorin. „Sie hat vor 15 Jahren mit dem ,Mermaiding‘ in Deutschland angefangen und lebt mittlerweile auf Teneriffa“, erzählt sie. Die Fortgeschrittenen erlernen Formationen und Choreografien unter Wasser, müssen die Tauchersprache beherrschen oder in 3,80 Meter Tiefe sitzen können.

Nicht nur planschen

„Bei uns im Tauchverein machen wir ganz ähnliche Übungen. Aber diese Begeisterung in den Gesichtern der Kinder, das kriegt man nur über den Anzug hin“, sagt Alexander Hieber, der seine Tochter zum Meerjungfrauenkurs begleitet. Katharina Hegemann steht daneben und grinst: „Die meisten Kinder sehen die Meerjungfrauenserien im Fernsehen oder Internet und fangen dann an, ihre Eltern zu terrorisieren.“ Die Mamas und Papas sind erst ziemlich genervt – dann aber überrascht. „Denn wir planschen nicht nur, wir bauen Kondition auf. Ohne es zu merken, schwimmen die meisten mehr Bahnen als je zuvor.“

Ihre eigenen ersten Schwimmversuche mit frisch erworbener Schwanzflosse seien nicht vorzeigbar gewesen: „Ich bin ständig untergegangen – blubb und weg war ich.“ Trotzdem schien Katharina Hegemann Eindruck hinterlassen zu haben, denn nach kurzer Zeit war sie im Freibad ständig von einem Schwarm Mädchen umgeben. „Der Bademeister meinte dann, ich solle doch einen Schnupperkurs anbieten.“ Aus den ersten 16 sind mittlerweile rund tausend Kinder geworden, die sie in die Welt der Meerjungfrauen entführt.

Und das ist nicht nur so dahergesagt. Katharina Hegemann baut für ihre Nachwuchsnixen einen ganzen Meerjungfrauenkosmos auf. Im Mittelpunkt steht das Schwimmen mit der Flosse. Aber drum herum vermittelt sie einiges mehr. Oberflächliches wie Tipps für wasserfeste Schminke, passende Nixennägel, hübsche Outfits oder Fotoshootings unter Wasser, die sie selbst sehr liebt. Und Tiefergehendes: die Kursteilnehmer begrüßen sich mit einem „geheimen“ Meerjungfrauenzeichen – sie tippen sich mit den Zeigefingern an. „Mir ist aufgefallen, dass viele Kinder nicht mehr ordentlich grüßen oder sich verabschieden. Mit diesem Trick lernen sie es“, sagt Katharina Hegemann. Und es ist ihr auch ganz wichtig, dass sich die Nixen untereinander so verhalten, wie man es von zauberhaften Unterwasserwesen erwarten würde. „Sätze wie ‚Du schaffst das sowieso nicht‘ oder ‚Du bist fett‘ will ich nicht hören“, das bläut sie auch ihren Teilnehmerinnen in Mutlangen ein. „Die Hälfte meiner Mädchen ist übergewichtig. Für sie ist das Schwimmen besonders toll, weil es ihnen leichter fällt, sich im Wasser zu bewegen und sie dadurch ein anderes Selbstwertgefühl bekommen.“

Schwerelos und wunderschön

Bei Katharina Hegemann dürfen sich die Mädchen ein paar Stunden schwerelos und wunderschön fühlen – wie ihre Meerjungfrauenvorbilder in den Fernsehserien. „Ich liebe es, wenn die Kinder solche Glücksmomente erleben können, wenn sie den Alltag ausblenden können, weil ich eine andere Welt erschaffe“, sagt die Profinixe. Vielleicht ist diese Tatsache ihr Erfolgsgeheimnis. Einen Grund muss es ja haben, dass manche Teilnehmer fünf Stunden Fahrt auf sich nehmen, um eine Stunde bei ihr zu besuchen: „Bei einem Kurs kamen zwei aus Fellbach und die anderen aus der Schweiz, Marburg und Leipzig“, erzählt Katharina Hegemann. Bei dem von ihr organisierten Meerjungfrauentreffen schwammen sogar Nixen aus Berlin im Schorndorfer Hallenbad.

Vielleicht liegt der Erfolg aber auch daran, dass Katharina Hegemann selbst mit Haut und Haar der Meerjungfrauenwelt verfallen und dabei ein wenig kleines Mädchen geblieben ist. Am besten entspannen kann sie, wenn sie in ihrer Bastelkammer Muscheln für neue Oberteile bemalt. Ihr aktuellen Lieblingsschuhe: High Heels mit Nixenabsätzen. Ihr schönstes Geburtstagsgeschenk: Arielle-Sticker für die Fingernägel. Und obwohl sie unter der Woche schon oft genug im Hallenbad ist, steigt sie auch am Wochenende zum Freizeit-Flosseln ins Wasser. Mindestens zweimal in der Woche trainiert sie. „Erstens, weil ich als Kursleiterin alles selbst können sollte. Und zweitens wegen meinem kaputten Rücken. Die Probleme sind weg, seit ich mit den Flossen schwimme.“

Fit bleiben muss Katharina Hegemann auch für ihre zwei großen Meerjungfrauenträume. Sobald es der Kontostand zulässt, soll ein Flossenanzug aus Silikon her. Sie werden nur in Amerika hergestellt, sind maßgefertigt, wunderschön, unglaublich teuer – und 15 Kilo schwer. „Da muss man gut trainiert sein, um damit schwimmen zu können.“ Für einen anderen Traum benötigt Katharina Hegemann zwar nicht so viel Geld, aber dafür Zeit: „Ich möchte einen Tauchschein machen“, sagt sie. Er ist Voraussetzung dafür, dass sie in einem Großaquarium ins Wasser steigen darf. „Da mit den Fischen zu schwimmen, das wäre der Hammer.“ Ein perfekter Nixenmoment.

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