Schwesta Ewa in Stuttgart Zu Gast in der Hip-Hop-Hochburg

Schwesta Ewa beim Gig in der Schräglage Stuttgart am Mittwochabend. Foto: Michael Seyten 2 Bilder
Schwesta Ewa beim Gig in der Schräglage Stuttgart am Mittwochabend. Foto: Michael Seyten

Die derzeit angesagteste deutsche Rapperin Schwesta Ewa hat am Mittwoch ihr Debütalbum in der ausverkauften Schräglage präsentiert - und war begeistert von der Stimmung in Stuttgart.

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Stuttgart - Ihr Berufswunsch war Ergotherapeutin, sie wurde Prostituierte, hat dabei laut eigener Aussage im Stern Magazin ziemlich viel Geld verdient („20, 30 Mille im Monat“), aus dem Milieu ausgestiegen, jetzt Rapperin, 2012 erstes Mixtape, Januar 2015 Debütalbum „Kurwa“ (polnisch für Nutte). Check die Story, du kennst sie. Und was macht Schwesta Ewa live?

Einen ziemlich guten Job. Und spätestens als sie zwischen den Stücken immer wieder so süß, fast schon schüchtern lächelt, diese eisenharte Frau mit ihrer harten, harten Mimik und Gestik, und total geflasht ist vom durchdrehenden Stuttgarter Publikum, möchte man sie am liebsten knuddeln wie den Teddybär-Kerl, über den sie auf einem Skit ihrer Platte spricht. Sie hätte ja gedacht, sagt sie, dass vielleicht 50 Leute kommen. Und was hier überhaupt los sei. Und sowieso ihr bestes Konzert bislang auf der Tour.

 

 


Kurz vor Stagetime noch etwas Dramatik: Der Strom fällt aus. „Stromausfall in der ganzen Straße und nicht nur in der Schräglage!“, brüllt ein Kerl durch den stockdunklen und ausverkauften Club. Vor dem DJ Pult wurde aus ein paar Bühnenelementen und Gattern ein kleiner Ring für die Schwesta aufgebaut, um den sich dicht an dicht die Menschen drängen und dann beim Konzert für eine schöne A-Block-Atmosphäre sorgten. Das Publikum ist gefühlt eher maskulin („Was hast du gedacht?“, fragt Hip-Hop-Experte und Kombl Reimund „Reimi“ Zelch). Als das Licht wieder angeht, hört man ebenso hochtöniges Gekreische.

SSIO ist als Gast auf der Bühne

Wir verziehen uns nach ganz hinten an die Bar, taktisch klug, vor uns steht die tätowierte Allblackeverything-Fraktion, und hinter uns öffnet sich - kurz nachdem der Strom wieder angegangen ist und der Tour-DJ noch zwei, drei Hip-Hop-Evergreens geschmettert hat - die Hintertür. Es stehen an der Schwelle: Tourmanagerin, zwei Gogos, zwei Back-up-MCs, zwei, drei andere Schränke und Frau Ewa Müller, geboren in Polen, aufgewachsen in Kiel, wohnhaft in Frankfurt am Main. Für die Instyle-Leser unter den Stadtkindern: Nicht in ihrem oft gesehenen Look aus Stretch-Mini-Gürtel und Sky Heels, sondern in quietschbunten Leggins, Bomberblouson und Sneaker. Diesbezüglich war Guido Maria Kretschmer für ein Statement nicht zu erreichen.

Der Trupp drängt sich durch den Laden, entert den Ring, volle Kraft voraus, es ist die gute alte und klassische Two-turntables-and-one-mic-Power-Show, die seit 40 Jahren funktioniert, und immer noch die Tour-Grundausstattung für vor allem kleinere Hip-Hop-Acts ist. Kein Firlefanz, sieht man von den Gogos auf den Boxen ab, ziemlich freizügig, im Gegensatz zu ihrer Chefin, der visuelle Rotlichtfaktor des Abends. Verbal wiederum geht es fast ausschließlich ums Rotlicht: Auf „Kurwa“ arbeitet Ewa überwiegend ihre Vergangenheit als Prostituierte auf. Dabei wird sie von den zwei besagten zwei Rappern gedoppelt und gestützt und die übernehmen auch die zahlreichen Feature-Parts vom Album (unter anderem darauf vertreten Marteria, Eko Fresh, Megaloh, Chefket und ihr Labelchef Xatar).

Apropos Feature: Schon kurz nach Beginn der Show wird SSIO durch die Meute auf die Bühne geschleust, jetzt aber hallo, du lauter Jubelsturm. Sie performen gemeinsam „24 STD“, ein Track darüber, was man am letzten Tag seines Lebens noch alles erledigen würde (Zeile Ewa „Gehe Gucci Store bezahl mit der Gun“) und SSIO schließt seinen Gastauftritt mit seinem Monsterbrett „Nuttööö“ ab, logo.

Der Flow hat noch Entwicklungsbedarf

Auch gerade im direkten Vergleich zu SSIO merkt man: Schwesta Ewa ist sicherlich nicht die beste Rapperin auf diesem Planeten. Bei ihm fließt das schon etwas anders. Manche behaupten, sie könne überhaupt nicht rappen. Zu hölzern. Aber auch einen Flow kann man noch weiterentwickeln. Und „Peepshow 2“ mit dem bekannten O'Jays-Sample („For the love of Money“, passt) oder „Ein guter Tag“, eine Frankfurter Variante von Ice Cubs L.A.-Kulthit „It was a good day“, sind einfach starke Tracks.

Das Bier läuft, der Schnaps freilich auch und beschwingt von dem Lil-Kim-Foxy-Brown-90er-Soul-Funk-Sample-Sound inklusive G-Funk-Ausflügen, der eben ihr Debütalbum so großartig macht, werden wir zu Falk Schacht und analysieren. „Weißte, ich geh ja wirklich selten auf Konzerte. Sehr selten. Neulich war ich hier in der Schräglage bei Deichkind. Natürlich kannst du Deichkind und Schwesta Ewa absolut nicht miteinander vergleichen, aber mir ist das hier wesentlich lieber als eine Deichkind-Show. Das finde ich gut.“ Reimi: „Absolut.“ Von Deichkind hat Ewa übrigens auch gesamplet und sich ein Stückchen von „Bestes Pferd im Stall“ (2002) genommen. Man könnte sagen: Ein Kreis schließt sich.

Nach einer Stunde ist alles vorbei. Die Zugaben-Rufe sind da, natürlich, aber wir beiden Falk Schachts wissen: Arg viel mehr Material gibt es momentan nicht. Wir sind trotzdem so geflasht wie die Frau des Abends selbst. Tja Ewa, du warst eben in Stuttgart. Stuttgart ist nicht Deutschlands „heimliche“ Hip-Hop-Hochburg, wie der SWR neulich in einem Beitrag meinte. Stuttgart war, ist und wird immer eine Hip-Hop-Hochburg bleiben.

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