Wie plant man das perfekte Schwimmbad? Worauf die preisgekrönten 4a Architekten aus Stuttgart bei der Gestaltung von Freibädern, Wellnesstempeln und Schwimmbädern wie dem Bad Berg achten. Und wie sie jetzt das erste energieautarke Bad entwerfen.
Das Seepferdchen ist kein Einstellungskriterium. Aber mit oder ohne Schwimmabzeichen – schwimmen können ist hilfreich im Stuttgarter Architekturbüro 4a Architekten. Die Architekten haben das Recht des Anbadens inne, dürfen am Tag vor der Eröffnung eines Badetempels ohne Publikum ausprobieren, was sie selbst geplant haben. Dann erleben sie neben einer hoffentlich funktionierenden Technik, ob sie das, was ihr Anspruch ist, als gelungen empfinden – Atmosphäre schaffen.
Sei es eine, die zum Entspannen einlädt, sei es eine, die zu sportiven Höchstleistungen animiert. Wobei das mit dem Sportschwimmen zumindest im Stutenseebad in der Region Karlsruhe, wiewohl ein klassisches Schwimmbad mit Lehrschwimmbecken, womöglich schwerfallen könnte. Fast zu behaglich ist die Atmosphäre mit den abgehängten Lamellendecken und Wandverkleidungen aus Holz wie auch die idyllische Aussicht durch die bodentiefe Verglasung auf all das Grün.
Die Stuttgarter Architekten planen derzeit 13 Bäder
Es ist, als würde man mitten in einer Waldlichtung baden. Die Aussicht ergibt sich, da das Gebäude am Hang in erhöhter Position geplant wurde, so sehen die Schwimmerinnen und Schwimmer nicht die dort entlangführende Straße, sondern eben Bäume und Sträucher. Dank der vorgefertigten Holzelemente ist das schöne Bad nicht einmal teuer gewesen. Ökonomie und Ästhetik haben diverse Jurys zur Vergabe allerhand Auszeichnungen bewogen, darunter Beispielhaftes Bauen der Architektenkammer und eine Nominierung für den DAM-Preis 2019.
Das Bad in Stutensee ist eines von 26 neu entworfenen oder umgestalteten Bädern inzwischen, 13 weitere sind in Planung. 4a Architekten, die ihr Büro in einem Backsteinbau in Bad Cannstatt führen, gewannen als 1990 gegründetes junges Büro sogleich einen Wettbewerb für die Planung eines Bades in Tuttlingen. „Das war ein großes Glück, da wir ja keine Erfahrung vorzuweisen hatten“, sagt Architekt Matthias Burkart, neben Ernst Ulrich Tillmanns, Andreas Ditschuneit und Martin Reimer einer der vier Geschäftsführenden Gesellschafter.
Die Geschäftsführenden Gesellschafter von 4a Architekten (v. li.): Andreas Ditschuneit, Martin Reimer, Ernst Ulrich Tillmanns, Matthias Burkart. Foto: David Matthiessen
Und da in Deutschland oft nur Architekten mit Erfahrung im jeweiligen Gebäudetyp zu Wettbewerben zugelassen wurden oder Bauherren eher solchen Büros den Zuschlag erteilen, folgten häufiger Zusagen für die Gestaltung von Schwimmbädern als etwa für Schulen oder Bürogebäude. „Vor Jahren waren Schulbauten oft sehr standardisiert. Und wenn wir manchmal sagen, dass auch andere Gebäudetypen interessant wären, sind doch Schwimmbäder oft eine größere Herausforderung“, so Ernst Ulrich Tillmanns.
Hier wie da sind die Vorgaben streng – neben Themen wie Brandschutz kommen technische Herausforderungen hinzu. Welche Katastrophen sich ein einem schlecht geplanten Bad ereignen könnten – von gefährlichen Luft- und Wasserfiltern, in denen Mädchen ihre Zöpfe verheddern bis zu milchigen Verfärbungen des Wassers – ist in Charlotte van den Broecks Buch „Wagnisse“ aktuell zu lesen.
Und so verfügen die Architekten über spezielles Wissen, wie sich beim Rundgang durch ihre aktuelle Ausstellung in der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste in Stuttgart zeigt, die exemplarisch zwölf sehr unterschiedliche, preisgekrönte Bäder vorstellt, darunter viele in Baden-Württemberg wie das Freizeitbad Stegermatt in Offenburg mit seiner prägnanten roten Rutsche, aber auch die Therme im bayerischen Lindau ist dabei.
Von einer Sankt-Moritz-Rinne und einer Wiesbadener Rinne ist da auch etwa die Rede beim sanierten Solebad in Bad Wimpfen bei Heilbronn. Die fragenden Blicke beantwortet Architekt Andreas Ditschuneit: Gemeint ist das Ablauf-Rinnensystem, wohin das aus dem Becken schwappende Wasser abfließt. An einer Umrandung außerhalb des Beckens – Sankt Moritz. Oder am inneren obereren Beckenrand – Wiesbaden.
Diese wird bevorzugt heute, „denn wenn das Wasser außen abläuft wie bei der Sankt-Moritz-Rinne, verliert es an Temperatur“, so Ditschuneit. „Das bedeutet, dass bei der Reinigung und Aufarbeitung dieses Wassers ein höherer Energieaufwand nötig ist, um es auf die nötige Temperatur zu bringen.“ Mit der Wiesbadener Rinne spare man 30 Prozent Energie.
Die Temperatur ist bei dem berühmtesten Bad – dem Berg in Stuttgart, das in der Schau nicht zu unrecht als „Das Kultige“ firmiert – auch so ein Thema. Gretchenfrage: Kaltes oder warmes Wasser in der Schwimmhalle? Darüber sind nicht nur die Gäste uneins, auch bei den vier geschäftsführenden Architekten gibt es zwei Lager der Kalt- und Warmbadefans.
So oder so – haben sie die schier unlösbar scheinende Aufgabe, das als Kultstätte gerühmte Bad Berg zu sanieren gemeistert. Neben der Auszeichnung „Beispielhaftes Bauen“ ist der Umbau aktuell nominiert für den Staatspreis für Baukultur des Landes Baden-Württemberg. Das Wasser im Innenbecken ist nun anders als vor der Sanierung über 30 Grad warm.
Der Erfolg gibt der Entscheidung Recht. „Seit der Sanierung sind die Besucherzahlen gestiegen wie auch bei allen anderen Bädern, die wir saniert haben“, sagt Ernst Ulrich Tillmanns. Das kann allerdings auch an der behutsamen Renovierung des Bades liegen.
„Und da nun auch das Außenbecken beleuchtet und damit bis Badeschluss beschwimmbar ist“, so Matthias Burkart, haben auch die Fans kühlen Wassers rund um die Öffnungszeiten weiterhin das ihnen genehme Nass zur Verfügung. Ebenso wie das Stutenseebad verfügt das Berg über akustisch gute lärmdämmende Holzlamellendecken.
Das eint viele der 4a-Bäder, der Sinn für Details, Farben, Materialien. „Beim Entwurf eines Schwimmbades überlegen wir, welche Zielgruppe es sein wird, was das Bad können soll“, sagt Ernst Ulrich Tillmanns. „Wir analysieren auch das Umfeld, fragen, was könnte sein Alleinstellungsmerkmal sein.“ Auch ein regionaler Bezug sei wichtig, erklärt Ditschuneit. „Etwa bei der Therme Bad Ems wurde die Form eines Kieselsteins aus dem benachbarten Fluss Lahn als gestalterisches Leitmotiv verwendet.“
Das renovierte alte Freibad in Sigmaringen wiederum mit den vielen alten Bäumen wirkt gar wie eine großzügige Villa mit großzügiger Treppe und Pool. Hier wurde die Technik unter der Treppe integriert und versteckt, so dass kein Gedanke an Wasseraufbereitung oder Warmwassererzeugung das sommerliche Schwimmvergnügen stört.
Das Hallenbad Oppenheim soll fast energieautark funktionieren. Foto: Rendering/4a Architekten
„Das ist auch etwas, das sich mit den Jahren stark verändert hat“, sagt sagt Ernst Ulrich Tillmanns. „Immer mehr Fläche fürs Entspannen, für Liegen gilt es einzuplanen, bei renovierten Bädern ebenso wie bei Neubauten.“ Aus einem durchgekachelt steril wirkenden klassischen Heilbad in Bad Salzuflen (Nordrhein-Westfalen) mit einem einzigen großen Becken haben die Architekten einen Erholungstempel mit mehreren kleinen Becken und Wasser unterschiedlichster Temperatur gemacht.
Auch über eine technische Spielerei wie eine sich farblich verändernde Regenwolke verfügt dieses Bad, die ausschaut wie ein riesiges Lutschbonbon und unter der man sich berieseln lassen kann. So etwas erhöht die Aufenthaltsqualitität. Und das ist zumal für private Betreiber überlebenswichtig. Die Therme Bad Ems für einen privaten Bauherren mit ihren sanft geschwungenen Formen, Becken, Dampfbädern und Saunen läuft so gut, dass zum Bad nun noch ein Hotel hinzugebaut wurde – offenbar lohnt es sich, auf Gäste zu setzen, die sich kurze Auszeiten zwischen den großen Ferien für ein Wellnesswochenende gönnen.
„Neben der Bequemlichkeit steigt aber auch der Anspruch an die Technik und an die Ökologie“, sagt Martin Reimer. „Wenn wir sanieren, ist die neue Technik meist größer als die alte, das stellt uns vor Herausforderungen“, sagt Tillmanns, und „wir raten meist dazu, eben nur so viel Technik zu verwenden, wie unbedingt nötig“ ,sagt Burkart.
Bäder haben einen hohen Energieverbrauch. Gerade die Sanierung der in die Jahre gekommenen Stadt- und Freibäder, mit denen sie oft betreut werden, beinhalte eben nicht nur eine bessere Akustik und neue Fliesenplättchen, sondern energetische Ertüchtigung.
Ehrgeizige Pläne in Sachen Nachhaltigkeit
Umso ehrgeiziger ist ein geplantes Badprojekt in Oppenheim in Rheinland-Pfalz, das mit viel PV ausgestattet ist – vermutlich das erste Bad in Europa, dessen Energieerzeugung auf Wasserstoff basiert, schätzen die Architekten. Sicher ist, „das Bad wird fast energieautark betrieben werden“, sagt Andreas Ditschuneit.
Man kann erwarten, dass auch diese Schwimmstätte seine Besucher von den technischen, energetischen Anstrengungen nichts anmerken lassen wird. Auch das gehört zum diskreten 4a-Charme, die Architektur schlicht und einfach in sanfte Bewegung zu versetzen.
Info
Ausstellung Die Schau „Swimming in atmosphere“ zeigt zwölf Bäder der Architekten in der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste (Am Weißenhof 1) in Stuttgart. Die Ausstellung ist in Zusammenarbeit mit Frank Ockert OUP Visual Communication aus Stuttgart entstanden. Öffnungszeiten sind bis zum 3. Juni Mo–Fr, 10–19 Uhr, Sa+So 14–18 Uhr. An Feiertagen geschlossen. Der Eintritt ist frei.