Sebastian Fitzek über TV-Serie „Die Therapie“ Quälen Sie gerne Ihr Publikum, Herr Fitzek?

Bestsellerautor Sebastian Fitzek Foto: dpa/Uwe Zucchi

Sebastian Fitzek, der es mit seinem neuen Thriller „Die Einladung“ auf Platz eins der „Spiegel“-Bestsellerliste geschafft hat, liebt Verwirrspiele und spricht zum Start der Serienfassung von „Die Therapie“ über psychische Erkrankungen.

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Seit dem Jahr 2006 schreibt Sebastian Fitzek einen Bestseller nach dem anderen. Gerade hat es sein neuester, „Die Einladung“, auf Platz eins der „Spiegel“-Bestsellerliste geschafft. Sein erster, „Die Therapie“ erzählt von einem Psychiater, dessen Tochter verschwindet, und lässt die Grenze zwischen Sein und Schein verschwimmen. Wir haben den 52-jährigen Berliner Schriftsteller zum Serienstart zum Zoom-Interview getroffen.

 

Herr Fitzek, Ihr neuer Roman „Die Einladung“ und die TV-Serie „Die Therapie“, die Verfilmung Ihres Debütromans, sind gleichzeitig erschienen. Was empfehlen Sie Fitzek-Fans? Erst das Buch oder erst die Serie?

Puh, das ist eine gemeine Frage. Zum Glück ist das ja keine Entweder-oder-Frage. Das Buch und die Serie sind hoffentlich eine ganze Weile im Buchhandel beziehungsweise beim Streamingdienst Amazon Prime verfügbar. Da muss man auf sein Bauchgefühl hören, schließlich sind das zwei völlig unterschiedliche Erlebniswelten, in die man eintaucht. Das ist das Schöne an der Sache – und sehr viel besser, als wenn ich zwei Bücher gleichzeitig auf den Markt bringen würde.

Der Psychiater und seine Patientin – oder ist es andersherum? Stephan Kampwirth als Viktor Larenz und Emma Bading als Anna Spiegel Foto: Ziegler Film/Britta Krehl

In „Die Therapie“ fragt Ihre Hauptfigur irgendwann: Warum spielen Sie diese Psychospielchen mit mir? Die Frage möchte ich an Sie weitergeben: Macht es Ihnen Spaß, Ihr Publikum zu quälen, zu verwirren?

Definitiv. Psychothriller müssen per se verwirrend sein. Ich habe mir das Genre gar nicht bewusst ausgesucht, sondern ich bin da irgendwie draufgekommen. Bevor ich Autor wurde, habe ich nicht nur Psychothriller gelesen, und ich lese weiterhin auch andere Bücher. Aber ich habe lange fürs Radio gearbeitet und hatte mit sehr vielen verhaltensauffälligen Menschen zu tun, die einen entweder zu Komödien oder zu Psychothrillern inspirieren können.

Wie meinen Sie das?

Ein guter, leider verstorbener Freund von mir litt an einer psychischen Krankheit, die nie so ganz erforscht wurde. In lichten Momenten merkte er, dass er in einer Scheinwelt lebte. Das hat mich unbewusst beeinflusst. Viele stellen sich ja die Frage: Ist das, was ich wahrnehme, tatsächlich die Wirklichkeit? Es kann sich ja auch ganz gut anfühlen, in einer Scheinwelt zu leben. Es könnte auch sein, dass ich mir nur einbilde, ein Autor zu sein und dass unser Gespräch gar nicht wirklich stattfindet. Und der Moment, in dem mir das bewusst wird, ist eine entsetzliche Erkenntnis. Das spiegelt sich immer wieder in meinen Romanen wider. Vor allen Dingen in meinem Debüt.

Seit „Die Therapie“ vor 17 Jahren erschienen ist, hat sich gesellschaftlich viel verändert. Psychische Krankheiten werden ernster genommen – vielleicht auch der Umgang mit Menschen, die in solchen Scheinwelten leben.

Ich hoffe, dass sich das geändert hat. Aber Bücher wie zum Beispiel das von Kurt Krömer über seine Depression sind auch deshalb so erfolgreich, weil es immer noch außergewöhnlich ist, wenn sich jemand zu einer psychischen Erkrankung bekennt. Das zeigt, dass diese Bücher und die Auseinandersetzung mit dem Thema ihre Berechtigung haben, dass psychische Erkrankungen nach wie vor mit einem Stigma behaftet sind.

Könnte es nicht sein, dass Psychothriller, bei denen es um psychische Erkrankungen geht, dieses Stigma vergrößern?

Das könnte man glauben. Aber das ist das Gegenteil von dem, was ich erreichen will. Ein Anliegen von mir ist, dass wir irgendwann so weit sind, dass wir genauso selbstverständlich sagen „Ich gehe zum Psychiater“, so wie wir sagen „Ich gehe zum Zahnarzt“ oder „Ich gehe zum Augenarzt“. Da sind wir noch ganz weit von entfernt.

Psychische Erkrankungen sind für Sie also nicht nur ein Mittel, um die Story eines Psychothrillers noch etwas verwirrender zu machen?

Es gibt in „Die Therapie“ eine Szene, die dem Tagebuch Lori Schillers, einer real lebenden Person, die unter Schizophrenie leidet, entnommen ist. Ein Mädchen ist fest davon überzeugt, seinen Hund umgebracht zu haben. Dabei hat sie gar keinen Hund. Die Szene ist deshalb im Buch und jetzt auch in der Serie, weil sie zeigt, was für eine Geißel die Krankheit ist, dass die Visionen, die Betroffene haben, häufig böse Visionen sind, die einem weismachen: Du bist es nicht wert zu leben. Deswegen ist die Suizidrate bei an Schizophrenie Erkrankten so hoch. Ich bekomme häufig von Menschen, die eine psychische Störung haben und in Behandlung sind, gespiegelt, dass sie sich ernst genommen fühlen. Das ist für mich immer das größte Kompliment.

Stimmt es wirklich, dass Sie die Serienfassung als Chance gesehen haben, einige Punkte in der Story auszubessern?

Ach nee, am Anfang stand, dass man kurioserweise als Autor die Verfilmung eines Buchs immer als eine Art Ritterschlag versteht. Das ist irgendwie so drin. Bei den Drehbuchbesprechungen ist mir klar geworden, welche Chance das bietet. Ich kenne Redaktionskonferenzen noch von meiner Zeit beim Radio: Da ist man mit einer klaren Idee reingegangen und danach mit was ganz anderem rausgekommen. Als Autor muss man sich ja alles ganz allein ausdenken, ich finde es schön, aus mir selbst heraus zu schöpfen. Ich habe keine Redaktion, mit der ich mich bespreche. Aber bei der Arbeit zum Drehbuch merke ich manchmal, es wäre gar nicht so schlecht gewesen, wenn mir damals schon jemand genau diese Frage gestellt hätte. Deshalb habe ich die Chance ergriffen zu sagen, dass ich zum Beispiel der Figur der Isabell eine andere Motivation gebe, weil ich, als ich das Debüt geschrieben habe, einfach nicht dran gedacht habe. 

Frank Schätzing war mit den Veränderungen, die die Serie „Der Schwarm“ an seinem Buch vornahm, nicht zufrieden. Wie haben Sie so etwas verhindert?

Ich glaube, wenn es in eine falsche Richtung läuft, weil die Menschen, die dahinterstehen, wollen, dass es in diese Richtung läuft, kann man das nicht verhindern. Da scheint bei Frank Schätzing und „Der Schwarm“, aber auch bei Rita Falk und „Rehragout-Rendezvous“ etwas schiefgegangen zu sein. Man muss sich im Vorfeld genau überlegen: Mit wem arbeite ich dort zusammen? Das ist so, wie wenn ich ins Krankenhaus gehe, weil eine schwere Operation durchgeführt werden soll. Dann suche ich mir zwar das richtige Krankenhaus aus, ich sage aber auf dem OP-Tisch nicht dem Operateur, was er mit dem Skalpell zu tun hat. Wenn man sich einmal entschieden hat, muss man auch loslassen können. Ich stecke in den konkreten Fällen nicht drin, aber wenn die Produktionsfirma gesagt hätte: Uns ist egal, was der Fitzek sagt, wir machen unser Ding, komme, was wolle, dann hätte ich das nicht verhindern können. Doch das muss nicht immer schlimm sein. Stephen King war zum Beispiel mit der Verfilmung von „The Shining“ sehr unzufrieden, Stanley Kubricks Film ist trotzdem ein Meisterwerk.

Sebastian Fitzek und „Die Therapie“

Person
 Sebastian Fitzek (52) hat Jura studiert, arbeitete beim Radio und veröffentlicht seit 2006 Psychothriller. Bereits sein Debütroman, „Die Therapie“, wurde zum Bestseller. Zuletzt erschien „Die Einladung“ (Droemer-Verlag, 384 Seiten, 24 Euro). Viele seiner Bücher wurden verfilmt – zum Beispiel „Das Kind“ (2012) mit Eric Roberts und Ben Becker oder „Abgeschnitten“ (2018) mit Moritz Bleibtreu, Lars Eidinger und Jasna Fritzi Bauer.

Serie
 In dem Sechsteiler „Die Therapie“ sind Stephan Kampwirth, Emma Bading, Trystan Pütter und Helena Zengel in Hauptrollen zu sehen. Die Serie ist am Donnerstag , 26. Oktober, bei Amazon Prime gestartet. Dort sind bereits alle Episoden auf Abruf verfügbar.

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