Die Diplompädagogin setzt sich seit zehn Jahren dafür ein, dass öffentliche Einrichtungen, also auch Kirchen und Gemeindehäuser, technisch so ausgestattet sind, dass gehörlose und hörbehinderte Menschen „barrierefrei verstehen können, was gesprochen wird. Schon mit geringen Mitteln lässt sich da vieles ermöglichen.“
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Man muss hören können, um Sprache zu lernen und zu verstehen, um zu kommunizieren, um sich in der Umgebung zu orientieren und um auf Gefahren aufmerksam zu werden – all das ist für hörbeeinträchtige Menschen oft gar nicht oder nur mit großen Mühen möglich. Viele Gehörlose oder hochgradig Schwerhörige, so Rita Biste-Wessel, sind trotzdem selbstständig organisiert und über soziale Medien gut vernetzt: „Sie sind super unterwegs, sie kriegen ihr Leben prima hin, auch wenn es anstrengend ist.“ Aber sie weiß auch, dass sich viele, vor allem alleinlebende und ältere Hörbehinderte, zurückziehen, nicht erst seit der Pandemie: „Sie klagen über Einsamkeit. Sie fühlen sich vom gesellschaftlichen und kulturellen Leben ausgeschlossen. Und wer nicht in sozialen Gefügen lebt, verkümmert.“
Immer nah am Menschen
Rita Biste-Wessel hat Erziehungswissenschaften und Theologie studiert, sie hat Zusatzausbildungen als Familienberaterin und -mediatorin absolviert, sie war Jugendreferentin und später in der Familienberatung tätig, bevor sie sich auf diese Stelle beworben hat. Dafür hatte sie extra die Deutsche Gebärdensprache erlernt. Ihre Aufgaben sind vielfältig, aber immer nah bei den Menschen: Sie leistet Aufklärungsarbeit bei Konferenzen, Symposien und in Kirchengemeinden. Sie macht außerhalb der Pandemie Hausbesuche und vermittelt Kontakte zu Behörden, ambulanten Diensten oder Gebärdensprachdolmetschern. Wenn Hörbehinderte wegen Krankheit, Trennung oder Scheidung in seelischen Notlagen sind, nimmt sie sich Zeit für eine seelsorgerische Begleitung. Und sie ermöglicht Menschen mit Hörschädigung in Zusammenarbeit mit den pastoralen Teams vor Ort die Teilnahme an kirchlichen Veranstaltungen, Gottesdiensten und den Sakramenten Taufe, Erstkommunion, Firmung, Eheschließung oder Bestattung.
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So besucht sie etwa eine Familie mit gehörlosen Eltern, die die Erstkommunion ihres Kindes feiert, begleitet sie zum Gespräch mit dem Pfarrer oder in die Vorbereitungsgruppe, übersetzt und erläutert: „Beim Gottesdienst selbst bin ich dann das Sprachrohr des Priesters oder Diakons und übersetze in die Gebärdensprache.“
Das sind für sie oft beeindruckende Erlebnisse: „Da sind alle Blicke auf die Dolmetscherin gerichtet, da ist eine unglaubliche Konzentration im Raum.“ Häufig schlägt sie vor, bei der Feier einen Refrain und das Vaterunser gemeinsam zu gebärden. Dafür bringt sie allen Beteiligten die nötigen Gebärden bei: „Für die Kinder ist das wie eine Geheimsprache und für die Gemeinde stets eine Bereicherung.“ Wobei ihr gerade beim Übersetzen in die Gebärdensprache bewusst wird, dass vieles innerhalb der Abläufe eines Gottesdienstes erklärungsbedürftig ist: „Was reden wir da eigentlich? ‚Das Wort ist Fleisch geworden.‘ Wie soll ich das in die Gebärdensprache, die von Bildern lebt, übersetzen? Und wenn ich das wörtlich nehme, wie übermittle ich dann die Deutung?“
Sensibler für Mimik und Gestik
Rita Biste-Wessel profitiert vom Erlernen der Gebärdensprache: „Ich bin, auch im Umgang mit Hörenden, sensibler für Mimik und Gestik. Und durch das Gebärden wächst mir neue Energie zu. Bei der Gebärde ‚Einladen zum Fest des Glaubens‘ zum Beispiel spüre ich, wie ich Energie aus dem Raum heraus nah zu mir heranhole.“ Auch die Gebärde für „Gott“, bei der sie drei Finger der rechten Hand, die für Vater, Sohn und den Heiligen Geist stehen, nach und nach öffnet, beeindruckt sie immer wieder: „In dieser Gebärde entfaltet sich dieser Gott zur Drei-faltig-keit. Und wenn ich mich selbst öffnen kann, erhalte ich Zugang zum Menschen, zum Leben und zu einem guten Geist, der mich begleitet.“ Gerne würde Rita Biste-Wessel, deren Einsatz für Betroffene kostenlos ist, noch häufiger auf ihre Arbeit aufmerksam machen. Mit nur einer halben Stelle ist sie für die ganze Region Stuttgart zuständig– für Esslingen-Nürtingen, Böblingen, Waiblingen, Stuttgart, Mühlacker und Ludwigsburg.
Unterstützung für hörbeeinträchtigte Menschen
Verhalten
Im Gespräch mit hörbeeinträchtigten Menschen ist es wichtig, langsam und deutlich kurze Sätze zu formulieren. Man sollte darauf achten, dass das Gesicht gut ausgeleuchtet und der Blick auf das Mundbild frei ist.
Technik
Durch den Einbau einer Höranlage können Sprache und Musik bei Gottesdiensten über das Mikro direkt auf Hörgeräte oder Innenohr-Implantate übertragen werden.
Dolmetscher
Gebärdendolmetscher übersetzen während der Liturgie das gesprochene Wort simultan in Gebärdensprache. Schriftdolmetscher verschriftlichen Gebet, Predigt, Fürbitten oder Liedtexte, die dann per Beamer an die Wand projiziert werden.
Gebärden
Die deutsche Gebärdensprache ist ein eigenständiges Sprachsystem, das wie eine Fremdsprache erlernt wird. Jedes Land, oft sogar jeder Dialekt, hat seine eigenen Gebärden.
Kontakt
Rita Biste-Wessel ist zu erreichen unter der Telefonnummer 07 11/3 51 53 38 oder per Email an Rita.Biste-Wessel@drs.de.