Stuttgart - Aneinandergereiht stehen die kleinen Tonfiguren in der Kirche auf ihren Podesten. Es sind scheinbar die Abbilder ganz alltäglicher Menschen. Doch fast alle tragen eine Krone auf dem Haupt. Claudia Ebert, die Künstlerin, betrachtet sie stolz. „Hinter jeder Figur verbirgt sich eine Geschichte. Das sind für mich Kostbarkeiten, die das Leben bunt und reich machen. Ich finde es schön, dass sich jetzt auch andere daran freuen können“, meint sie. Die Tonfiguren sind in der Ausstellung „Du bist ein Königskind“ zu sehen. Noch bis zum 2. Februar können sich Besucher der katholischen Kirche Christus König in Vaihingen die handgemachten Figuren anschauen. Für die Ausstellung wurde Ebert von der Gemeinde angefragt. „Das sind so Dinge, die laufen nebenher“, sagt die 47-Jährige.
Das gemeinsame Singen in Schulen und in der Kirche fehlt
Ihre eigentliche Tätigkeit als Seelsorgerin für Menschen mit Behinderung führt sie weiter, so gut es möglich ist. „Es fällt nichts aus wegen Corona. Ich muss es nur teilweise anders überlegen. Solange sie noch geöffnet sind, gehe ich an zwei Tagen die Woche zu Sonderschulen, an denen Kinder mit geistiger oder körperlicher Behinderung unterrichtet werden. An den anderen Tagen begleite ich Familien mit behinderten Kindern.“ Teilweise müsse sie ein wenig umdenken, manche Aktionen können nicht stattfinden wie üblich. Am meisten fehle ihr das gemeinsame Singen in Schulen und in der Kirche, meint Ebert. „Es gibt trotzdem immer eine Lösung. Das ist auch das Schöne im Moment. Auszusteigen aus dem, was man sonst gemacht hat. Zu überlegen, was geht jetzt.“
Viele Menschen suchen im Moment nach Halt
Trotzdem merkt Ebert deutlich, dass die aktuelle Situation Spuren hinterlässt. „Es suchen auch viele Menschen nach Beistand. Ich merke das in der Kreativwerkstatt der Behinderteneinrichtung BHZ. Dort können momentan manche Mitarbeiter nur tageweise kommen. An den anderen Tagen rufen sie mich oft an, sie suchen nach Struktur und nach Halt“, erzählt sie. Mit dem BHZ verbindet sie viel. Auch die Idee zu den Heiligen Drei Königen, den „Hosentaschen-Königen“, die zugunsten der Aktion Weihnachten in der Werkstatt gefertigt worden sind, kam ursprünglich von Ebert. „Es ist schön, dass dieser Gedanke ‚Du bist ein Königskind’ auch von den Menschen der BHZ-Werkstatt in ihrer Arbeit ausgedrückt wird. Dass das so zusammenfließt, ist für mich etwas ganz Kostbares“, sagt sie. Auch ihre Tonfiguren entstanden aus diesem Gedanken heraus: „Für mich ist jeder Mensch ein kostbarer und einmaliger, eben ein königlicher, Mensch.“
Über die Behinderung hinausschauen und den Menschen sehen
Mit dem Tonen hat Ebert im Pflegeheim begonnen, wo sie ihren Vater regelmäßig in den letzten Monaten seines Lebens besucht hat. „Irgendwann saß er im Rollstuhl und hat nicht mehr viel gesprochen. Ich habe dann meine Töpferkiste mitgenommen, mich an den Tisch gesetzt und angefangen, zu tonen“, erinnert sie sich. „Immer wieder hat sich ein Heimbewohner zu mir gesetzt und sich eine Figur gewünscht. Die dort entstandenen Figuren stehen auch heute noch im Heim.“ Die ausgestellten Figuren hingegen habe Ebert für sich gemacht. Doch auch diese seien inspiriert von persönlichen Begegnungen: „Oft habe ich mich abends noch mal hingesetzt und zur Entspannung getont. Und dann fließt das, was am Tag war, schon noch mal hoch.“ Aus ihrem Beruf als Seelsorgerin nimmt Ebert viel mit. „Man schaut oft auf die Behinderung und bleibt dort stehen. Aber es geht darum, einen Schritt weiterzugehen. Über die Behinderung hinauszuschauen und den Menschen zu sehen“, sagt sie. „Es fordert mich regelmäßig heraus, einen Zugang zu diesen Menschen zu finden. Dadurch habe ich aber gelernt, dass die kleinen Gesten ganz viel bewirken. Diese Haltung macht mich reif. Ich fühle mich sehr beschenkt“.