Seit 300 Jahren Tradition Herzog trieb Schwaben zur Kehrwoche

Von SIR/dpa 

Sie steht für Deutschland wie sonst wohl nur Lederhose und Sauerkraut: die schwäbische Kehrwoche. Von den übrigen Regionen in Deutschland oft belächelt, ist sie im Ländle noch heute ein bierernstes Thema. Eine ihrer Grundlagen ist nun 300 Jahre alt.

In Stuttgart hat jedes Haus, das etwas auf sich hält, natürlich ein Kehrwochen-Schild. Foto: dpa
In Stuttgart hat jedes Haus, das etwas auf sich hält, natürlich ein Kehrwochen-Schild. Foto: dpa

Sie steht für Deutschland wie sonst wohl nur Lederhose und Sauerkraut: die schwäbische Kehrwoche. Von den übrigen Regionen in Deutschland oft belächelt, ist sie im Ländle noch heute ein bierernstes Thema. Eine ihrer Grundlagen ist nun 300 Jahre alt.

Stuttgart - Herzog Eberhard Ludwig von Württemberg und Wolfgang Thierse (SPD) haben eines gemeinsam: Sie knöpften sich die Schwaben vor - jeder auf seine Weise. Dem einen gingen zum Jahreswechsel 2012/13 die „Weckle“ kaufenden Immigranten im hauptstädtischen „Schrippen“-Exil auf den Keks. „Ich wünsche mir, dass die Schwaben begreifen, dass sie jetzt in Berlin sind und nicht mehr in ihrer Kleinstadt mit Kehrwoche“, schimpfte der damalige Bundestagsvizepräsident in einem Zeitungsinterview. Der andere stieß sich möglicherweise an den Putzgewohnheiten seiner Landsleute und erließ vor exakt 300 Jahren für die Stuttgarter die „Gassensäuberungs-Ordnung“. Das Manifest aus dem Jahr 1714 gilt als eine der Grundlagen für die schwäbische Kehrwoche.

Auf der Suche nach den historischen Wurzeln des Brauchtums ist Journalistin und Kulturwissenschaftlerin Anna Hunger auf einen Mietvertrag aus dem Jahr 1880 gestoßen, der das Reinigen der Treppe im wöchentlichen Wechsel festschreibt sowie das Putzen der Knöpfe am Glockenzug. Immer wieder zitiert wird auch Graf Eberhard im Bart, der im Stuttgarter Stadtrecht von 1492 befiehlt: „Damit die Stadt rein erhalten wird, soll jeder seinen Mist alle Woche hinausführen, sonst darf der Spital ihn für sich holen lassen, jeder seinen Winkel alle vierzehn Tage, doch nur bei Nacht sauber ausräumen.“

Für ihre Magisterarbeit „Die Kehrwoche - Geschichte, Praxis und Ästhetik einer schwäbischen Tradition“ hat Hunger auch Dutzende Kehrwochen-Schilder unter die Lupe genommen, wie sie noch heute in vielen Häusern im Ländle baumeln und Woche für Woche eine Etage weiter an die Tür des damit nun Verantwortlichen gehängt werden. Da unter den gesammelten Exemplaren auch in Kleinstarbeit selbst gebastelte Kunstwerke sind, kommt Hunger zu dem Schluss: „Die Schilder sind sehr süß, aber das Thema ist schon ein ernstes.“

Wie bitterernst es allem Hohn und Spott aus anderen Regionen Deutschlands zum Trotz ist, machen zig Gerichtsverfahren und blutige Nasen deutlich. So verprügelten vor einigen Jahren ein Heilbronner und sein Sohn einen Nachbarn, weil dieser nach ihrer Meinung die Kehrwoche vernachlässigt hatte.

Verbot der Kehrwoche entpuppt sich als TV-Scherz

Und auch ein augenzwinkernder Spaß mit der Kehrwoche scheint bei den reinlichen Schwaben ein Ding der Unmöglichkeit zu sein: 1999 brachte der Fernsehsender B.TV Württemberg Putzbegeisterte mit einem Aprilscherz gegen die Bundesregierung auf. Der Sender berichtete mit Hilfe prominenter Politiker über ein angeblich geplantes Verbot der Kehrwoche - und schreckte viele empörte Anrufer auf.

Ein Jahr zuvor hatte der Leiter der Volkshochschule Calw für den 1. April einen „Kehrwochen-Kompaktkurs“ inklusive dem Erlernen der wesentlichen Griff-, Halte- und Schwung- und Schrubbtechniken ins Programm aufgenommen. Er war sich gewiss, dass bei dem auffälligen Datum niemand reagieren würde. Doch er hatte sich geschnitten und musste mehr als 100 Interessenten - darunter drei Ortsverwaltungen - Absagen erteilen. Und als Jahre später die CDU-Gemeinderatsfraktion in Stuttgart ebenfalls als Aprilscherz für die Kehrwoche einen Antrag auf den Titel Unesco-Weltkulturerbe plante, sickerte das schon früher durch - und landete als wahrhafte Schlagzeile in der Zeitung.

So avancierte die Kehrwoche zum Inbegriff des Spießbürgertums - aus Fernsicht irgendwo zwischen pedantischem Putzfimmel und zelebriertem Kehrkult einzuordnen. Dass jüngere Generationen für einen Sinneswandel sorgen, ist nicht nur wegen der vertraglichen Pflicht so gut wie ausgeschlossen. „Die Jüngeren schenken den Älteren einen Kehrwochendienst“, sagt Jürgen Blocher von der Firma Kehrwochen-Service Gabi Unterberger, die solche Leistungen anbietet. In der Region um Aspach und Backnang sei die Zahl der Kunden im vergangenen Jahr um 60 Prozent gewachsen.

Zum Angebot gehört auch der mit der Kehrwoche verbundene Winterdienst, dem manch einer mit Blick auf seine Arbeitszeiten gar nicht nachkommen kann. 260 Dienste habe der Betrieb übernommen, sagt Blocher. Rein nach der Nachfrage könnten es 500 sein. „Dem guten Schwaben ist das vielleicht lästig, aber er fügt sich“, meint er. So bekundete selbst der Chef des Reinigungsriesen Kärcher, Hartmut Jenner, mal in einem Zeitungsinterview aus vollem Herzen: „Samstags putzen, das ist herrlich!“

Wem dieser Feuereifer fehlt, der wird vor allem unter besonders wachsamen Argusaugen seiner Nachbarn zu leiden haben. Hier empfiehlt Ursula Knupfer, Vorsitzende des Landesverbands Württemberg beim Deutschen Hausfrauen-Bund: „Wenn im Haus kritische Mitbewohner sind, putzt man vielleicht mal etwas lauter als notwendig.“

Nach ihrer Einschätzung spielt die Kehrwoche vor allem in Städten mit Mehrparteienhäusern eine wichtige Rolle. In ländlichen Gebieten hätten viele eigene Häuser. „Da putzt man so, wie es nötig ist. Das ist weniger fremdbestimmt.“ Dass jemand sich aber wegen der Kehrwoche über die Schwaben lustig macht, missfällt Knupfer. Sie schlägt versöhnliche Töne an: „In anderen Regionen ist es doch auch nicht sauberer oder unsauberer. Das ist wohl eher eine deutsche Tugend.“