Er hat den Einsatz am Westwall überlebt, das Boxen mit Max Schmeling und das Biertrinken mit Franz-Josef Strauß. Und ist immer noch oder gerade deshalb putzmunter und fidel. Rank und schlank sitzt Egon Storz (94) am Esstisch im Haus in Rot und erzählt aus einem langen Leben. Seine Frau Alice (94) sitzt daneben, hört zu und korrigiert, wenn nötig. Man merkt, sie kennen sich in- und auswendig, die eigenen Marotten und die des Partners; kein Wunder, sind sie doch seit 75 Jahren verheiratet.
Ein seltenes Fest
Die silberne Hochzeit erleben viele, bei der goldenen wird es schwierig, die diamantene und die Gnadenhochzeit sind selten. Die Kronjuwelenhochzeit ist nur wenigen vergönnt. Zahlen gibt es keine, wie viele Paare diese feiern dürfen, doch der gesunde Menschenverstand sagt einem, es ist was Besonderes. Zwei Leben, die seit 94 Jahre andauern, vier Kinder, drei Urenkel, unzählige Geschichten. So vieles gibt es zu erzählen. Und zupft man da, zieht man da, springen die Kästchen auf im Gedächtnis, längst in Schubladen Abgelegtes taucht wieder auf.
Der Jahrgang 1929
Reisen wir zurück in der Zeit. Ins Jahr 1929. Erich Maria Remarque veröffentlicht „Im Westen nichts Neues“, die Börse bricht zusammen, Gustav Stresemann stirbt, in Offenburg kommt die kleine Alice auf die Welt, in Schwäbisch Hall wird Egon geboren. Zu den 29ern zählen Hans Magnus Enzensberger, Ralf Dahrendorf, Jürgen Habermas, Heiner Müller und Christa Wolf. Sie alle hatten die Gnade der späten Geburt. Die Jahrgänge vor ihnen werden in Russlands Weite, in der Normandie, vor Stalingrad ausbluten.
„Mein Jahrgang war zu jung“, sagte Enzensberger, „um in die Vernichtungsmaschinerie hineinzugeraten.“ Egon Storz zählte auch zu des „Führers letztem Aufgebot“, musste am Oberhein Schützengräben schanzen, kämpfen musste er nicht mehr. Alice musste auf dem Flughafen Hessenthal am Endsieg mitbauen.
Die Amerikaner kamen
Sie überlebten den Krieg. Und dann waren die Amerikaner da, mit ihnen die Freiheit, die Musik, Zigaretten, Schokolade. Weil Egon passabel Englisch sprach, wurde er Dolmetscher beim Ortskommandanten Walter Jenkins. Später wurde Jenkins Generalkonsul in Deutschland und Stadtkommandant in Berlin. Und blieb Zeit seines Lebens ein Freund der Familie.
Boxen mit Max Schmeling
Apropos Schule. Leiter der Oberschule war ein gewisser Gerhard Storz, später Kultusminister Baden-Württembergs. Sein Sohn Oliver ging mit Egon in die Schule. Sie waren nicht verwandt und verschwägert. „Ich war Storz eins, er Storz zwei“, erinnert sich Egon. Oliver Storz machte später Karriere als Regisseur und Autor, war etwa der geistige Vater der „Raumpatrouille Orion“.
Namensvetter Egon Storz hatte es eher mit dem Boxen. Erst kämpfte er im Mittelgewicht, später im Halbschwergewicht. Er war ein Guter. Flink, lange Arme, große Reichweite. Er machte sich einen Namen. Und hatte 1948 den prominentesten Ringrichter, den Deutschland zu bieten hatte. Die Amerikaner hatten Max Schmeling eingeladen, auch ein Idol sagt nicht nein, wenn es Hunger hat. „Schmeling kam mit leerem Kofferraum“, sagt Storz, „und fuhr mit vollen Kofferraum davon.“ Warum er das weiß? Weil er neben ihm saß, Schmeling nahm ihn mit.
Woher das Mehl nehmen für die Spätzle?
Egon Storz teilte öfter aus als er kassierte. Doch er musste auch einstecken. Und das einmal zu einem ungünstigen Zeitpunkt. Kurz vor der Hochzeit hatte ein Schlag die Braue aufgerissen. Der Hausarzt konnte helfen und nähen ohne größere Spuren. Doch das war nicht das einzige Problem. Das Brautkleid war geliehen, doch woher das Essen nehmen? „Wir sind auf den Fahrrädern ausgeschwärmt zu den Bauern in der Umgebung“, sagt Alice Storz, „und haben gehamstert, was das Zeug hält.“ Zwei Hühner, 50 Pfund Mehl und Eier für Kuchen und Spätzle. „Das war unser Festmahl.“
Kennengelernt hatten sie sich beim Tanzen im Posthörnle. „Wir Jungen hatten zusammengelegt, um einen Tanzlehrer zu bezahlen“, sagt Egon Storz. Relativ schnell kamen Gabi, Angelika, Mathias und Thomas auf die Welt. Die Familie zog nach Stuttgart, denn der gelernte Kaufmann Egon Storz fand Arbeit bei der neu gegründeten Armee und ging zur Bundeswehrverwaltung. Er schaffte am Rotebühlplatz. In der Nachbarschaft war das Arbeitsministerium, da arbeitete ein Regierungsrat namens Heiner Geißler „wir gingen oft zusammen essen“.
Egon Storz kannte viele prägende Figuren der jungen Bundesrepublik. Er wurde mit dem Aufbau der Personalvertretung beauftragt, gründete das Bundeswehrsozialwerk, dessen Ehrenvorsitzender er ist. Für seine Leistungen bekam er das Große Bundesverdienstkreuz verliehen. Bei den Verteidigungsministern ging er aus und ein. „Helmut Schmidt hatte einen großen Tisch“, erinnert er sich, „da lagen stets 20,30 Päckchen Zigaretten.“ Franz-Josef Strauß hat ihn mal zu sich nach Hause eingeladen. Zusammen tranken sie eine Kiste Bier. Storz: „Er wollte mich aushorchen, wissen, was die Truppe über ihn denkt.“ In den Nato-Ländern war er unterwegs, nach der Wende auch in der DDR. Der Klassenfeind war recht freundlich. „Ich bin mit mehreren NVA-Generälen auf Du und Du“, sagt er. Zwei Armeen zusammenzuführen, die sich gegenüber gestanden hatten, das war mit seine Aufgabe. 1996 ging er in den Ruhestand.
Musik als Tröster
Wie bei so vielen anderen Paaren aus jener Zeit war Alice für den Haushalt und die Familie zuständig. Die vier Kinder großziehen, wenn der Mann arbeitete und unterwegs war. Zeit für einen selbst blieb da kaum. „Ich war am glücklichsten, wenn alle da waren“, sagt sie. „Und wenn mir mal die Tränen gekommen sind, dann habe ich Klavier gespielt, dann war alles vorbei.“
Zufrieden sind sie mit ihrem Leben. „Ich wäre Dir nie davongelaufen“, sagt Alice. Egon antwortet: „Das will ich Dir auch geraten haben!“ Alles Gute.