„Zeichen am Himmel und das zweite Kommen Jesu“, lautete das Thema. Ereignisse wie die jüngste Sonnenfinsternis in den USA hätten nämlich eine tiefere Bedeutung, erläuterte der Redner: Sie kündeten vom Bevorstehen des Jüngsten Gerichts. Man müsse nur die Bibel genau lesen. Dort, in der Apostelgeschichte, stehe es: „Die Sonne soll sich in Finsternis verwandeln und der Mond in Blut, ehe der Tag des Herrn kommt, der große und herrliche Tag.“ Gleich zweimal habe sich die Sonne in den vergangenen Jahren über den USA verdunkelt, die Schattenbahnen bildeten ein riesiges „X“ über dem Land – ein untrügliches Zeichen: Gott habe die mächtigste Nation der Welt für sein Wiederkommen „markiert“. Bald werde es so weit sein, darauf gelte es sich vorzubereiten.
Protestbanner bei Vortrag entrollt
Veranstalter des Vortrags war der Bibeltreff, eine offiziell anerkannte Hochschulgruppe wie Dutzende andere. Laut dessen Selbstdarstellung trifft man sich auf dem Campus zum „gemeinsamen Lesen der Bibel, Gebet und Austausch über aktuelle Themen aus christlicher Sicht“. Das klingt erst mal unverfänglich. Der Referent aber – seinen Namen will er nicht in der Zeitung lesen – kam von einer Art Endzeitsekte, der Gemeinschaft Himmlisches Jerusalem. Mit dem Bibeltreff scheint sie mehr oder weniger eng verbunden. Einmal pro Semester bittet sie zum Themenabend an die Uni, die kostenlos einen Raum zur Verfügung stellt.
An einer Stätte der Wissenschaft werden apokalyptische Szenarien ausgebreitet – dagegen regt sich zunehmend Widerstand. Schon während des Vortrags entfalteten Zuhörer im Saal ein Protestbanner, mit ziemlich grober Aufschrift. Gleich danach gingen zwei Beschwerden bei der Studierendenvertretung ein, welche sie an die Uni weiterleitete. Man nehme die Kritik ernst und prüfe Konsequenzen, heißt es unisono von beiden Seiten. Auch an unsere Zeitung wurden Irritationen herangetragen: Schon länger störten sich Studierende an Vorträgen, Plakaten und Infoständen auf dem Campus.
Kirchenexperten berichten von besorgten Anfragen
Bei der Fachstelle für Weltanschauungsfragen der Evangelischen Landeskirche Württemberg kennt man das Thema. Immer wieder kämen Anfragen von besorgten Studenten oder Anwohnern, was denn von der Gemeinschaft Himmlisches Jerusalem zu halten sei, berichtet der Referent Philipp Kohler. Mit ihren teils kruden theologischen Ansichten und ihrem „offensiv missionarischen“ Auftreten provoziere sie regelmäßig massive Kritik, bis hin zu Rufen nach einer Verbannung vom Unigelände. Aber nicht nur in Stuttgart, auch an anderen Hochschulen im Südwesten versuche die Gruppe Fuß zu fassen.
Die Frohe Botschaft der Bibel, kritisiert Kohler, deute sie zur Drohung um. Einzelne Textstellen ziehe sie aus dem Kontext, interpretiere sie absolut und leite daraus angstvolle Szenarien ab. Das Leid der Welt, politische Ereignisse, der Stand der Sterne: Alles werde als Zeichen der Endzeit gewertet. Wenn die anbreche, würden nur die „wahren Gläubigen“ erlöst, also die eigenen Anhänger. Alle anderen seien „letztlich einem üblen Schicksal geweiht“. Trotz dieser „eher antiwissenschaftlichen Haltung“, so der Experte, finde das an Hochschulen durchaus Resonanz: bei jungen Menschen in Reifeprozessen, die Halt und Orientierung suchten.
„Nicht im Untergrund, sondern transparent“
„Dass der Bibeltreff nicht jedermanns Ding ist, können wir nachvollziehen“, schreibt ein Sprecher der Gruppe; niemandem werde etwas aufgedrängt. Es gebe aber sehr wohl Studierende, die daraus in schwierigen Zeiten „neue Hoffnung und Lebensfreude“ schöpften. Wissenschaft und Glaube müssten kein Widerspruch sein, heißt es in der Stellungnahme. Gerade an einer Uni solle man sich über verschiedene Meinungen offen austauschen können. Infostände und Plakate seien stets genehmigt, man arbeite „nicht im Untergrund“, sondern transparent. Jeder sei eingeladen, „mit uns über unser Weltbild zu diskutieren“.
Dazu dürfte es bald Gelegenheit geben. Die Studierendenvertretung (Stuvus) will nun „das Gespräch mit der Hochschulgruppe suchen und sie auf die Kritik hinweisen“. Dann prüfe man gegebenenfalls die gerade erst verlängerte Anerkennung; dafür ist sie in eigener Regie zuständig. Die Uni wiederum will bei nächster Gelegenheit mit der Stuvus über den Bibeltreff sprechen. Zudem, sagt eine Sprecherin, prüfe man „die Prozesse zur Raumvergabe und zur Genehmigung von Infoveranstaltungen auf dem Campus“.