Martina Thanner möchte ihr Schränkchen namens Häppypäppy irgendwann vergrößern. Foto: /Stefanie Schlecht
Der Einzelhandel kriselt, Selbstgemachtes liegt im Trend. Wie vermarktet man also seine Artikel abseits vom Internet? In Dagersheim und Deufringen bieten zwei Frauen, unabhängig voneinander, handgemachte Deko-Artikel in Selbstbedienungsschränkchen an.
Jenny Schwartz
02.01.2024 - 18:57 Uhr
Selbstgemachtes liegt im Trend, der Einzelhandel kriselt. Wie vermarktet man also seine Artikel abseits vom Internet? Die Bewohner im Oberen Wengertweg in Deufringen staunten wohl nicht schlecht, als vor ein paar Monaten plötzlich ein kleines, weißes Schränkchen am Bürgersteigrand auftauchte.
Wenn das Schränkchen seine Türen geöffnet hat, offenbart es eine ganze Reihe selbstgemachter Kleinigkeiten. Handgenähte Stirnbänder, Kerzen und Deko-Artikel, die je nach Jahreszeit variieren. Wer etwas kaufen möchte, kann einfach den entsprechenden Betrag in eine kleine Kasse werfen, die in einer Schranktüre hängt.
„Was weg ist, ist weg“
Die Besitzerin des Schränkchens heißt Maria Schuster. Die 38-Jährige hat vor ein paar Jahren angefangen, für sich und ihre Kinder zu nähen. „Irgendwann wurde bei uns der Platz zu knapp“, schmunzelt sie. Eine eigene Ladenfläche anzumieten, wäre allerdings ein zu großer Aufwand gewesen. „Ich mache das ja nur hobbymäßig und muss damit nicht zwangsläufig mein täglich Brot verdienen“, sagt Schuster. „Es soll Spaß machen und kein Stress sein. Was weg ist, ist weg, und wird eben irgendwann nachgefüllt.“
Die Deufringerin ist nicht die einzige in der Umgebung, die diese Verkaufsmöglichkeit für sich entdeckt hat. Auch Martina Thanner aus Dagersheim bietet dekorative Alltagsversüßer in einem kleinen Schränkchen direkt vor ihrer Haustür an. Bei Martina Thanner findet man ebenfalls gegossene Deko-Artikel und Kerzen, aber auch beispielsweise selbstgestaltete Grußkarten oder Holzarbeiten.
Das Selbstbedienungsschränkchen sei die ideale Lösung. Niemand muss vor Ort an der Kasse stehen, niemand Werbung machen oder Pakete verschicken.
Das Konzept lebt von Laufkundschaft und Mund-zu-Mund-Propaganda. Der Standort im Oberen Wengertweg ist geschickt gewählt. Wer aus dem darüberliegenden Wohngebiet kommt und in Richtung Aidlingen fahren möchte, kommt in der Regel am Selbstbedienungslädchen vorbei. Mittlerweile ist der Mini-Laden schon ziemlich bekannt. „Letztens kam eine Kundin mit ihrem Sohn, der unbedingt schauen wollte, was es so Neues gibt“, freut sich Maria Schuster.
Für Martina Thanner ist Basteln ein Ausgleich zum Alltagsstress. /Stefanie Schlecht
Martina Thanners Lädchen trägt sogar einen Namen: Häppypäppy heißt es. „Unter Freundinnen sagen wir oft so was ähnliches und mir gefällt das Wort“, erklärt sie. „Es erinnert mich an das coole, positive Gefühl, wenn man in einen Laden kommt, der einen glücklich macht.“ Genau dieses Gefühl wolle sie auch mit ihrem Selbstbedienungsschränkchen bei den Menschen hervorrufen.
Für Martina Thanner ist das Basteln und Gestalten eine Möglichkeit, Ruhe im Alltag zu finden. „Kreativ sein, hat einen richtigen Suchtfaktor“, sagt sie. „Für mich ist das wie für andere Leute Yoga.“
Ehrliche Kunden
Die Dagersheimerin hatte ihre Handarbeiten früher hin und wieder auf Märkten ausgestellt. „Aber das war mir zu stressig“, sagt sie. Das Selbstbedienungsschränkchen lasse sich dagegen hervorragend in den Familienalltag integrieren. Nur zweimal am Tag muss Martina Thanner aufschließen und Ware nachfüllen, ansonsten ist der Mini-Laden sich selbst überlassen. „Häppypäppy“ wurde bereits im Sommer 2022 eröffnet und wird seither gut angenommen. Die Kunden schätzen nicht nur die Artikel, sondern auch die Möglichkeit, samstags und sonntags ein Mitbringsel kaufen zu können. Bei spontanen Einladungen muss nun niemand mehr mit leeren Händen dastehen.
Das ganze Konzept baut auf Vertrauensbasis auf. Da niemand das Schränkchen betreut, kann theoretisch auch niemand aufpassen, ob die Kunden auch wirklich zahlen. Martina Thanner hat zum Glück bisher wenig schlechte Erfahrungen gemacht. „Ein, zweimal hat was gefehlt“, sagt sie. „Aber die meisten Leute sind sehr ehrlich.“
Das Schränkchen soll wachsen
Bei Maria Schuster ist bislang noch nichts abhandengekommen. „Wir haben aber auch das Glück, in einem Dorf zu wohnen“, sagt sie. „Meine Schwester kommt aus Berlin und meinte, bei ihnen wäre das Schränkchen bis zum Abend leer geräumt.“
Während Maria Schuster vorerst bei ihrem Selbstbedienungsschränkchen bleibt, hat Martina Thanner für die Zukunft noch größere Pläne. Einen richtigen Laden möchte die hauptberufliche Beamtin zwar nicht eröffnen. Dafür plant sie, künftig Workshops im Gießen und Stempeln anzubieten. „Und vielleicht wird das Schränkchen noch einmal vergrößert“, sagt sie. „Im Keller wird es langsam eng.“