Die Idee dazu entstand während Rommels Zeit in einer norddeutschen Reha-Klinik nach seiner Covid-19-Erkrankung. „Ich habe während des Reha-Aufenthalts die Erfahrung gemacht, wie gut es tut, sich mit Betroffenen auszutauschen und zu erkennen, dass man nicht alleine dasteht“, erinnert er sich. „Ich sagte mir dann, dass es so einen Austausch auch bei uns in Süddeutschland geben sollte.“ Im Dezember 2020 ging Otto Rommel schließlich auf die Selbsthilfe-Kontaktstelle KISS Stuttgart zu. Er habe sich dort dazu beraten lassen, wie man am besten die Menschen erreichen könne und welche Unterstützung er bekomme, erzählt er. „Da sind die Dinge dann in Gang gekommen.“
Die Gruppe kommt in Präsenz zusammen
Das erste Mal traf sich die Stuttgarter Selbsthilfegruppe „PostCovid-19-Plattform-Stuttgart Hilfe zur Selbsthilfe“ schließlich Mitte Februar. Der gemeinsame Austausch mit anderen Betroffenen ist dem 67-Jährigen dabei sehr positiv in Erinnerung geblieben. „Für mich war das erste Treffen spannend und aufregend“, schildert Rommel. „Es entstand durch diese Betroffenheit und die Schicksale, die jeder mitgeteilt hat, eine enorme Vertrautheit und Nähe.“ Die Teilnehmer hätten aus den Erfahrungen der anderen etwas für sich mitnehmen können.
Obwohl sich Deutschland zu dieser Zeit wieder im Lockdown befand, kamen die Betroffenen vom ersten Treffen an in Präsenz zusammen – das ist Otto Rommel sehr wichtig. „Die Anonymität im Netz ist nicht gerade förderlich, um sich ganz zu öffnen, sich mitzuteilen und Nähe zu erleben“, erklärt er. „Die Ansprache ist einfach anders möglich als virtuell, weil ich den Anderen besser wahrnehmen kann.“ Es sei nicht einfach gewesen, sich während des Lockdowns zu treffen, so Rommel. Aber die KISS habe ihnen Räume angeboten, die coronakonform ausgestattet gewesen seien. Dort ist die Gruppe laut dem 67-Jährigen zu acht oder neunt mit Maske und Abstand zusammengekommen.
Ein großes Spektrum an Spätfolgen ist in der Gruppe vertreten
Inzwischen hat die Stuttgarter Selbsthilfegruppe etwa 15 Mitglieder. Die Personen, die an den Treffen teilnehmen, sind zum Großteil zwischen 35 und 60 Jahre alt. Aber auch einige ältere und ein paar jüngere Personen seien vertreten, schildert Rommel. Die Langzeitfolgen, unter denen die Teilnehmer auch nach ihrer Covid-19-Erkrankung leiden, sind vielfältig: Manche haben noch Atemprobleme, andere Haarausfall. Auch Personen mit Geruchs- oder Geschmacksverlust sind in der Gruppe vertreten. Aktuell seien zwei Mitstreiter außerdem wegen anhaltender Vergesslichkeit in Behandlung, erzählt Otto Rommel. Betroffene mit psychischen Folgen wie Depressionen oder posttraumatischen Belastungsstörungen seien ebenfalls Teil der Selbsthilfegruppe.
Die Treffen laufen meist ähnlich ab. Nach einer kurzen Begrüßung folge die sogenannte Blitzrunde, erklärt er: Darin sagt jeder Teilnehmer kurz, wie es ihm momentan geht und über welches Thema er an diesem Termin sprechen möchte. Wer neu dazu kommt, kann anschließend ausführlich von seiner Erkrankung und den Langzeitfolgen erzählen. „Dann finden wir optimalerweise ein Thema, über das wir sprechen“, erläutert Otto Rommel den Ablauf. Das Themenspektrum könne dabei von Post-Covid-Beschwerden wie dem Ermüdungssyndrom bis hin zu der Frage reichen, ob man sich als Genesener doch zwei Mal impfen lassen sollte. Die Betroffenen teilen dabei miteinander die Erfahrungen, die sie selbst gemacht haben.
Erfahrungen teilen auf Augenhöhe
„Das Grundinteresse der Treffen ist der Austausch auf gleiche Ebene“, schildert der 67-Jährige. „Also dass der andere auch nachvollziehen kann, wovon man spricht und die Gesellschaft ähnlich erlebt.“ Die Mitglieder der Stuttgarter Gruppe geben sich laut ihm Ratschläge, beispielsweise zu Behandlungsmöglichkeiten. Sie unterstützen sich gegenseitig und sprechen offen miteinander über ihre Beschwerden, so Rommel.
Alle zwei Wochen kommt die Post-Covid-Selbsthilfegruppe in Stuttgart zusammen. Kurzzeitig waren die Treffen auch wöchentlich angesetzt, jedoch sei der Andrang dafür nicht groß genug gewesen. „Das wurde so nicht angenommen“, erzählt der Magstadter. Er merke auch, dass mittlerweile das Interesse nicht mehr so groß sei wie in den Anfangszeiten: Die Teilnehmer würden unregelmäßiger zu den gemeinsamen Treffen kommen als noch zu Beginn. „Es gab Zeiten, in denen wir nur zu dritt da saßen, aber auch solche, in denen wir zu acht oder neunt waren.“ Laut Otto Rommel liegt das aber nicht an dem Thema, sondern ist ein generelles Problem von Selbsthilfegruppen.
Das sind Otto Rommels Pläne für die Zukunft
Im August geht die Stuttgarter Selbsthilfegruppe erst einmal in die Sommerpause, im September soll es dann weitergehen. In der Zwischenzeit hat Otto Rommel allerdings noch einiges vor. Sein großes Ziel: Ein Verein für Post-Covid-Betroffene. „Ich fand es sinnvoll, zuerst mehrere Selbsthilfegruppen zu gründen, die sich zusammentun können und ein Wir-Gefühl entwickeln“, schildert er. „Aber das große Wir soll ein Verein sein.“ Die Interessenvertretung Post-Covid-Erkrankter, die ihren Sitz in Magstadt hat, ist laut Rommel bereits gegründet, momentan aber noch nicht in das Vereinsregister eingetragen. „Wenn die Mitglieder der Selbsthilfegruppen in den Verein überwechseln, können wir einfach unseren Forderungen und Wünschen mehr Raum geben in Politik und Öffentlichkeit“, erklärt er die Gründung. „Wir wollen auch unsere Vorstellungen dazu äußern, wie die Gesellschaft positiver auf Betroffene reagieren kann.“