Selina Tossut im Halbfinale von Schönheitswettbewerb Studentin aus Maichingen will Miss Germany werden

Tossut bei ihrem „Pitch“, der Vorstellung ihrer Vision, bei Miss Germany. Ihre Idee lautet: Frauen in einer „Self Love Academy“ mehr Selbstwertgefühl vermitteln. Foto: Leonie Peplow

Die Maichingerin Selina Tossut spricht auf Instagram und Tiktok vor einem Millionenpublikum über Essverhalten, Fitnesswahn und negativen Körperbildern von Frauen. Mit ihrem Herzensthema ist die Influencerin nun unter die Top 20 von Miss Germany gekommen.

Böblingen: Martin Dudenhöffer (dud)

Aus 15 000 mach 80, aus 80 werden 40. Aus 40 schließlich 20. Der Kreis der Bewerberinnen beim weltbekannten Schönheitswettbewerb Miss Germany wurde in den vergangenen Monaten immer übersichtlicher. Viele Frauen, die sich Hoffnungen auf den Titel „Miss Germany“ gemacht haben, mussten inzwischen abreisen. Eine, die noch immer in der Verlosung ist und nun zu den Top 20 gehört, ist Selina Tossut – 23-jährige Studentin der Wirtschaftspsychologie und reichweitenstarke Influencerin aus Maichingen.

 

Üblicherweise spricht Selina Tossut auf den bekannten Plattformen der sozialen Medien über negative Körperbilder, Essstörungen, Optimierungsdruck und Fitnesswahn. Auf Instagram folgen der 23-Jährigen, die regelmäßig Bilder und Kurzvideos mit Erklärtexten veröffentlicht, 120 000 Menschen. Auf Tiktok sind es sogar 1,2 Millionen, zumeist Mädchen und junge Frauen. In den vergangenen Monaten jedoch blitzte sie nicht nur auf unzähligen Smartphone-Bildschirmen im Internet auf, sondern trat auch ganz analog auf der Bühne von Miss Germany auf, um für ihr Herzensthema, Mädchen und Frauen zu bestärken, zu werben.

Das „Ja“ zum Halbfinaleinzug kam spät

Offenbar mit Erfolg, schaffte die Maichingerin doch Mitte November den Einzug ins Halbfinale. Bis das Weiterkommen feststand, musste Tossut allerdings drei Wochen bangen. „Die Jury hat die Kandidatinnen, die in die nächste Runde einziehen, nur schrittweise bekannt gegeben. Ich war eine der letzten vier, die davon erfuhren. Ich hatte nicht mehr daran geglaubt“, offenbart Tossut. Umso freudiger habe sie die Nachricht aufgenommen: „Das hat mich total gefreut, ich hätte es allen anderen auch gegönnt. Denn jede Einzelne hatte sich überzeugend präsentiert“, fügt die Influencerin an.

Beweisen mussten sich die 40 Besten ein Wochenende lang im südbadischen Rust. Dort, im Europark, wo normalerweise Menschenmassen Nervenkitzel in Achterbahnen suchen, galt es für die jungen Frauen, in Teams die gestellten Aufgaben zu lösen und den eigenen „Pitch“, also die mitgebrachte gesellschaftliche Vision, möglichst überzeugend an die Jury zu vermitteln. Wie bei Miss Germany in den Jahrzehnten vor 2020 üblich, rein über die Optik an den Sieg zu gelangen, reicht nicht mehr aus. Seit zwei Jahren sollen die Teilnehmerinnen auch an ihrer Persönlichkeit und vor allem an einer gesellschaftlichen Projektidee gemessen werden.

„Die Bandbreite an Themen war erstaunlich groß. Mein Thema, die Stärkung von vor allem jungen Frauen im Hinblick auf die geltenden Schönheitsideale unserer Zeit, hatten andere Mitbewerberinnen auch. Andere machten auf negativ behaftete, aber wichtige Themen wie sogenannte Sternenkinder, Fehlgeburten, künstliche Befruchtung, Rassismus oder Transsexualität aufmerksam. Die Vorträge und Gespräche mit den anderen Frauen haben meinen Horizont erweitert“, erklärt Tossut, die auf Instagram und Tiktok unter dem Namen „tastyselly“ bekannt ist.

Austausch mit den Followern dient auch der Aufklärung

Ihre Teilnahme an dem früher für seine Oberflächlichkeit kritisierten, heute aber stark veränderten Schönheitswettbewerb, begrüßten die meisten ihrer Follower, sagt Selina Tossut. „Viele waren glücklich darüber, dass ich die Problemstellungen, mit denen so viele Mädchen und Frauen heute in der digitalen Welt konfrontiert sind, bei Miss Germany adressieren kann. Einige wenige hatten kein Verständnis und sagten, Miss Germany widerspreche dem, was ich immer wieder auf meinen Kanälen vertrete. Hier musste ich erklären, dass das Konzept ein völlig anderes ist und ich sonst auch nicht mitgemacht hätte. Es bestand also durchaus Aufklärungsbedarf“, sagt die Maichingerin.

Wie virulent die Themen rund um gestörtes Essverhalten und verzerrte Körperbilder sind, zeigen die jüngst von der Krankenkasse DAK veröffentlichten Zahlen. Demnach haben Magersucht, Bulimie und so genannte Binge-Eating-Erkrankungen, an denen auch Selina Tossut jahrelang litt, deutlich zugenommen. Die Coronapandemie hat nach Einschätzungen von Experten dabei ähnlich negativ gewirkt wie der verstärkte Medienkonsum durch die Isolation. Gegen die in den sozialen Medien propagierten Idealbilder, an denen sich gerade junge Menschen orientieren, will Tossut weiter angehen.

Der Plan: Eine Akademie für Selbstliebe

„Meine Idee besteht darin, eine Art ‚Self Love Academy’ zu gründen, in der sich Mädchen und Frauen online und in Präsenz austauschen können, und in der Experten Lösungen zu den Problemen anbieten“, beschreibt Tossut die Vision, die sie auch bei Miss Germany vorgestellt hat. Ob sie die Einrichtung auch dann umsetze, wenn sie nicht Siegerin wird? „Auf jeden Fall werde ich die Vision weiterverfolgen. Sie wäre mit dem Preisgeld von 25 000 Euro und dem Miss Germany-Netzwerk nur schneller und einfacher umgesetzt, als wenn ich das Projekt alleine aufziehe“, sagt die 23-Jährige. Gerade der Dezember habe bewiesen, wie stark viele Frauen aufgrund der Weihnachtsfeiertage und des Jahreswechsels – der meist mit Vorsätzen wie „Mehr Sport“ und „weniger essen“ verbunden ist – belastet sind.

Im Februar, wenn Juroren wie Bruce Darnell erneut in den Europapark zum Halbfinalcamp rufen, wird Selina Tossut wieder für ihr Herzensthema werben. Druck, nun auch das Finale erreichen zu müssen, verspürt die Influencerin nicht:„In die Top 10 zu kommen, wäre toll. Ich wäre aber auch nicht unglücklich, wenn die Reise dort endet. Meine Themen würden auch ohne Finaleinzug nicht in Vergessenheit geraten.“

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