Seminar im Nichtstun auf der Alb Vom Eros des Beobachtens

Was aussieht wie Müßiggang in idyllischer Natur, ist in Wahrheit harte Arbeit. Die Teilnehmenden des Schreibseminars „Nichts tun“ sind auf der Suche nach ihrer eigenen Stimme. Foto: Horst/ Haas

15 Studierende aus Tübingen und Weimar haben einen Kurs im Nichtstun belegt und das Erlebte zu Papier gebracht. Den Auszügen nach hat die Woche auf der Schwäbischen Alb viel Kraft gekostet.

Was fließt aus der Feder, wenn nichts vorgegeben ist – kein Thema, keine Ausrichtung, kein Zeitfenster? Der Frage sind 15 Studenten aus Weimar und Tübingen nachgegangen. Im Rahmen eines Seminars mit dem Titel „Nichts tun“, einem Pilotprojekt der Bauhaus-Universität Weimar und des Studios Literatur und Theater (SLT) der Universität Tübingen, haben sie sieben Tage auf der Schwäbischen Alb damit verbracht, sich frei von Ablenkungen ganz ihren Wahrnehmungen hinzugeben.

 

Anders als der Titel vielleicht suggeriert, waren die Teilnehmer nicht völlig sich selbst überlassen. Zu den eingestreuten Übungen gehörte, so langsam wie möglich zu gehen und so das Erleben von Zeit zu verändern oder minutenlang zu schreiben, ohne den Stift abzusetzen. „Dieser Kurs will den Beobachtungseros wecken, ein zweckfreies, beobachtendes, forschendes Schreiben, das Richtungswechsel von Umraum und eigener Stellung in der Welt erkundet, wider den Imperativ der Aufmerksamkeits- oder anderer Ökonomien und wider dem Nützlichen und dem ständigen Verfügbarkeitsanspruch“, so erklärten die Kursleiter ihr Ansinnen. Was die Studierenden tatsächlich aus dem Kurs mitnahmen, haben sie im Anschluss daran aufgeschrieben. Ein paar Auszüge aus ihren Erlebnisberichten.

Leonie Duschka, 22, Medienkultur: Wir fielen aus dem Alltag und landeten auf freien Seiten, die etwas festhalten, etwas erzählen sollten. Dass es keine Vorgaben gab, machte es nicht immer leicht. Nichts tun: Wo fängt es an und wo hört es auf? Was ist das überhaupt? Kann man aktiv nichts tun, denn irgendwas macht man doch immer? Und wenn man nichts tat, was machte man dann?

Wir taten alles andere als nichts. Wir wanderten, wir fuhren mit dem Zug in den nächsten Ort, suchten Plätze auf, die uns inspirierten. Was wir taten, taten wir bewusst. Und doch brauchte es den Rahmen des „Nichts tun“. Es nahm den angestauten Druck, dass alles, was man schreibt, fertiggestellt und perfekt werden musste. Es löste Schreibblockaden, indem man seinen ersten Gedanken einfach roh zu Papier brachte.

Hätte jemand vor dem Seminar gefragt, was ich unter „Nichts tun“ verstehe, hätte ich vermutlich zuerst an Unproduktivität gedacht. Oder daran, sich eine Pause zu nehmen. „Nichts tun“ wird in unserer Gesellschaft meist negativ konnotiert, weil man diese Zeit nicht effektiv zu nutzen scheint. Wir sind getrieben, Zeit sinnvoll zu nutzen. Nichts zu tun aber klingt nach Stille und Stillstand, vielleicht sogar Faulheit.

„Nichts tun“ vermittelte das Gefühl, dass es kein Richtig oder Falsch mehr gibt. Wie man seine Zeit füllte, was man daraus machte, war einem selbst überlassen. Für mich ging es in dieser Zeit viel ums Anfangen, darum, sich auf etwas einlassen zu können.

Während die Gedanken zu Beginn noch zäh auf das Papier flossen, fiel es mit der Zeit immer einfacher, einen Weg in das Schreiben zu finden, einen ersten Gedanken weiter zu verfolgen, an einem neuen Ort, mit neuen Einflüssen und Inspirationen. Welche Wirkung hat der Ort auf die Art zu schreiben? Hätte ich an einem anderen Ort gesessen, zu einer anderen Zeit, wäre womöglich ein ganz anderer Text entstanden.

In der Ruhe begannen meine Gedanken zu rennen. Als wären sie lauter geworden, weil mich nichts mehr von ihnen ablenkte. Ich war aufmerksamer für alles, was durch meinen Kopf tanzte.

Uns bewegte auch die Frage nach der Rolle von Struktur: Wie viel brauchen wir? Wieso haben wir überhaupt das Bedürfnis danach? Ab und zu sehnt man sich nach Struktur, weil sie eine Richtung vorgibt, auf die man sich verlassen kann und an der man sich orientieren kann.

Pia Lohfeld, 22, Biochemie: Wenn ich mich zurückerinnere, verblassen und verschwimmen die Stunden der gemeinsamen Zeit. Schwer zu sagen, was sich an welchen Tagen ereignet hat, welche Stunde an welchem Tag. Der Titel des Seminars wurde zum Wegbegleiter. Ständig drehten wir uns um die Frage: Wie viel Tun darf im Nichtstun sein und wie gegensätzlich kann etwas sein, um noch zusammenzupassen? Wie viele paradoxe Gedankengänge hält eine Frage aus, bevor sie nicht mehr lösbar ist?

Wenn wir nicht über die Begrifflichkeit des Nichtstuns philosophierten, dann über das Schreiben selbst: Wie viel Selbstzweifel ist gesund? Und wie viel Talent muss man haben? Ist der Begriff des Genies in der Schriftstellerei noch aktuell oder romantisiert er den Beruf? Gehört Mut dazu oder reicht Glück?

Laufen, Reden, Essen. Laufen, Reden, Trinken. Diese Monotonie sorgte für das Gefühl, nichts zu tun. Das Reden schweißte zusammen. Die Verbindungen sind enger zu Fremden, die ich nun Freunde nenne.

Das Seminar liegt nun in der Vergangenheit. Ich wurde wieder in ein anderes Leben entlassen und muss mich wieder neu einfinden. Neue Träumereien sind entstanden und alte Träume wurden wieder entfacht.

Nina Lenz, 29, Gasthörerin am SLT: Wir haben unsere Räume unter den Birken. Wir bewegen uns ein wenig, heben kaum den Blick ins Licht. Wir sehen uns um, fragen uns, wo es überhaupt möglich ist, sich hinzusetzen. Wir werfen den Blick zu den Seiten. Immer wieder das Tal. Ob es sich einschreibt?

Die Lust zu schreiben beginnt irgendwo im Körper. Manchmal im Kopf. Oder in der Mitte der Lippe. Manche Worte küssen sich in den Oktober, hallen hinein. Wir sind angefüllt von Licht und Serotonin, von Süßigkeiten und warmen Getränken. Wir nehmen einen großen Schluck.

Wir wollen irgendwo hin. Vorlegen in die Bewegung. Wir sind schon mit dem Körper in den Texten, wir sind mit den Texten und den Körpern. Wie werden wir gefunden? Man findet uns an den Steilhängen, mit falschen Schuhen, Erwartungen.

Wir gehen spazieren. Mit magnetischen Füßen. In Fußgängerzonen. In der Langsamkeit kommen wir dem Tanzen nah. Wir begeben uns ins Nichtstun und vermuten, dass wir in etwas hineingeraten könnten.

Nichts tun ist kein Geräusch. Es ist auch nicht dessen Abwesenheit. Ständig hört man noch etwas. Nichtstun ist nicht nichts tun. Nichts tun ist keine Bewegungslosigkeit.

Es gibt immer einen möglichen Zwischenraum zwischen den Tätigkeiten. Der Kaffee, der Sessel, der Weg oder das Gras. Pausen in einem Gewirr.

Ein Mal überlege ich, den Begriff der Arbeit ab sofort zu verweigern, ihn nicht mehr zu verwenden. Ich habe das Gefühl, dass er die Zeit und den Raum zweiteilen will und dabei ganz ungenau wird. Wir umgeben uns andauernd mit diesem Begriff. Wir sind in einer andauernden konflikthaften Reflexion darüber, wann und ob und wie viel wir arbeiten.

Wir haben unsere Räume am Fluss. In der Schaukelbewegung. Der Fluss, der kein Fluss mehr ist. In den die Weide Schatten schneidet. Wie sie das Licht betont. Längst ist die Luft angekühlt, wenn sie herauf tritt und in den Rücken zieht.

Laufen, stehen bleiben. Die Stimme erheben. Lesen ist eine Irritation, es ist anstrengend zu lesen. Bögen aus Wörtern in ein Gespräch, ein Flüstern und Knirschen. Hören, aufhören, Atem finden.

Konstantin Fahrner, 23, Rhetorik und Skandinavistik: Ich hätte gerne noch radikaler nichts getan. Klar, essen muss der Mensch, und von A nach B kommen müssen wir auch. Aber könnte man das Nichtstun nicht zum Programm machen, programmatisch Nichtstun? Es auf die Spitze treiben bis in die Ekstase? Gerade dort liegt doch eine unheimliche kreative Energie und Schöpfungskraft. Herumsitzen und Meditieren kann jeder und jede. Aber sich keinen Millimeter rühren und nach 30 Minuten schreiend und bebend auf dem Boden wälzen, weil man es um Himmels willen nicht mehr aushält – das wäre doch mal eine Erfahrung.

Und ein echter Protest. Nichtstun ist nicht nur die fundamentale Verweigerung dem Tun gegenüber, sondern auch konventionalisierten Formen des Tuns.

Bei der verlangsamten Gehübung war kurz ein Hauch von Radikalität, von Anarchie zu spüren, wenn auch nur von ästhetischer. Oder nicht mal das? Welche Art von Anarchie war das denn, die ich verspürt habe, als wir Schritt für Schritt storchenhaft durch die Fußgängerzone gestakst sind? Oder war das einfach nur Scham? Irgendwie habe ich mich nackt gefühlt. So als hätten die Passanten, die uns in Übergeschwindigkeit wie Slalomstangen umkurvt haben, mir direkt aufs Glied geblickt. Oder in die Seele.

Nichts tun ist auch mit der Scham vor den Tuenden verbunden. Eine Scham, die man mit Mittun oder Nachtun zu kompensieren versucht. Nichts tun ist der Weg zum eigenen Selbst, zu einem echten Selbst, ein Selbst in unproduktiver Abgrenzung zum Produktionswahn der Masse. Erbärmlich. Nichts tun ist auch nur eine Ideologie, niemand ist wirklich frei.

Mira Emmerling, 23, Medienkultur: Rückblickend ist nichts passiert. Rückblickend ist ein Text passiert. Rückblickend war nichts tun ganz schön vieles, aber sicher nicht einfach. Was tun wir denn, wenn wir nichts tun? Spazieren, flanieren, zelebrieren. Nichts intendieren und produzieren. Ganz einfach. Ein guter Text? Nur schreiben, schauen, beobachten. Nur fünf, zehn, fünfzehn Minuten lang Gedanken passieren lassen. Ganz einfach nur schreiben. Ein schlechter Text?

Rückblickend hab ich gelernt, dass ich zum Nichtstun ein Etwas und Zeit brauche. Dass das Etwas Zeit braucht. Rückblickend denke ich, dass Nichts ein guter Anfang ist, aber ein Ende braucht. Rückblickend habe ich Nichts mehr verstanden, ist Nichts mehr passiert als sonst. Rückblickend ist viel passiert. Rückblickend ist ein Text passiert.

Fran Evers, 21, Medienkultur: Beim Erstellen dieses Textes fällt mir auf, wie stark sich meine Wortwahl und mein Schreibstil an der Computertastatur von Wortwahl und Schreibstil mit Stift und Papier unterscheiden. Hier traue ich mir komplexere Formulierungen zu, bei denen . . . Mir ist gerade irgendwie langweilig geworden.

Wenn ich etwas aus Tübingen mitgenommen habe, dann den Mut, solche Einschübe auch mal stehen zu lassen. Nicht oberlehrermäßig mit dem Rotstift durchzustreichen im Sinne von „Das gehört sich nicht“, sondern mir einfach mal einzugestehen, dass, wenn ich ab der Mitte des Satzes nicht mehr daran interessiert bin, diesen weiterzuschreiben, ich am besten einfach einen neuen Satz anfangen sollte.

Philippine Antonia Zerfaß, 22, Medienkultur: Was werden wir zusammen nicht tun? Von Beginn an wird uns ein Freiraum mit wenigen Vorgaben gelassen, in dem zeitweise jeder und jede etwas anderes unternimmt. Ein Gefüge aus Handlungen bildet sich mit jedem neuen Tag aus, eine strukturlose Fläche mit uns als Akteuren.

Ich komme aus dem Seminar verändert heraus, ich denke bewusst anders, habe neue Inspiration zum ungebundenen Schreiben gefunden. Wir mussten lernen, mit Strukturlosigkeit umzugehen, schreibend.

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