Seniorennetzwerk in Schwäbisch Gmünd Mit den Augen der anderen

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In Schwäbisch Gmünd profitieren zwei Schwestern von einem ausgezeichneten Netzwerk – und von Menschen, die nicht lange fragen, sondern einfach anpacken.

Ilka Klingner (links) kann kaum noch gehen, ihre Schwester Rotraud ist fast blind. Trotzdem meistern sie ihr Leben im eigenen Häuschen. Foto: Gottfried Stoppel
Ilka Klingner (links) kann kaum noch gehen, ihre Schwester Rotraud ist fast blind. Trotzdem meistern sie ihr Leben im eigenen Häuschen. Foto: Gottfried Stoppel

Schwäbisch Gmünd - Ilka und Rotraud Klingner sind ein eingespieltes Team. „Rotraud ist meine Beine“, sagt die 81 Jahre alte Ilka Klingner, „ich bin ihre Augen.“ Die beiden Schwestern leben zusammen im Schwäbisch Gmünder Stadtteil Rehnenhof/Wetzgau. Sie haben ein hübsches Häuschen mit Garten gemietet. Ilka, die ältere, kann kaum noch gehen. Rotraud, mit 73 Jahren die Jüngere, ist fast blind. Als junge Frau erkrankte sie vor mehr als 40 Jahren am grünen Star; sie hat viele Operationen hinter sich und trotzdem nur noch ein Sehvermögen von fünf Prozent.

Trotz dieser Handicaps leben die Schwestern in dem Haus, in dem sie seit elf Jahren daheim sind. Dabei bekommen sie Hilfe vom Seniorennetzwerk Schwäbisch Gmünd. Der ehrenamtliche Fahrdienst sorgt dafür, dass die beiden Frauen mobil bleiben. „Das ist eine segensreiche Einrichtung“, sagt Rotraud Klingner.

Das Netzwerk gilt als Vorzeigeprojekt

Der Fahrdienst ist einer von 14 Bausteinen des Seniorennetzwerkes, das im vergangenen Jahr eine Auszeichnung des Landes erhalten hat für sein Bemühen, Senioren bei einem selbstbestimmten Leben zu unterstützen. Im Herbst bekam das Bündnis den mit 10 000 Euro dotierten Großen Präventionspreis der Stiftung für Gesundheitliche Prävention Baden-Württemberg.

Zum Netzwerk gehören ehrenamtliche Seniorenbegleiter, die Ältere daheim besuchen, mit ihnen plaudern, spazieren gehen oder ihnen vorlesen. Die Aktion Morgenohr vermittelt Ehrenamtliche, die per Telefon regelmäßige Plauderstündchen abhalten mit Senioren. Die Wohnberatung untersucht die eigenen vier Wände auf einen barrierefreien Umbau hin und informiert über Fördermöglichkeiten. Auch der Einkaufsdienst Gmünder Radler, der gegen ein Entgelt Einkäufe nach Hause liefert, oder der handwerkliche Seniorendienst, der für wenig Geld tatkräftig mit anpackt, sind Teil des Netzwerks.

Das Ziel: Menschen sollen zuhause bleiben können

Bei Birgit Schmidt im Rathaus laufen die Fäden zusammen, sie hat das Netzwerk vor sieben Jahren geknüpft. „Unser Ziel ist es, dass die Menschen möglichst lange zu Hause wohnen können“, sagt die Koordinatorin, die mit ihrer Halbtagesstelle ursprünglich bei der Stadt angestellt war. Jetzt ist ihr Arbeitsplatz bei der städtischen Hospitalstiftung angesiedelt, ihre ebenfalls Teilzeit arbeitenden Kollegen werden über die Pflegekassen und das Land finanziert. „Wir gelten als Leuchtturmprojekt“, sagt Schmidt, weil das Seniorennetzwerk es geschafft habe, dass ehrenamtlich Engagierte und professionelle Hilfsdienste miteinander kooperieren.

Der Seniorenfahrdienst gehört inzwischen zu den wichtigsten Dienstleistungen. Die ehrenamtlichen Chauffeure benutzen ihren Privatwagen und bekommen dafür Benzingeld. Mit sieben Fahrern ist der Dienst vor sieben Jahren gestartet. Mittlerweile kutschieren 29 Freiwillige von montags bis freitags zwischen 8 und 18 Uhr Senioren jenseits der 60, die sich Taxis nicht leisten können, zum Arzt, zum Kaffeeklatsch mit ehemaligen Kollegen, in die Bücherei. Der Fahrdienst muss tags zuvor zwischen 9 und 11 Uhr telefonisch bestellt werden; danach werden die Fahrer zugeteilt. Auf mehr als 500 Touren im Jahr komme der Fahrdienst mittlerweile, sagt Birgit Schmidt – ein Selbstläufer. Der Stadtteil Herlikofen unterhält mittlerweile sogar seinen eigenen Chauffeur­service für Senioren.

Die Hilfsbereitschaft der Nachbarn braucht kein Netzwerk

Ilka Klingner käme ohne den Fahrdienst kaum noch aus dem Haus. Den Bus zu nutzen, das schafft sie nicht mehr. Selber fahren kann sie nicht mehr, seit sie vor zehn Jahren am Steuer des Autos eine Hirnblutung erlitt. „Das hat uns in unserer Mobilität erheblich eingeschränkt“, sagt ihre Schwester Rotraud. Beide haben noch Kontakt zu ihren ehemaligen Arbeitskollegen, die sie regelmäßig treffen. Fast jede Woche bringt der Fahrdienst – „alles freundliche, zuverlässige Leute“, sagt Rotraud Klingner – eine der beiden irgendwohin. Die beiden profitieren aber auch von einem Netzwerk, das ohne Organisation auskommt: Die Nachbarin geht einmal in der Woche für die Schwestern einkaufen, ihr Mann hilft, wenn es im Haus handwerklich klemmt.