Seniorin in Isolation Das Virus kommt ins Heim, der Arzt nicht

Wenn alte Bewohner in Heimen wegen einer Corona-Infektion isoliert werden müssen, kann das ihr Leben völlig aus dem Tritt bringen. Foto: imago

Kein Arzt, keine Dusche – eine über 80-jährige Corona-Patientin erzählt, wie sie in ihrem Pflegeheim der Bruderhaus Diakonie in Bad Urach unter der Einsamkeit der Quarantäne leidet. Gerade noch rechtzeitig wird sie in ein Krankenhaus gebracht.

Bad Urach - Heimlich gönnt sie sich einen Ausflug ins Leben. Sie drückt die Zimmertür auf, schiebt den Rollator mit Trippelschritten in den Gang und zwingt das linke Bein, das nicht mehr so recht will, mitzuziehen. Zwei, drei Meter schafft sie mit ihren über 80 Jahren und einer rheumatischen Arthritis, die ihr die Beweglichkeit genommen hat, immer mal wieder muss sie stehen bleiben. Seit sie in Quarantäne ist, geht ihr die Kraft aus, ihr fehlen die kleinen Runden durch den gemeinsamen Wohnbereich, ihr fehlen die anderen Alten, die alle in ihren Zimmern bleiben müssen, um eine weitere Ansteckung zu vermeiden.

 

„Frau Fischer, was machen Sie denn da? Das dürfen Sie doch nicht“, schallt es ihr nach ein paar Minuten im langen Flur entgegen. „Ich bin schon wieder weg“, ruft sie und dreht um – eine Zentimeterreise zurück in die Einsamkeit des Zimmers.

Keine Gesellschaft mehr und selbst gegessen wird auf dem Zimmer

Es ist Tag vier der Isolation, und Waltraud Fischer, die ihren richtigen Namen lieber für sich behält, hustet schon den ganzen Morgen. Sie ist auf Corona positiv getestet worden so wie 15 andere Bewohnerinnen und Bewohner des Pflegeheims Herzog Christoph. Direkt an der Erms liegt das Haus der Bruderhaus-Diakonie in Bad Urach mit seinen 85 Betten, und an sonnigen Tagen steuert die Seniorin normalerweise ihren Elektrorollstuhl an das Flussufer, um auf Entenschau zu gehen. „Es ist so gruselig, ich weiß nicht, was draußen los ist“, erzählt sie am Telefon und hat alle Mühe, nicht zu weinen, sie hätte so gerne mehr Gesellschaft. Selbst das Essen werde ins Zimmer gebracht und dann wieder abgeholt, allein schmecke es ihr viel weniger.

Die gläsernen Schiebetüren des Heims sind verschlossen. Schon lange vor dem dramatischen Corona-Ausbruch in der Anlage, der auch beim Personal zu zehn Infizierten geführt hat, galt ein Besuchsverbot. „Wie ist bloß das Virus zu uns gekommen, wo wir doch eingesperrt waren?“, fragt Waltraud Fischer, die um eine ihrer Freundinnen und deren Mann trauert, die mit im Heim gewohnt haben, beide positiv, sie Mitte 90, er fast 100. „Ich gab ihr immer die Hand, dabei hat sie schon ziemlich gehustet“, erinnert sich Fischer, „eine entzückende Dame.“ Kurz vor Ostern ist sie gestorben, wenige Tage später folgte ihr Mann.

Fernsehen hilft nur bedingt, immer wieder kommen Corona-Nachrichten

Eine Dokumentation über Adelshäuser in Europa vertreibt Waltraud Fischer die Zeit, die sich nicht vertreiben lassen will. „Fernsehen hilft“, sagt sie. Aber immer, wenn sie gerade mal vergessen hat, warum sie die wenigen Quadratmeter mit Bett, Sessel, Handy und Hörbüchern nicht verlassen darf, kommen Corona-Nachrichten. Wie viele Tote es gibt. Dass der Mundschutz doch empfohlen wird. Dass alte Menschen zur Risikogruppe gehören und besonders geschützt werden müssen.

Ihre Ohrringe trägt Waltraud Fischer auch an Tagen, an denen sie am liebsten nicht aufstehen will. Sie mache sich hübsch für die „Außerirdischen“, wie sie das Personal in Schutzkleidung nennt. Kittel, Handschuhe, Mundschutz, „die tragen eine Plastikscheibe wie beim Motorradhelm“, sagt sie, gerne würde sie wieder richtig in den Arm genommen werden.

Das Duschen ist aus Personalmangel gestrichen

So selbstständig wie möglich will sie im Heim bleiben. Freitags wird sie normalerweise im Sitzen abgeduscht in ihrem kleinen Bad, doch das ist gestrichen worden, weil das Coronavirus auch das Personal ausgedünnt hat. „Das vermisse ich, das ist am Rücken immer so angenehm“, sagt sie, das Ende der Quarantäne kann sie kaum abwarten. 48 Stunden Symptomfreiheit ist die Voraussetzung dafür, dass sie wieder raus darf – zum Kaffee mit den anderen, womöglich auch zu den Enten am Fluss. In den zwei Wochen seit dem Test hat die Covid-19-Erkrankte keinen Arzt gesehen, mit keinem telefoniert. Weder wurde ihre Lunge abgehört, noch erhielt sie Hustensaft. Ihr Husten ist zäh, verbunden mit Auswurf. An diesem Montag ist die Temperatur leicht angestiegen. „Ich fühle mich matt“, sagt sie am Telefon und will nicht so lange sprechen.

Der Hausarzt will nicht kommen und verweist auf die Klinik

Der Hausarzt aus Bad Urach, der sich üblicherweise um sie kümmert, war bisher im Urlaub, eine Vertretung ist nicht kontaktiert worden. „Es ist uns wichtig, dass die Bewohner gut versorgt sind“, wird im Heim betont. Ärztliche Routinebesuche seien allerdings gestrichen, Mediziner kämen nur auf Abruf ins Haus, schließlich sei der Aufwand wegen der schützenden Ausrüstung enorm. „Wenn die Senioren keine Symptome haben, müssen sie auch nicht untersucht werden“, gibt die Heimleitung Auskunft, nur bei „Auffälligkeiten“ werde der Arzt geholt, ständiger Husten gehört wohl nicht dazu.

In der Bruderhaus-Diakonie gibt es feste Vorgaben, wie die medizinische Versorgung auszusehen hat. Die jeweiligen Leitungen von Einrichtungen, besonders von Pflegeheimen, seien im ständigen Kontakt mit den Hausärzten der Bewohnerinnen und Bewohner, versichert Tobias Staib, der Fachliche Vorstand der Bruderhaus-Diakonie. Als „aktuell sehr gefordert“ bezeichnet er die Situation des Personals im Bad Uracher Pflegeheim Herzog Christoph. Durch Überstunden einiger Mitarbeiter könnten Ausfälle kompensiert werden. Außerdem falle tatsächlich in Corona-Zeiten das Duschen aus – zu hoch sei die Ansteckungsgefahr. Stattdessen werde den Bewohnern angeboten, dass ihnen beim Waschen geholfen werde.

Der Landesseniorenrats-Vorsitzende Uwe Bähr kritisiert das Heim deutlich. „Das lag ein gravierender Organisationsmangel vor.“ Es sei nicht einzusehen, dass kein Arzt verständigt wurde. Er spricht von einem „krassen Einzelfall“. Darüber hinaus sieht er die strikte Absperrung der Heime als „Ritt auf Messers Schneide, es werden Grundrechte verletzt“.

Im Laufe des Montags geht es Waltraud Fischer schlechter, der linke Fuß ist dicker geworden. Der Hausarzt, keine fünf Minuten Fußweg entfernt vom Heim, will nicht kommen, er rät dazu, die Patientin in eine Klinik zu bringen. In der Reutlinger Notaufnahme bestätigt sich ein Thromboseverdacht. Jetzt wird auch die Lunge untersucht, das sei alles so weit unkritisch, gibt die zuständige Ärztin Entwarnung. Noch am Abend wird Waltraud Fischer wieder ins Heim geschickt mit Antibiotika und Blutverdünnern – zurück in die Quarantäne. Diese ist auf Anweisung des Gesundheitsamts inzwischen für alle Corona-Infizierten von zwei auf drei Wochen verlängert worden.

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