Sensation in der Champions League So sieht eine Bescherung bei den Stuttgarter Volleyballerinnen aus

So sieht ein Siegerteam aus: Die Stuttgarter Volleyballerinnen und ihre Trainer beschenken sich in der Königsklasse selbst. Foto: Baumann

Festtag schon vor Weihnachten: Allianz MTV Stuttgart schlägt das Weltklasseteam von Fenerbahce Istanbul mit 3:2 – und zeigt, was in der Königsklasse alles möglich ist.

Sport: Jochen Klingovsky (jok)

Der Sport kann gnadenlos sein. Aber auch große Gefühle wecken. Und manchmal, das ist Teil des Spiels, liegen dazwischen nur ein paar Tage. „Wenn ich Volleyball irgendwann verstanden haben sollte“, sagte Kim Renkema, während um sie herum in der Scharrena ein emotionales Feuerwerk gezündet wurde, „dann höre ich auf.“ Sie wird, so ist zu vermuten, noch eine ganze Weile Sportdirektorin von Allianz MTV Stuttgart sein. Weil manche Ergebnisse selbst ihr ein Rätsel bleiben werden.

 

Fenerbahce Istanbul hat vor zwei Monaten den türkischen Supercup gewonnen, durch ein 3:0 gegen den Stadtrivalen Vakifbank, das derzeit wohl beste Team der Welt. Doch auch der Jahresetat von Fenerbahce liegt bereits im zweistelligen Millionenbereich. „Jede Spielerin, die der Verein haben will“, sagte Kim Renkema, „kauft er sich.“

Kim Renkema: „Was für ein geiles Spiel“

Zuletzt war das Arina Fedorovtseva (18). Die Tochter von Sergey Fedorovtsev, Ruder-Olympiasieger 2004, gilt als eines der größten Talente im Volleyball-Kosmos. In Stuttgart machte die überragende Außenangreiferin 31 Punkte. Und trotzdem kassierte Fenerbahce eine Niederlage. „Was für ein geiles Spiel. Es war phänomenal, bei uns hat alles funktioniert. Großes Kompliment an meine Mannschaft. Sie liebt es, wenn sie befreit aufspielen kann“, meinte die MTV-Sportdirektorin nach dem 3:2 (25:22, 25:23, 18:25, 22:25, 15:10) im ersten Heimspiel der Champions League, ehe sie den Kopf schüttelte: „Erklären kann ich das alles nicht.“

Weil Allianz MTV Stuttgart krasser Außenseiter war. Weil der Etat des deutschen Meisters nicht mal ein Fünftel dessen beträgt, was Fenerbahce ausgeben kann. Weil noch nie ein Bundesligist ein türkisches Topteam in der Königsklasse geschlagen hat. Und, das vor allem, weil die letzte bittere Enttäuschung keine zwei Wochen her ist.

Erstes Training am 25. Dezember

Beim 2:3 im Pokal-Halbfinale gegen den SSC Schwerin hatten die Stuttgarterinnen eine scheinbar sichere Führung abgegeben. Entsprechend groß war der Frust. Von „Kontrollverlust“ war hinterher die Rede, und auch davon, den „Kopf verloren“ zu haben. Die Pleite wurde aufgearbeitet, in langen Gesprächen, aber sie schmerzt noch immer, schließlich wurde nach der Supercup-Niederlage gegen den SC Potsdam schon die zweite Titelchance verspielt. Umso lindernder wirkte der Triumph über Fenerbahce Istanbul. „Es ist keine Wiedergutmachung, aber es fühlt sich so an“, sagte Mittelblockerin Marie Schölzel, „jetzt können wir beruhigt Weihnachten feiern.“ Zumindest an Heiligabend.

So lange gab Trainer Tore Aleksandersen seinem Team frei, aber schon am ersten Weihnachtsfeiertag findet die nächste Einheit statt. Dann beginnt die Vorbereitung auf das Bundesliga-Heimspiel am 27. Dezember gegen die Ladies in Black Aachen. Viel Zeit zur Besinnlichkeit bleibt also nicht. Was die Freude über die vorgezogene Bescherung gegen Istanbul aber nicht geschmälert hat.

Tore Aleksandersen lobt das Publikum

Die Scharrena war, auch dank etlicher türkischer Fans, erstmals in dieser Saison ausverkauft. Und die Unterstützung stimmgewaltig. Das MTV-Team wurde gefeiert, als habe es nach dem Double in der vergangenen Saison nun soeben das Triple gewonnen, die überragende Krystal Rivers (25 Zähler), die als beste Spielerin ausgezeichnet worden war, lautstark bejubelt. Und eine La-Ola-Welle nach der anderen gestartet. „In Deutschland gibt es kein besseres Publikum. Das ist sicher“, sagte Tore Aleksandersen. Dann setzte er sich eine Zipfelmütze auf und ließ sich, wie alle Spielerinnen und Teammitglieder, von Nikolaus Matthias Wendler mit blauen Reise-Nackenkissen, in die der jeweilige Name eingestickt war, beschenken. Es war ein Präsent mit Symbolcharakter – schließlich hat der Trip durch Europa gerade erst begonnen.

Tore Aleksandersen meinte zwar, dass seine Mannschaft ihr „großes Potenzial“ gezeigt habe und er „sehr, sehr zufrieden“ sei. Im nächsten Satz aber erklärte er, dass es noch Luft nach oben gebe – bei der Effektivität im Angriff, in der Feldabwehr, im Antizipieren bestimmter Spielsituationen. „Dieser Erfolg über ein türkisches Topteam war auch ein großer Sieg für die Bundesliga“, sagte er, „aber wir sind noch nicht am Ende.“

Nun steht Allianz MTV Stuttgart an der Spitze seiner Vorrundengruppe, zumindest Rang zwei und damit das Erreichen der Play-offs um den Einzug ins Champions- League-Viertelfinale ist ziemlich sicher. Ob mehr drin ist? „Darüber reden wir, wenn es so weit ist“, sagte Aleksandersen. Und Renkema antwortete auf die Frage, ob theoretisch auch der Sieg in der Königsklasse möglich sei, mit einem lauten Lachen: „Das ist absolut illusorisch.“ Selbst in einer Sportart, in der viele Dinge nur schwer zu erklären sind.

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