Serie (1): Plätze im Süden Der unscheinbare kleine Bruder

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Der Marienplatz zieht die Massen an. Doch der Süden hat mehr als nur diesen einen Platz zu bieten. In loser Reihenfolge stellen wir die sechs namhaftesten Plätze des Stadtbezirks vor. Heute starten wir mit dem Südlichsten: dem Südheimer Platz.

Mitglieder der Initiative „Heslach im Blick“ wollen den Südheimer Platz beleben. Foto: Archiv 11 Bilder
Mitglieder der Initiative „Heslach im Blick“ wollen den Südheimer Platz beleben. Foto: Archiv

S-Süd - Grau, ausgestorben, Betonwüsten-Atmosphäre. Vor knapp 15 Jahren teilten Marien- und Südheimer Platz dasselbe Schicksal. Die beiden Plätze verdienten den Namen nicht. Dort aufhalten mochte sich niemand. Beim Marienplatz sind die düsteren Zeiten längst passé. An sonnigen Tagen strömen die Massen von überall her in die dortige Gelateria, ins L.A. Signorina oder ins Café Condesa. Der Südheimer Platz hingegen ist so etwas wie der unscheinbare kleine Bruder geblieben. Dabei hatte die Stadt Stuttgart die rund 7500 Quadratmeter große Fläche unter der einstigen Autobrücke im Jahr 2006 für rund zwei Millionen Euro ebenfalls aufwendig saniert. Dabei wurden die Betonpfeiler der B-14-Brücke erhalten und zu einem Wasserspiel mit Leuchtzylindern umgebaut. Eine Bocciabahn, ein Schachbrett und ein Spielplatz sollten Unterhaltungsmöglichkeiten im Freien bieten.

Der Platz ist meistens ausgestorben

Trotzdem findet der Südheimer Platz aber wenig Anklang. Nachmittags halten sich dort allenfalls ein paar wenige Mütter mit ihren Kindern beim Spielplatz auf. Schon ein winziges Café mit ein paar Tischchen würde helfen, meint Tina Neutatz. „Mütter trinken nun mal gerne Kaffee, während die Kinder spielen“, sagt die 35-Jährige aus dem Stuttgarter Westen.

Gastronomisch sieht es in der Ecke jedoch schlecht aus. Vorne an der Böblinger Straße befindet sich lediglich das Waldschlösschen. Anastasios Stogiammidis, den in Südheim alle nur als Tassos kennen, hat das Raucherlokal mit Tischkicker und Terrasse vor sechs Monaten übernommen. Der 66-Jährige ist inzwischen desillusioniert, nur wenige verirren sich dorthin. „Der Marienplatz ist goldene Platz“, sagt der gebürtige Grieche. Der „trockene Park“ vor seiner Tür locke niemand an. Dass sich daran noch etwas ändert, glaubt er nicht. „Nee, nee“, sagt er, raucht und zuckt die Achseln.

Andere wiederum glauben an den Südheimer Platz. So eine Gruppe Ehrenamtlicher, die sich im Rahmen des Quartiersprojekts „Heslach im Blick“ für eine Belebung des Platzes einsetzt. Die erste Idee: Ein Fest. Das lockt die Menschen an. Mit Roter Wurst, Stockbrot, Crêpes und einem improvisierten Kiosk aus Holzstangen lud die Gruppe am vergangenen Freitag deshalb zum ersten „Südfeuer“ ein. Ursula Karle vom städtischen Sozialamt, die ebenfalls bei „Heslach im Blick“ mitwirkt, hat dafür die Schachfiguren für das befestigte Schachbrett organisiert, Mithelfer Thomas Gentsch die Bocciabahn sauber gefegt, Bierbänke wurden aufgestellt. Am späten Abend war der Platz voll.

Calisthenics und Kiosk für mehr Leben

Das soll in Zukunft häufiger so sein. Einige Vorschläge, die dazu beitragen sollen, gibt es schon. So plant der Jugendrat Süd einen Outdoorpark für Körpergewichtsübungen, einen sogenannten Calisthenics-Park. Das Projekt ist bereits von den zuständigen Gremien und Ämtern abgesegnet, nun fehlt noch – wie so oft – das Geld. Ursula Karle, die auf eine Nutzung des Platzes von allen Generationen hofft, fände die mit rund 70 000 Euro veranschlagte Anlage ideal. Dazu ein kleiner Kiosk mit Toiletten und der Platz wird aus ihrer Sicht gleich viel lebendiger. Rupert Kellermann, ehemaliger Bezirksvorsteher und Mitorganisator des Südfeuers, hofft, dass mit dem Fest ein Prozess in Gang kommt. Denn: „Der Südheimer Platz ist der Platz im Süden, der noch wachgeküsst werden muss.“

Und vertragen kann der Süden mehr als nur einen schönen, belebten Platz. „Das braucht die Stadt sogar“, sagt Grischka Reichel aus Heslach beim Südfeuer. Die Stuttgarter haben lange gebraucht, bis sie ihr Leben nach draußen verlegten. Da sei man den Berlinern mal wieder hinter her. Der Marienplatz sei aber ein gutes Beispiel, dass dies auch in der schwäbischen Landeshauptstadt funktioniert. Der Marienplatz hat Berliner Flair, sagen manche Stuttgarter. Hip, jung, multikulturell, großstädtisch. Alteingesessene Südbewohner hören den Berlin-Vergleich ja nicht so gerne. Aber der Südheimer Platz darf nach Ansicht von Rechtsanwalt und Crepesverkäufer Reichel ruhig auch so werden. Nur ohne den Berlin-Vergleich.

Plätze im Stuttgarter Süden: Der Südheimer Platz

Historisches
Um den Südheimer Platz gab es einst eine kontroverse Diskussion – wohlgemerkt nach der Neugestaltung im Jahr 2006. Zu viel Beton, zu wenig Grün, lauteten die Vorwürfe. Davor jedoch trug der Platz inmitten des gleichnamigen Stadtteils die Last der B-14-Brücke. Von dieser sind heute lediglich die vier Pfeiler übrig geblieben, an denen sich ebenfalls die Geister scheiden. Kinder erfreuen sich an dem Wasserspiel, manch anderer sagt, sie seien nur als Ausdruck schwäbischer Sparsamkeit eine gelungene Maßnahme.

Stadtteil
Südheim ist einer von sieben Stadtteilen des Stadtbezirks Stuttgart-Süd. Der Südheimer Platz entstand mit der Arbeitersiedlung Südheim (1901-1903) nördlich des Alten Schützenhauses, beide erbaut von dem Architekten Karl Hengerer. Siedlung und Schützenhaus, in dem sich inzwischen die Buddha Lounge befindet, stehen heute unter Denkmalschutz.

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