Serie „365 Tage ohne Alkohol“ Ich hab’ doch kein Problem! Oder?
Ein Feierabendbier zum Runterkommen ist weit verbreitet. Aber wo beginnt ein Alkoholproblem? Unsere Autorin hat in Stuttgarter Beratungsstellen nachgefragt.
Ein Feierabendbier zum Runterkommen ist weit verbreitet. Aber wo beginnt ein Alkoholproblem? Unsere Autorin hat in Stuttgarter Beratungsstellen nachgefragt.
Als ich vor knapp einem Jahr mit diesem Selbstversuch begonnen habe, war ich überzeugt davon, dass ich das nur aus Neugier mache. Ob ich ein Alkoholproblem haben oder irgendwann entwickeln könnte, war eine Frage, die mir überhaupt nicht in den Sinn gekommen wäre.
Alkoholkranke, das sind Leute, die ihr Leben nicht im Griff haben, keinen Job und womöglich nicht mal eine Wohnung haben – dachte ich. Falsch gedacht: Laut dem Alkoholatlas Deutschland von 2017 ist riskanter Alkoholkonsum in höheren Einkommensklassen und unter gut gebildeten Menschen weiter verbreitet als unter Menschen mit niedrigerem Sozialstatus.
Ein weiterer Fehlschluss meinerseits war, dass ich ein Alkoholproblem bei mir ausschloss, da ich nicht mehr oder öfter trank als die Menschen in meinem Umfeld. Hält man sich vor Augen, dass in Deutschland 2020 pro Kopf laut Berechnungen des ifo-Instituts knapp 95 Liter Bier, fast 21 Liter Wein, gut drei Liter Schaumwein und immerhin noch fünf Liter Spirituosen getrunken wurden, merkt man allerdings: Dass mein damaliger Konsum als „normal“ betrachtet wird, heißt überhaupt nicht, dass er unbedenklich ist, beziehungsweise war.
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Die Unterscheidung zwischen normalem und bedenklichem Konsum scheint Sabine Pohlner, Fachdienstleiterin bei der Suchtberatung der Caritas Stuttgart, ohnehin nicht für besonders zielführend zu halten. „Bei uns ist Alkoholkonsum fast immer normal“, schreibt sie mir. „Zum Teil ist sogar Rauschtrinken normal (siehe Frühlingsfest, Junggesell:innenabschiede), oder dass Eltern trotz Jugendschutzgesetz erlauben, bei Familienfesten Alkohol zu trinken.“
„Normal“ ist also nicht unbedingt die richtige Kategorie, um zu beurteilen, wie risikoreich der eigene Alkoholkonsum ist. Der letzte Beweis für mich, dass ich nie ein Problem hatte, war für mich, dass es mir unerwartet leicht fiel, mit dem Trinken aufzuhören. Entzugserscheinungen hatte ich schon gar nicht. Offensichtlich war ich also nie körperlich abhängig von Alkohol gewesen.
Was ich nicht wusste: Es gibt noch eine zweite Art von Abhängigkeit, die psychische. Man kann also auch abhängig sein – oder zumindest Risikotrinker:in –, wenn man nicht körperlich auf den Alkohol angewiesen ist.
Meine Recherchen zeigten mir, dass mich weit verbreitete Annahmen davon abhielten, mir überhaupt die Frage zu stellen, ob ich vielleicht ein Problem habe. Erst, als ich diese Frage zum Thema der aktuellen Folge auserkoren und begonnen hatte, dazu zu recherchieren, ahnte ich: Ganz so harmlos war mein Konsum früher vielleicht doch nicht gewesen.
Aufschluss gaben einige Online-Selbsttests, bei denen man zum Beispiel angeben muss, wie oft und wie viel man üblicherweise trinkt und wie gut man die Menge kontrollieren kann. Ich habe die Fragen gemäß meines Konsums vor dem Selbstversuch beantwortet und festgestellt: Risikoarm war ich definitiv nicht unterwegs.
Carmen Lauble vom Blaukreuz-Zentrum Stuttgart sieht solche Selbsttests allerdings kritisch. Wenn sie nicht gerade von Forschungseinrichtungen oder Kliniken angeboten würden, könnten sie höchstens als Anhaltspunkt dienen. „Ausschlaggebend ist außerdem immer: Wie ehrlich beantworte ich denn die Fragen des Tests?“
Wenn man sich selbst in die Tasche lügt, um sich mit dem Testergebnis ein gutes Gewissen fürs Weitertrinken zu verschaffen, ist natürlich auch der wissenschaftlichste Test nicht aussagekräftig. Lauble sagt aber auch: „Die meisten Menschen, die eine Sucht haben, wissen ohnehin davon.“ Wenn man sich die Frage danach stelle, sei man in der Regel schon an der Grenze – oder darüber hinaus.
Aber wo liegt diese Grenze? Die Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen (DHS) hat dazu Konsumklassen definiert: Bis 24 Gramm Reinalkohol am Tag bei Männern und 12 Gramm bei Frauen gilt der Konsum als risikoarm – nicht nur in Bezug auf Abhängigkeit, sondern allgemein auf die gesundheitlichen Folgen des Alkohols. 12 Gramm Reinalkohol entsprechen in etwa einem Achtele Wein oder 0,3 Litern Bier.
Grundsätzlich empfiehlt die DHS zwei alkoholfreie Tage die Woche. Alles über fünf Achtele Wein in der Woche hinaus gilt für Frauen bereits als riskanter Konsum. Gefährlich wird es für Männer ab 60 Gramm Reinalkohol am Tag, bei Frauen ab 40 Gramm. Der Hochkonsum beginnt dann bei 120 beziehungsweise 80 Gramm am Tag.
Ich hätte mir angesichts dieser Zahlen früher gedacht: Das passt überhaupt nicht zu meinem Konsum, ich trinke ja gar nicht täglich. Aber wenn, dann bei Partys viel mehr als nur ein Glas. Wie verorte ich mich also in diesen Konsumklassen?
Carmen Lauble empfiehlt dafür, die Werte pro Woche umzurechnen. Auch wenn Rauschtrinken immer schädlicher ist, als wenn man dieselbe Menge auf mehrere Tage verteilt trinkt.
Man stellt dann schnell fest, dass wahrscheinlich ziemlich viele Menschen im eigenen Umfeld einen mindestens riskanten Alkoholkonsum an den Tag legen. Lauble erzählt: „Als eine Freundin von mir von diesen Zahlen gehört hat, hat sie bestürzt gesagt: Das könne ich so nicht in unserer Kirchengemeinde erzählen – dann hätten dort ja alle eine Suchterkrankung.“
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Wahrscheinlich sei es tatsächlich so, dass die meisten sich im Graubereich befänden, meint Lauble. Dieser sei in Deutschland, ihrer Einschätzung nach, sehr hoch. Bei der Frage nach einer Abhängigkeit komme es aber nicht nur auf die konsumierte Menge an: „Auch wenn eine Person jeden Abend maßvoll trinkt, aber nicht darauf verzichten kann, ist das für mich süchtiges Verhalten.“
Für Stefan Ulrich vom Beratungs- und Behandlungszentrum für Suchterkrankungen der Eva Stuttgart ist das zentrale Kriterium einer Abhängigkeit: „der Verlust der Kontrollfähigkeit über Beginn, Ende und Dauer des Konsums. Unabhängig davon, ob mir das nur manchmal oder immer passiert, wenn ich Alkohol trinke.“
Maurice Cabanis, der Ärztliche Leiter der Klinik für Suchtmedizin und Abhängiges Verhalten am Klinikum Stuttgart, stellt ein anderes Kriterium in den Vordergrund: „Abhängigkeit wird vor allem durch ein starkes und zumeist nicht kontrollierbares Verlangen nach einer Substanz oder einem bestimmten Verhalten charakterisiert.“
Für Carmen Lauble vom Blaukreuz-Zentrum ist zentral, „ob die Person das Suchtmittel einsetzt, um mit negativen Emotionen oder psychischen Konflikten umzugehen – und ob es das einzige Mittel ist, das ihr dafür geeignet scheint“.
Sabine Pohlner von der Caritas verweist hauptsächlich auf die negativen Auswirkungen des Konsums: psychische und physische Beeinträchtigungen, gesellschaftliche Konsequenzen wie Alkohol im Straßenverkehr oder Gewalt, berufliche Folgen, etwa der Verlust des Arbeitsplatzes oder private und soziale Auswirkungen wie eine Trennung. All das könnte auf eine Abhängigkeit hinweisen.
Die Expert:innen sind sich alle einig, dass die genannten Symptome, Verhaltensweisen und Konsequenzen Kriterien einer Sucht sind – sie legen nur unterschiedliche Schwerpunkte.
Lesen Sie hier die komplette Serie „365 Tage ohne Alkohol“
Ein weiterer Indikator ist die Vernachlässigung von Interessen oder Verpflichtungen zugunsten des Beschaffens und Konsumierens von Alkohols. Bei einer körperlichen Abhängigkeit kommen Entzugssymptome dazu, wenn kein Alkohol konsumiert wird: Zittern, Schwitzen, Unruhe, Blutdruck- und Pulsanstieg zum Beispiel.
Tatsächlich kann auch eine „Toleranz“ schon für eine Abhängigkeit sprechen – wenn man also mit der Zeit mehr Alkohol braucht, um dieselbe Wirkung zu erzielen. „Wenn ich viel Alkohol vertrage oder mir größere Trinkmengen antrainiert habe, bin ich deutlich gefährdeter, Folgeschäden durch Alkohol zu erleiden oder auch eine Abhängigkeit zu entwickeln“, sagt Stefan Ulrich.
Puh, eine Suchterkrankung ist also deutlich vielschichtiger und vermutlich viel weiter verbreitet, als ich früher gedacht hatte. Auch mich hätte sie irgendwann treffen können. Für mich ist das auf jeden Fall ein weiterer Grund, den Alkohol wegzulassen.
Beratung
Wer den Verdacht hat, alkoholabhängig zu sein, findet zum Beispiel Hilfe bei den im Text genannten Stellen: Caritas, Eva, Blaues Kreuz und Klinikum Stuttgart.
Anonym
Oft kann man sich zunächst einmal anonym beraten lassen und es gibt auch digitale Angebote – zum Beispiel beim Projekt Assist oder der Blaukreuz-App bluprevent.