Serie Dante lesen (11) Fleisch und Gemüse

Kentauren wachen darüber, dass niemand die Blutsuppe vorzeitig verlässt.  Illustration zum 12. Gesang des Inferno von Gustave Doré. Foto: imago/Leemage/imago stock&people
Kentauren wachen darüber, dass niemand die Blutsuppe vorzeitig verlässt. Illustration zum 12. Gesang des Inferno von Gustave Doré. Foto: imago/Leemage/imago stock&people

In diesem Jahr wird der 700. Todestag des italienischen Dichters Dante Alighieri begangen. Seine „Göttliche Komödie“ ist eines der großartigsten Werke der europäischen Literatur. Es handelt von einer Reise ins Jenseits. In unserer Serie „Dante lesen“ reisen wir mit.

Kultur: Stefan Kister (kir)
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Stuttgart - Kaum ein Buch hat durch die Jahrhunderte so eine Karriere gemacht, wie die „Göttliche Komödie“, kaum eines wird so wenig gelesen. Doch wir wollen die drastischen Jenseits-Abenteuer des vor 700 Jahren gestorbenen Dichters Dante Alighieri nicht den Experten überlassen. In jeder Woche arbeiten wir uns weiter in die Unter- und Überwelt dieser vielleicht ersten Roadnovel der Geschichte vor – hier unser Bericht, Folge 11:

Man könnte das, was da auf den vielfältigen Feuerstellen der Hölle gart, unter dem Gesichtspunkt einer Kulinarik des Schreckens betrachten. Welches Rezept empfiehlt der Küchenchef der Trattoria Inferno zum Beispiel für die Gewalttäter? Am besten eine Blutsuppe. In einem Kessel schwimmen die Tyrannen und Schlächter dieser Welt im siedenden Blut ihrer Opfer. Mit Pfeil und Bogen bewehrte Küchen-Kentauren achten darauf, dass niemand der fachgerechten Zubereitung entgeht. Wer sein Haupt aus dem Sud erheben will, bekommt eins übergebraten.

Kleinkriminelle und Dinkelseelen

Angesichts der modernen Diktatorenriege muten die von Dante im Blutbad Versammelten allerdings wie harmlose Kleinkriminelle an: Guido de Montfort, der den Neffen Heinrichs III. während der Messe erstach, zwei Rainer aus Corneto und Pazzi, Straßenräuber der eine, Raubritter der andere. Wohl fallen auch die Namen einiger Kapazitäten des Altertums: Alexander, Sextus, Pyrrhus. Trotzdem dürfte der Blutzoll neuzeitlicher Gewaltherrschaften die mittelalterlichen Rezepturen ziemlich durch­einanderbringen.

Dazu gibt es Gemüse. Jene, die die Gewalt gegen sich selbst gerichtet haben, die Selbstmörder, werden in Grünzeug verwandelt. Ihre Seelen „keimen auf wie Dinkel“ - Dinkelseelen, die Lieblingsspeise gieriger Harpyen. Auch so ein höllisches Geflügel.

Dante: Commedia. Inferno, Canti 12 und 13. Alle bisherigen Folgen finden Sie hier.




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