Serie: Eisenbahngeschichte(n) im Landkreis Göppingen (Teil 6) In der Tälesbahn hat man auch mal Karten gespielt

Von Lena Hummel 

Die Bahn und das Filstal: Wir blicken zurück, wie das neue Buch „Von Zeiten und Zügen“ – sowie ins Hier und Jetzt. Im sechsten Teil geht es um die Nebenstrecke Wiesensteig-Geislingen.

Der Wiesensteiger Bahnhof war die Endstation der Tälesbahn. Foto: Kreisarchiv 3 Bilder
Der Wiesensteiger Bahnhof war die Endstation der Tälesbahn. Foto: Kreisarchiv

Kreis Göppingen - Gertrud und Rudolf Kaiser aus Wiesensteig können sich noch gut an die Tälesbahn erinnern. Jahre lang ist das Ehepaar mit der Nebenbahn zur Arbeit nach Geislingen gefahren. „Ich habe mich schnell an den Zug gewöhnt“, sagt der 82-jährige Rudolf Kaiser, der 1961 ins Elternhaus seiner Frau gezogen war und von da an die Bahn nach Geislingen nutzte. „Es war schön warm, man traf die gleichen Leute, wir haben Karten gespielt und ich hatte immer einen Sitzplatz, weil ich an der ersten Station eingestiegen bin.“ Fahrgäste die später zugestiegen seien, hätten oft stehen müssen, so voll sei die Bahn gewesen.

Die Tälesbahn, die 1903 ihren Betrieb aufnahm, verkehrte zwischen Wiesensteig und Geislingen und machte in den Ortschaften Mühlhausen, Gosbach, Bad Ditzenbach, Deggingen, Reichenbach, Hausen und Bad Überkingen Halt. „45 Minuten hat die Fahrt nach Geislingen gedauert“, schätzt der Rentner, der jeden Morgen um halb sechs zur Arbeit fuhr. Er selbst sei immer einer der Letzten am Bahnhof gewesen. Einmal sei der Zug schon angefahren, woraufhin Kaiser losgerannt und auf die fahrende Bahn aufgesprungen sei. Denn eins war sicher: „Hätte ich die spätere Bahn nehmen müssen, dann wäre das Vesper auf jeden Fall vorbei gewesen.“

Im Zug war es gemütlich

1971 kaufte sich das Ehepaar schließlich ein Auto. Schon zwei Jahre vorher war der Personenverkehr zwischen Wiesensteig und Deggingen eingestellt worden. Zwischen Deggingen und Geislingen fuhren Personenzüge noch bis 1980, ehe der Betrieb auch im unteren Teil der Strecke eingestellt wurde. Die Deutsche Bahn half mit Omnibussen aus. „Uns hat der Bus aber nicht gepasst“, sagt Rudolf Kaiser. „Wir haben dem Zug schon nachgeheult, da ist es einfach gemütlicher gewesen.“ 1970 wurde auch der Güterverkehr zwischen Wiesensteig und Deggingen eingestellt, 1981 rollte zwischen Deggingen und Geislingen der letzte Güterzug.

Direkt im Anschluss an die Stilllegung der jeweiligen Streckenabschnitte wurden die Gleise abgebaut. Im Stadtgebiet von Geislingen konnte sich die Tälesbahn zwar länger halten, im Jahr 2000 war allerdings auch dort Schluss.

Der Spielplatz trägt den Namen „Bahnhöfle“

Heute wird die Trasse größtenteils als Radweg genutzt. Das alte Bahnhofsgebäude in Wiesensteig existiert nicht mehr. „Nur der alte Kiosk steht noch“, sagt die 77-jährige Gertrud Kaiser. Das kleine blaue Gebäude wird heute vom Verein Quo Vadis genutzt, der Musik-Veranstaltungen in und um Wiesensteig organisiert. Ansonsten erinnert in der Sommerbergstraße nur noch ein Schild mit der Aufschrift „Bahnhöfle“ über dem Eingang des dortigen Spielplatzes daran, dass Wiesensteig vor langer Zeit an ein Schienennetz angebunden war.