Nach dem ersten Spiel gegeneinander: Jessica und Jennifer Weil. Foto: Iris Drobny
Der Zuffenhausener Markus Weil kam durch Zufall zum Baseball und spielte lange bei den Stuttgart Reds. Später trainierte er alle seine Kinder am Schnarrenberg und feierte mit ihnen große Erfolge. Aus unserer Lokalsport-Serie „Familiensache“
Seit wenigen Monaten ist klar, dass Baseball und Softball bei den Olympischen Sommerspielen 2028 in Los Angeles wieder im Programm dabei sind. Dann auch mit den Schwestern Jennifer und Jessica Weil aus Zuffenhausen? „Wenn wir beide Teil davon sein könnten, wäre das großartig“, sagt Jennifer, die Ältere. Die 22-Jährige spielt schon seit Längerem für die deutsche Nationalmannschaft, ihre fünf Jahre jüngere Schwester darf in diesem Monat erstmals zu einem Lehrgang der nationalen Elite mitreisen – und zwar nach Madrid. Das wird nicht das erste Mal sein, dass die beiden Weils gemeinsam auf dem Feld stehen. Einst agierten sie für die Stuttgart Reds in Bad Cannstatt in der Bundesliga.
Auch in ihrer Jugend kam das Zusammenspiel häufiger vor, seit der abgelaufenen Saison allerdings nicht mehr. Jennifer wechselte zu den Wesseling Vermins. Im nahe gelegenen Köln studiert die Pitcherin mittlerweile Sport und Gesundheit. In ihrer Debütrunde wurde sie mit dem neuen Team auf Anhieb deutscher Meister und Pokalsieger – für sie etwas ganz Besonderes, für manche ihrer Kolleginnen beim Seriensieger weniger. Wie es das Schicksal wollte, kam es auf dem Weg dorthin zu einem brisanten Aufeinandertreffen. Im Halbfinale reisten die Vermins nach Stuttgart, um sich mit den Reds zu duellieren. Die Weil-Schwestern spielten also erstmals gegeneinander – mit dem besseren Ende für Jennifer und die Wesselinger. „Das war sehr emotional“, sagt sie. Jessica ergänzt: „Es war schön, wieder gemeinsam auf dem Feld zu stehen – wenn auch in gegnerischen Teams.“ Nach dem Spielende lagen sie sich in den Armen.
Auch am Strand in Frankreich ist der Fanghandschuh dabei
Ein Bild, das den Vater Markus Weil nach wie vor ins Schwärmen bringt. Über den Sport ist die Familie immer wieder verbunden – mittlerweile örtlich, ursprünglich aber auch in allen weiteren Belangen. „Im Urlaub haben wir eigentlich immer einen Fanghandschuh dabei und spielen am Strand, beispielsweise beim Campen in Frankreich“, erzählt Jessica Weil, die in diesem Jahr ihr Abitur am Eschbach-Gymnasium in Freiberg ablegen möchte. Vater Markus ergänzt: „Dieser Sport ist der größte Teil unseres Familienlebens. Als die Kinder noch kleiner waren, sind wir immer am Platz gewesen, da gab es nichts anderes.“ Der 55-Jährige fing selbst mit 20 Jahren mit dem Baseballspielen an. Ein Bekannter nahm ihn mit, und er verliebte sich in den US-Sport. Als Aktiver lief er immer für die Stuttgart Reds auf, zeitweise in der zweiten Liga, und war viele Jahre lang Vorstand der Abteilung des TV Cannstatt. „Ich habe im Trainersein seit 2005 meine Bestimmung gefunden“, sagt Markus Weil.
Foto: Iris Drobny
So trainierte er alle seine Kinder in der Jugend am Schnarrenberg, sah ihnen dabei zu, wie sie es bis in Baden-Württemberg-Auswahlen und die U-Nationalmannschaften schafften. Neben Jennifer und Jessica wurde auch ihr älterer Bruder Fabian mit dem Base-Fieber infiziert. Mit ihm spielte Markus teilweise sogar bei den Reds-Herren zusammen. „Gedrängt wurden wir nie, aber die Verbundenheit zum Sport wurde uns schon in die Wiege gelegt. Als Kleiner habe ich ja auch viel zugeschaut bei meinem Vater“, sagt der heute 24-Jährige, der 2017 beim Skifahren sein Schlüsselbein brach und später seine Laufbahn beendete. „Ich habe es immer mehr als Hobby betrieben und irgendwann dann zu viel Druck in der Bundesliga-Mannschaft verspürt.“ Mittlerweile studiert Fabian in Konstanz Englisch und Sport auf Lehramt.
„Meine Kinder mussten vielleicht mehr aushalten und wurden mehr getriezt. Ich wollte, dass sie richtig gut werden, habe sie aber nie bevorzugt“, sagt Markus, der als verbeamteter Softwareentwickler beim Land arbeitet. Die Krux an der Sache: Die Sprösslinge konnten sich nie beim Coach krank melden. „Wir hatten keine Wahl. Wenn wir gesund waren, mussten wir ins Training gehen, auch wenn wir keine Lust hatten“, sagt Jennifer Weil lachend. „Im Nachhinein bin ich unserem Vater dankbar, so lernt man Disziplin.“ In der Pubertät setzte dann zunehmend Rebellion ein, sodass die Kinder schon einmal mit den Augen rollten, als sie – wie alle anderen auch – die Bälle aufsammeln sollten. „Ich habe dann angesprochen, dass wir im Training und nicht zuhause sind“, sagt Markus. „Sie zum Spülmaschine ausräumen zu bringen, war schwieriger.“
Der Stolz der Eltern – Mutter Andrea unterstützt in der Trainingsplanung und dem Catering sowie der Essensausgabe – ist trotz solcher Unannehmlichkeiten groß. „In unseren Regalen horten wir all die Pokale“, sagt Markus und fügt scherzhaft hinzu: „Es war wohl gut, dass ich sie gezwungen habe.“
Serie „Familiensache“
Worum geht es? Das wohl berühmteste Beispiel auf der großen Bühne des Sports sind die Neureuthers: Vater Christian, die inzwischen verstorbene Mutter Rosi Mittermaier und Sohn Felix – zwei Generationen, alle in derselben Sportart top, in diesem Fall auf Skiern. Oder die Ingebrigtsens – drei Brüder, dreimal läuferische Weltspitze. Es liegt also was in der Familie. Und darum geht es nun auch in unserer neuen Serie „Familiensache“. Wir haben uns nach Vergleichbarem auf lokaler Ebene umgeschaut. Beginnend mit dieser Ausgabe stellen wir in neun Teilen Familien aus Stuttgart und von den Fildern vor, in denen sich ein Großteil einer gemeinsamen sportlichen Leidenschaft verschrieben hat. Der fünfte Teil der Serie führt zum Schnarrenberg in Cannstatt, wo Markus Weil und seine Kinder große Erfolge mit den Stuttgart Reds feierten.