Serie „Gebrüder Grimm“ Wo das Wünschen geholfen hat

Ein Zauberkästlein weist den Weg durch den Großstadtdschungel. Foto: laif
Ein Zauberkästlein weist den Weg durch den Großstadtdschungel. Foto: laif

Viele mögen die Geschichten der Brüder Grimm für rückschrittlich halten. Manche ihrer Erfindungen haben sich allerdings als geradezu visionär erwiesen. Oder ist das Auto etwa nicht die moderne Form der Siebenmeilenstiefel?

Kultur: Stefan Kister (kir)
WhatsApp E-Mail LinkedIn Flipboard Pocket Drucken

Stuttgart - Bequemer geht es wirklich nicht: man ruft seinem Topf etwas zu, und schon blubbert darin das leckerste Essen. Geräte mit Spracherkennung sind keineswegs die Speerspitze des Fortschritts in der Küche, sondern vergleichsweise ein alter Hut. Das „Töpfchen koche!“ ist ein Prototyp aus dem Hause Grimm. Und auch wenn das Produkt nur für ein Gericht ausgelegt ist, nämlich süßen Haferbrei, erweist es sich als erstaunlich lei­stungsstark: Ganze Straßenzüge werden von ihm eingekocht, ja um ein Haar hätte es die halbe Stadt unter einem schmackhaften Tsunami begraben.

Denn manchmal kommt es vor, dass die Dinge einen missverstehen. Was die Märchenbrüder unter dem Titel „Der süße Brei“ dokumentieren, die Geschichte eines Töpfchens, das überläuft, weil eine hungrige Frau das Passwort vergessen hat, würde man heute als klaren Anwenderfehler verbuchen, an dem jeder Garantieanspruch erlischt. Eingewoben aber liegt darin die leise Mahnung, wie leicht sich noch so nützliche Errungenschaften in ihr Gegenteil verkehren können.

Während Anfang des 19. Jahrhunderts die Brüder Grimm durchs Land ziehen, um von strickenden alten Frauen Informationen über Siebenmeilenstiefel, Wunder­salben oder blaue Lichter einzuholen, werkeln Wissenschaftler und Naturforscher in ihren Hexenküchen vor sich hin, um in den darauffolgenden Jahrzehnten eine Reihe von spektakulären Erfindungen zu präsentieren, mit denen man beispielsweise sehr schnell vom Fleck kommt, Krankheiten besiegen und die dunkelsten, geheimnisvoll­sten, entlegensten Winkel der Erde taghell ausleuchten kann.

Wenn man richtig ausstaffiert ist, kann man es weit bringen

Die Verheißungen des Fortschritts stehen in einem eigenartigen Verhältnis zu den rückwärtsgewandten Phantasmen des Märchens: Beide träumen, wenn auch auf unterschiedliche Weise, von einer Welt, die auf die Bedürfnisse ihrer Bewohner abgestimmt ist, in der es jeder, gerade auch der Benachteiligte, weit bringen kann, so er nur richtig ausstaffiert ist. Der Glaube, dass man mittels wunderbarer Gerätschaften sein Glück machen kann, beflügelt nicht nur die Hersteller immer raf­finierterer Smartphones, sondern auch die Akteure des Märchens. Und was die Geschichte des Fortschritts dank der Leistungen erfindungs- reicher Ingenieure später erst eingelöst hat – in den Geschichten volkstümlicher Fabulierkunst ist es schon längst Realität.

Wo einst – nicht bei den Grimms, sondern deren orientalischem Pendant – den Geschichten aus Tausendundeiner Nacht, das Reiben einer Wunderlampe genügte, um sich wunderbarer Dienstleister zu versichern, tapsen heute die Finger über das Display funzelnden Geräts, um die virtuellen Kräfte eines weltweiten Verknüpfungszaubers zu entbinden. Wer während einer Zugfahrt oder in der Straßenbahn den Blick schweifen lässt, kann freilich leicht den Eindruck gewinnen, seine Mitmenschen stünden vor allem unter dem Bann unheimlicher Gleichschaltungskräfte, die von den magischen Tafeln in ihren Händen ausgehen.

Das Wunderding ist der volkstümliche Urzustand des technologischen Gegenstands. Märchenwelten sind daher immer auch eine Leistungsschau der instrumentellen Einbildungskraft. Und was bitte ist eine Mikrowelle schon gegen ein Tischleindeckdich? Was ein schnöder Geldautomat im Vergleich zu einem Goldesel oder einer goldenen Gans?




Unsere Empfehlung für Sie