Serie: Leben in Europa Konstantin Sibold, DJ

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Konstantin Sibold, Discjockey

In diesem Jahr habe ich bisher rund 60mal innerhalb von Europa aufgelegt. Am meisten los war Anfang August, da habe ich innerhalb von 24 Stunden vier Ländergrenzen überquert. Elektronische Musik ist meistens instrumental, die Sprache grenzt also niemanden aus. Die Szene ist klein, aber sehr aktiv und das in wirklich fast allen Ländern.

Übrigens haben die Länder Europas unterschiedliche Sounds. In Stuttgart funktioniert zum Beispiel der harte, industrielle Sound am besten, vielleicht weil die Stadt industriell geprägt wurde? In Ländern, in denen die Sonne häufiger scheint, feiern die Menschen dagegen lieber zu warmen und weichen Klängen. Die Engländer mögen Percussions, die Italiener lieben es, wenn sich ein Song dramatisch aufbaut. Allzu sehr verallgemeinern darf man aber natürlich auch nicht.

Das Schönste an Europa ist für mich die Tatsache, dass es fast keine Reisebeschränkungen gibt. Kürzlich habe ich auf einem Festival in Polen gespielt. Ich bin nach Berlin geflogen und wurde von dort mit einem Shuttle nach Polen gefahren. Dass wir irgendwann die Grenze überquert haben, haben wir gar nicht bemerkt. Manchmal vergesse ich ohnehin, dass ich in einem anderen Land bin, weil sich das Publikum in der Elektronik-Szene ähnlich kleidet, verhält und ähnliche Musik hört.

Als DJ bin ich bisher in allen europäischen Ländern mit offenen Armen empfangen worden. Wenn die Menschen hören, dass ich Deutscher bin, steige ich noch weiter in der Gunst. Oft höre ich Sätze wie „oh, toll, bei euch läuft es, Merkel macht einen tollen Job“. Deutschland wird in der elektronischen Musik-Szene oft mit Berlin gleichgesetzt, wahrscheinlich weil die Szene dort so groß und die Stadt dank offener Grenzen und günstiger Flüge so leicht zu erreichen ist.

Der Brexit hat mich und meine DJ-Kollegen übrigens besonders hart getroffen. Am Tag der Entscheidung habe ich auf einem Festival aufgelegt. Als der Austritt bekannt wurde, konnten wir es alle nicht glauben. Bisher waren die Einreise nach England und die Abrechnungen dort unkompliziert. Das kann künftig nur schlechter werden und das nur, weil alte unzufriedene Menschen über unsere Zukunft abgestimmt haben.“