Serie: Mein Corona-Jahr (4) Für manche der erste und zugleich letzte Auftritt

Max Matheis kennen viele noch als Zauberer Doctor Marrax. Foto: Tom Bloch
Max Matheis kennen viele noch als Zauberer Doctor Marrax. Foto: Tom Bloch

Stuttgarter blicken zurück auf ihr persönliches Erleben des Corona-Jahres. Heute: Max Matheis aus Feuerbach.

Nordrundschau: Tom Bloch (tob)

Feuerbach - Kein Wunder, dass niemand das Virus in den Griff bekommt. Keiner hat bei Doctor Marrax nachgefragt. Der einst global tätige Quacksalber und Scharlatan hätte mit seinem Wundermittelchen „Marrax-o-fax“ sicherlich eine passende Antwort gefunden, schließlich hat er mit einer Prise Marrax-o-fax („Das rrrrreicht!“) regelmäßig verlorene Augäpfel wieder an ihre ursprüngliche Position gesetzt, Messerverletzungen im Arm blitzgeheilt oder des Doctors Schädeldecke verwachsen lassen, nachdem dort rein versehentlich ein dicker Zimmermannsnagel eingeschlagen worden war.

Aber den Doctor Marrax gibt es ja gar nicht mehr. Als sein Schöpfer Gerhard Matheis Anfang 2019 in den Ruhestand ging, hat er auch die ganzen Bühnen- und Straßenkunst-Utensilien, die zur Figur Doctor Marrax gehörten, unter Freunden und Kollegen verteilt. Ausgewählte Markenzeichen wie seinen Zaubermantel, seinen Medicinal-Karren und auch seinen abgewetzten schwarzen Zylinder hat Matheis der Stiftung Zauberkunst in Nottuln-Appelhülsen (bei Münster/Westfalen) übergeben.

Zauberkunst-Blut pulsiert in den Adern

Der Feuerbacher ist seitdem Privatier und hat seinen Hauptwohnsitz nach Mecklenburg-Vorpommern kurz vor die polnische Grenze verlegt, in ein Kunst- und Kulturzentrum, welches sich auf Schloss Bröllin bei Fahrenwalde entwickelt hat. Doch nach wie vor pulsiert dem Magier im Ruhestand das Zauberkunst-Blut durch die Adern, er bleibt weiterhin in der Szene gut vernetzt und betätigt sich nun als Veranstalter, rein ehrenamtlich.

Und in dieser Funktion kämpfte er sich genauso erst durch die allgemeine Lähmung durch die Corona-Pandemie und später durch den Verordnungsparagrafen-Dschungel, wie viele andere Künstler und Veranstalter auch. Allerdings zumindest mit Teilerfolgen.

Nach langem Hin und zeitraubendem Her hatte es Matheis geschafft, im Oktober in Bietigheim und in Schorndorf jeweils eine Zauber-Gala zu veranstalten, die beide auch tatsächlich unter einem entsprechenden Hygiene-Konzept stattgefunden haben. „Für einige Künstler war am Freitag in Bietigheim der erste Auftritt auf großer Bühne im Jahr 2020, und am Samstag in Schorndorf der letzte Auftritt auf großer Bühne im Jahr 2020“, blickt Matheis zurück.

Während das Bietigheimer Kronenzentrum mit 150 Zuschauern ausverkauft war, gab es einen Tag später in der Schorndorfer Barbara-Künkelin-Halle einen kleinen Einbruch in der sowieso schon durch die Abstandsregelung schnell ausverkauften Spielstätte, obwohl es die überhaupt letzte geplante Veranstaltung in dieser Halle für dieses Jahr war. Denn am selben Tag verkündeten Baden-Württembergs Ministerpräsident Winfried Kretschmann und auch Bundeskanzlerin Angela Merkel in Ansprachen die Forderungen nach weiteren Einschränkungen, um das Virus-Geschehen besser in den Griff zu bekommen.

„The show must go on“

„Da kam der Schorndorfer Hallenchef zu uns und meinte, aufgrund dieser Brandreden hätten mindestens 50 Zuschauer abgesagt“, erinnert sich Gerhard Matheis. Doch die Gala wurde natürlich gespielt – „the show must go on“. Und wieder ließ er sich nicht unterkriegen.

Neben einem von ihm geförderten und produzierten Filmprojekt über den schillernden belgischen Straßen-Zauberkünstler Gilbert Jakubczyk, an dem er seit einiger Zeit immer wieder arbeitet, hatte sich der einstige Quacksalber zudem einem Weihnachtskulturmarkt auf Schloss Bröllin verschrieben, den er am dritten Adventswochenende stattfinden lassen wollte. In Personalunion als ehrenamtlicher Veranstalter, Künstlerischer Leiter und Sponsor hat er das Ensemble zusammengestellt – ein Stelldichein von bekannten internationalen Straßenkünstlern. Es wurden Plakate und Flyer entworfen und produziert und Anzeigen in Lokalzeitungen geschaltet. „Dann kam der zweite Lockdown, der ,Lockdown light‘ im November. Das war hart. Ich habe die getakteten Anzeigen sofort gestoppt, aber jetzt habe ich noch kartonweise Plakate und Flyer im Keller“, sagt Matheis.

Er wartete die neuen Verordnungen ab, stellte das Konzept um, verringerte den Umfang und war dabei im engen Kontakt mit den Behörden und der zuständigen Pasewalker Bürgermeisterin. Der Funken Hoffnung glimmte. „Wir haben das Ganze dann in eine Kulturveranstaltung geändert, weil ja Weihnachtsmärkte verboten wurden.“ Doch eine Woche vor der Veranstaltung kam das offizielle und endgültige Aus.

Ein großes Herz für die Kollegen

Matheis sah es trotzdem relativ locker. Er selbst weiß sich gut versorgt, hat er doch den Schritt in den Ruhestand rechtzeitig vor der Krise unternommen. „Ich lebe nun von meiner Rente und bin nicht mehr auf Gage angewiesen. Aber im Umfeld sehe ich, wie viele Künstler darben müssen.“

Und so bewies er als Veranstalter und Sponsor ein großes Herz. Gerhard Matheis zahlte den engagierten Künstlern für den ausgefallenen Weihnachtskulturmarkt vom Schloss Bröllin trotzdem die Hälfte der vereinbarten Gage.

Das hätte ganz gewiss auch den Doctor Marrax erfreut.




Unsere Empfehlung für Sie