Serie über Fellbachs Sportler(innen) Ein Überraschungscoup ebnet den Weg

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Großartige Erfolge, Großartige Momente: Fellbachs Sportler(innen) haben in den vergangenen Jahrzehnten viel erlebt. Wir wollen ihre Geschichte und ihre Geschichten wieder aufleben lassen. Heute: Peter Aldag, Olympia-Segler aus Schmiden.

Das Fotografieren war außer dem Segeln schon immer die große Leidenschaft des Olympioniken Peter Aldag. Daran hat sich bis heute nichts geändert. Foto: Privat
Das Fotografieren war außer dem Segeln schon immer die große Leidenschaft des Olympioniken Peter Aldag. Daran hat sich bis heute nichts geändert. Foto: Privat

Fellbach - Das weiße Stück Papier ist nicht groß. Nur sieben auf fünfzehn Zentimeter misst es. Darauf zu sehen ist die Unterschrift von Peter Aldag. Nicht mehr. Irgendwann einmal hat der Schmidener und zweifache Olympiateilnehmer im Segeln einem Fan dieses Autogramm gegeben. Jetzt verkauft der die Signatur auf Ebay. Kostenpunkt für den Sofortkauf: 2,49 Euro, Versand inklusive.

Das weit verbreitete Bild vom immer braun gebrannten Segler, der wochenlang nicht zu Hause ist, ist auch ihm bekannt

Peter Aldag selbst hat die Auktion kürzlich auf der Verkaufsplattform entdeckt und gegrinst. Ja, früher, zu seinen Hochzeiten als Leistungssportler, habe es immer mal wieder Anfragen von Autogrammsammlern gegeben. Längst aber sind die Zeiten vorbei. Weil Segeln keine populäre Sportart ist, und die, die sie betreiben, noch nie wirklich zur sportlichen Prominenz gehört haben. „Viele Leute können sich gar nicht vorstellen, was wir auf dem Boot so alles machen müssen“, sagt Peter Aldag, mittlerweile 55 Jahre alt und als Geschäftsführer einer Agentur für Corporate Design in München lebend.

Das weit verbreitete Bild vom immer braun gebrannten Segler, der wochenlang nicht zu Hause ist, ist auch ihm bekannt. So ganz falsch sei das nicht, gibt er zu. Außer, dass mehr harte Arbeit hinter einem Erfolg steckt, als man ahnt. „Segeln ist knallharter Leistungssport“, sagt Peter Aldag, der zunächst bei den Spielen 1988 in Seoul als Ersatzmann für gleich vier (!) Bootsklassen dabei war. Taktisch noch zu unerfahren, hatte er bei den nationalen Ausscheidungswettkämpfen in seiner eigentlichen Bootsklasse, der Einhandklasse Finn-Dinghi, den vierten Platz belegt. Nur der Beste löste das Ticket. Weil ihn aber alle qualifizierten Athleten der anderen Bootsklassen als Ersatzmann dabei haben wollten, willigten die Funktionäre ein. Außerdem hatte der damalige Bundestrainer Lutz Patrunky große Stücke auf den Youngster gehalten und prophezeit, dass Peter Aldags Zeit bei den Olympischen Spielen in Barcelona kommen würde. Zwar sollte Lutz Patrunky recht behalten, die Nominierung des 1,92 Meter großen Schwaben bedurfte aber dennoch einer faustdicken Überraschung.

In Barcelona hat es dann nur zum 15. Platz gereicht

Denn nach der Wiedervereinigung war Peter Aldag zunächst einmal aus dem deutschen Kader geflogen. Kein Funktionär hatte seinen Namen mehr auf dem Papier stehen. Auch nicht vor den Weltmeisterschaften im Mai 1992 im spanischen Cadiz. Dort belegte der Schmidener allerdings überraschend den fünften Platz und erfüllte damit als einziger Segler die Kriterien des Deutschen Seglerverbands für eine Olympia-Nominierung. Der dritte Rang in der abschließenden sechsten Wettfahrt hatte ihn weit nach vorn gebracht. „Da war ein richtiger Sturm. Und wenn auf See Überlebensbedingungen geherrscht haben, war ich immer gut“, sagt Peter Aldag und lacht.

In Barcelona hat es dann nur zum 15. Platz gereicht. Zwei, drei Fehler – da mangelte es ihm etwas an Erfahrung – waren es zu viel. „Sonst hätte es eine Top-Ten-Platzierung werden können“, sagt er.

Sieben Jahre war Peter Aldag alt, als er beim Stuttgarter Segel-Club auf dem Max-Eyth-See das Segel-ABC in der Bootsklasse Optimist gelernt hat – wie auch sein jüngerer Bruder Wolfgang, der heute in Sachsen-Anhalt lebt und dort für die Grünen im Landtag sitzt. Der Lehrmeister der Brüder war ihr Vater: Fritz Aldag, ehemaliger Konrektor der Albert-Schweitzer-Grund- und Hauptschule. Peter Aldag hatte Talent und, was er heute als noch viel entscheidender erachtet, einen inneren Antrieb, der ihn letztlich auch zu den Olympischen Spielen brachte: „Ich fand es als Kind einfach immer toll zu gewinnen.“

Seine Karriere beendete Peter Aldag schließlich direkt nach der Regatta in Barcelona

Gelungen sei ihm das freilich nicht immer, aber der Ehrgeiz habe ihn stetig nach vorne gebracht – und früh von einer Olympia-Teilnahme träumen lassen. „Das ist das Ziel von jedem Amateursportler“, sagt er. Die olympische Idee habe ihn von jeher fasziniert. Einmal dabei zu sein, sei ein nie zu vergessendes Erlebnis. „Die olympische Familie gibt es, ich habe sie gespürt“, sagt Peter Aldag. Inzwischen beklagt er, dass die Spiele ihren ideellen Wert verloren haben, Kommerz und Medaillenspiegel viel wichtiger seien.

Seine erste internationale Regatta hat Peter Aldag übrigens als 15-Jähriger auf der französischen Insel „des Embiez“ bestritten. Dass er sie bis heute nicht vergessen hat, lag auch an den Stuttgarter Klubkollegen, die ihn mitgenommen hatten. „Sie haben mich abgesetzt, sind weiter zu ihrer Regatta gefahren und wollten mich wieder abholen“, sagt Peter Aldag, der damals das Gustav-Stresemann-Gymnasium besuchte. Doch er musste tagelang auf der Insel ausharren, ehe sie wieder aufkreuzten. Der Grund für die Verspätung: Die Vereinsgefährten wussten nicht mehr, wo sie den Teenager abgesetzt hatten.

Seine Karriere beendete Peter Aldag schließlich direkt nach der Regatta in Barcelona. Mittlerweile hatte er sein Studium der Betriebswirtschaftslehre in Mannheim abgeschlossen und stand vor dem Start ins Berufsleben. „Segeln und arbeiten lässt sich zeitlich nicht vereinbaren“, sagt er. Das hatte er auch gleich nach dem Abitur festgestellt, als er sich für eine Fotografenlehre beworben hatte. „Als ich dem Chef gesagt habe, dass ich nur im Winter da bin, weil ich im Sommer segle, habe ich die Stelle natürlich nicht bekommen“, sagt er. Mit seiner einstigen sportlichen Leidenschaft hat Peter Aldag mittlerweile abgeschlossen. Das letzte Mal sei er vor zwei Jahre auf einem Boot gewesen. „Segeln war für mich immer Hochleistungssport. Wenn ich heute mit einer Jolle auf einem See dümple, ist das einfach nur stinklangweilig.“




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