Sieben namhafte Künstler und Künstlerinnen hat Gauthier eingeladen, sich aus dem Topf der Todsünden eine herauszupicken. Und dass alle zugesagt haben, unterstreicht den Ruf, den die Theaterhaus-Kompanie inzwischen in der Tanzwelt genießt. Die choreografischen Kommentare auf Habgier, Hochmut und Co. sind unter dem Titel „Seven Sins“ der Höhepunkt im aktuellen Spielplan von Gauthier Dance.
Eric Gauthier und Aszure Barton waren gemeinsam auf der Ballettschule
Auf diese Momentaufnahme vom Probenbesuch im März wirft die Pandemie zwar leichte Schatten. Wegen zu vieler Covid-Erkrankungen im Ensemble musste Gauthier Dance die Premiere verschieben. Doch am Samstag, 7. Mai, ist es so weit, dann wird auch Aszure Bartons Todsünden-Beitrag zur Uraufführung kommen. Die kanadische Choreografin und Eric Gauthier kennen sich von der gemeinsamen Zeit an der Schule des kanadischen Nationalballetts in Toronto; Reid Anderson war damals Ballettdirektor. Während Eric Gauthier als Solist in Stuttgart Karriere machte, avancierte seine Mitschülerin zur gefragten Schrittmacherin. Auf dem nordamerikanischen Kontinent haben Kompanien von Vancouver bis Houston ihre Stücke im Repertoire. Auch die Sydney Dance Company, das Nederlands Dans Theater oder das Bayerische Staatsballett setzten schon auf ihre Kunst.
Trägheit? Wie passt das zur Bewegungslust des Tanzes?
Ganz oben auf Aszure Bartons Todsünden-Wunschliste stand die Faulheit. Die Wahl verwundert, denn zur Bewegungslust des Tanzes mag sie nicht so recht passen. Doch schnell ahnt man im Gespräch mit der Künstlerin, dass sie die Fragilität kreativer Prozesse sehr gut kennt. Was heute sprudelt, könnte morgen genauso gut versiegen. „Wann können wir unsere Energie nutzen, wann nicht? Sie kommt und geht, aber die Menschen haben Angst, darüber zu sprechen“, verweist Aszure Barton auf depressive Momente, „die jeder kennt“.
Lesen Sie aus unserem Angebot: Eric Gauthier über seine Junior-Kompanie-Pläne
„Die anderen sechs Todsünden haben eine Realität, die etwas obendrauf setzt. Die Trägheit erzählt von einer Abwesenheit. Sie ist die Außenseiterin im Todsünden-Chor“, erklärt Aszure Barton. Ihr Herren-Duo agiert mal in Zeitlupe wie Faultiere, dann poppt zwischen den Tänzern Aggressivität auf. „Ist Faulheit überhaupt eine Sünde? Oder vielleicht ein Selbstschutz?“, fragt die Choreografin und betont den Wert von Pausen, von einer gesunden Distanz zum eigenen Tun als Schutz vor Selbstzweifeln und dem Hang dazu, alles infrage zu stellen.
Die Angst, den direkten Draht zum Geist der eigenen Kreativität zu verlieren, hat Aszure Barton am Ende der Pandemie erlebt. Nachdenklich reflektiert die Choreografin in ihrem Duett mit dem Titel „Human Undoing“ die schwierige Zeit und sagt von sich, dass sie am glücklichsten beim Arbeitsprozess im Proberaum sei, die physische Präsenz von Körpern und ihre Kommunikation seien die Quelle ihrer Kreativität.
Wollen und müssen wir uns stets abrackern, um unsere Einsamkeit nicht zu spüren, eine mögliche Leere in uns zu überdecken, uns nicht unsichtbar zu fühlen? Auch diese Fragen treiben Aszure Barton um. Als Künstlerin freut sie sich, dass sie in den vergangenen eineinhalb Dekaden sehr viele Aufträge und reichlich zu tun hatte. „Es ist fantastisch, dass heute Frauen mehr Raum gegeben wird und dass sie auch vermehrt Tanzkompanien leiten“, sagt die Choreografin, die selbst das internationale Projekt Aszure Barton & Artists gegründet hat.
Viele Aufträge in den vergangenen 15 Jahren
Aszure Barton will raus aufs Land
Die 46-Jährige will sich nach dem Duett für die Gauthier-Tänzer Andrew Cummings und Mark Sampson und einem Auftrag in den USA eine Auszeit gönnen. „Ich werde umziehen“, sagt Aszure Barton, deren Heimat bislang Großstädte waren. In Montréal war sie von 2005 bis 2008 Hauschoreografin der Ballets Jazz; in New York hat sie in Restaurants gejobbt und für das American Ballet Theatre und das Alvin Ailey American Dance Theatre choreografiert.
Seit fast fünf Jahren lebt Aszure Barton in Los Angeles und will nun mit ihrem Lebenspartner raus aus dem Großstadtlärm. Ruhe auf dem Land ist ihr Ziel – wo genau, muss sich erst noch finden. Ihre Zeit in Stuttgart hat sie genossen – nicht nur beim Arbeiten im Proberaum. „Ich bin eine Läuferin. Stuttgart ist für mich in dieser Hinsicht eine perfekte Stadt“, sagt Aszure Barton. „Ich gehe zur Tür raus, kann loslaufen und bin schnell fern vom Stadtlärm im Grünen.“
„The Seven Sins“. Premiere im Theaterhaus am 7. Mai, 20 Uhr. Weitere Termine am 8. Mai (14 und 20 Uhr) sowie am 6., 7., 8., 24. und 25. Juni
Wer bringt welche Todsünde zum Tanzen?
Termin
Nach der Premiere am Samstag, 7. Mai, um 20 Uhr ist „Seven Sins“ am 8. Mai um 14 und 20 Uhr sowie vom 6. bis 8. Juni jeweils um 20 Uhr und am 24. und 25. Juni jeweils um 20.30 Uhr zu sehen.
Sünden
Außer Aszure Barton sind folgende Choreografinnen und Choreografen an „Seven Sins“ beteiligt: Sidi Larbi Cherkauoi mit „Corrupt“ (Habgier), Sharon Eyal mit „Point“ (Neid), Marco Goecke mit „Yesterday’s Scars“ (Völlerei), Marcos Morau mit „Hermana“ (Hochmut), Hofesh Shechter mit „Luxury Guilt“ (Wollust), Sasha Waltz mit „Ira“ (Zorn).