Rottenburg - Acht erwachsene Männer schauen den Kursleiter erwartungsvoll an. Acht Priesteramtskandidaten, die sich für ein zölibatäres Leben entschieden haben, sollen in den folgenden Stunden und Tagen über ihre Sexualität sprechen. Ein Drahtseilakt für den Pastoralpsychologen Joachim Schlör, der selbst verheiratet ist. Er versucht es mit dem Märchen „Das tapfere Schneiderlein“, das ein ungezügeltes Wildschwein in eine Kapelle lockt und zu bändigen versucht. Schlör hofft, eine „Folie“ zu haben, um über Triebe und Kirche nachzudenken. Es geht gründlich schief.
Als Schlör vor rund zwei Jahren eine Neuauflage des Pflichtkurses „Sexualität und Zölibat“ an der Diözese Rottenburg einführte, gab es keine überzeugenden Vorbilder. Es gab nur den Druck durch die Missbrauchsskandale und das ungute Gefühl, dass während der Ausbildung der Umgang mit der eigenen Sexualität womöglich zu kurz kommt und mit Ängsten behaftet ist. Zwar taucht das Thema an etlichen Stellen in der zehnjährigen Priesterausbildung auf. Offen darüber gesprochen wird darüber jedoch nur punktuell.
„Als 2010 die ersten Missbrauchsfälle öffentlich wurden, machte ich mich auf die Suche nach einem erfahrenen Priester, der mit den Kandidaten über seine Erfahrungen mit dem Zölibat spricht“, erzählt Joachim Schlör. Selbst Pensionäre lehnten ab. Also nahm sich der 55-Jährige selbst der Sache an. Er absolvierte eine Ausbildung in Sexualberatung und sprang ins kalte Wasser.
Jeder Mensch ist ein sexuelles Wesen
Aus den Anfangsfehlern hat Schlör gelernt. Heute kommt er zum Kursbeginn gleich zur Sache, nämlich mit einer Definition von Sexualität, die klar macht, dass jeder Mensch ein sexuelles Wesen ist und Sexualität weit über den reinen Geschlechtsakt hinausgeht. „Sexuelles Erleben sollte daher bewusst gestaltet werden“, sagt Schlör.
Im Kurs geht es allerdings nicht darum, rote Linien zu ziehen oder Verhaltenstipps zu geben wie „immer eine Armlänge Abstand zur Frau“. „Ich will erreichen, dass die Kandidaten ihre Sexualität annehmen und darüber auch sprechen können.“ Um die Zungen zu lösen, zeigt Schlör am ersten Tag den französischen Film „Uneasy Rider“. Er handelt von einem körperlich Behinderten, der auch sexuell auf Hilfe angewiesen ist. Der Film wirft auf humorvolle Weise die Frage auf, ob es ein Recht auf Sexualität gibt – und bietet reichlich Gesprächsstoff.
Schlörs Konzept scheint aufzugehen. Jens Brückner (29) und Branimir Marevic (32), zwei Kursteilnehmer, erzählen im Büro des Pastoralpsychologen selbstbewusst und offenherzig, wie sie mit ihrer Sexualität umgehen. „Vom Tango tanzen lasse ich zum Beispiel lieber die Hände“, sagt Branimir Marevic. Als Südländer sei ihm aber körperliche Nähe durchaus wichtig. „Ich brauche immer ein Mindestmaß an Berührungen, um im Gleichgewicht zu sein, darum umarme ich gern meine Eltern oder gute Freunde.“ Sein Kommilitone gehe hingegen regelmäßig mit Frauen tanzen. „Das gönnt er sich einfach.“
Auch eheliche Treue muss gestaltet werden
Jeder macht „mit sich und Gott aus“, wie er mit seinen sexuellen Bedürfnissen umgeht, sagt Joachim Schlör. „Schließlich kennen sich die Kandidaten selbst am besten.“ Von ihm bekommen sie lediglich einen Strauss sogenannter Bewältigungsstrategien an die Hand. „Die von der Kirche für ‚richtig’ befundene ist das Sublimieren, das auf Sigmund Freuds Lehre zurückgeht“, erklärt Schlör. Dabei versucht man, sexuelle Lust beispielsweise in kreative Energie umzuwandeln oder in Nächstenliebe.
Der Psychologe hält aber auch andere Strategien wie Verzicht, Vermeidung, aber auch Zulassen und Ausleben für legitim, „wenn sie mit Bedacht eingesetzt werden“. In vieler Hinsicht sieht er Parallelen zwischen Zölibat und Eheleben. „Auch Eheleute müssen sich fragen, wie sie eheliche Treue leben wollen: ‚Was ist ok? Was schadet uns?‘“ Genauso gilt für sie auch die andere Botschaft des Kurses, nämlich Hilfe in Anspruch nehmen zu dürfen, wenn man mal nicht mehr weiter weiß. „Ehepaare gehen zum Paartherapeuten – wir haben geistliche Begleiter“, sagt Jens Brückner.
Was die beiden Männer viel stärker umtreibt als das Gelübde der Ehelosigkeit, ist die wachsende Skepsis Außenstehender. „Wir müssen uns ständig erklären und werden Dinge gefragt, die man andere Menschen niemals zu fragen wagen würde“, berichtet Marevic. Dahinter dürfte auch die Verquickung des sexuellen Missbrauchs in der Kirche mit dem Zölibat stehen, den viele mitverantwortlich machen für den „Untergang“ der Kirche. „Wir stehen leider unter Generalverdacht“, so Marevic. Würde man es genau nehmen, dürfte der Priester weder mit Frauen noch mit Männern enger befreundet sein und sollte auch die Nähe zu Kindern meiden. „Das würde mich psychisch krank machen“, sagt Marevic. „Darum gehe ich meinen eigenen Weg – und spreche darüber.“
Sollen sich Homosexuelle im Kurs outen?
Der zweitägige Kurs, der auf diese „Sprachfähigkeit“ abzielt, hat bereits Nachahmer gefunden. Schlör hat ihn in bereits leicht variierter Form in Mainz und München gehalten. In anderen Diözesen dürfte sich das Konzept nicht so gut mit der sexualpädagogischen Ausrichtung vertragen. „Auch sind noch viele Fragen offen“, sagt Schlör. Etwa die Frage, ob sich in dem Kurs Homosexuelle outen sollten oder nicht, um sich vor Vorurteilen zu schützen. „Noch ist es ein Ausprobieren“, sagt Joachim Schlör. „Aber ich hoffe, dass der Diskurs auch die Ausbildungsverantwortlichen erreicht und wir unseren Seminaristen eines Tages Qualitätsstandards bieten können.“