„Shaun, das Schaf“ in Frankfurt Wie britische Trickfiguren zum Leben erwachen

Von Bernd Haasis 

Knetfiguren und Stopptrick, dafür steht das Animations-Studio Aardman aus Bristol, das die Trickfilmhelden „Wallace & Gromit“ sowie „Shaun, das Schaf“ in die Welt gesetzt hat. Im Filmmuseum Frankfurt zeigt Aardman nun mit Figuren, Skizzen, Modelle und ganzen Sets, wie die Filme entstehen.

Der Erfinder Wallace und sein Hund Gromit waren die Stars bei Aardmann – bis Nebendarsteller Shaun ihnen die Show stahl Foto: Aardman
Der Erfinder Wallace und sein Hund Gromit waren die Stars bei Aardmann – bis Nebendarsteller Shaun ihnen die Show stahl Foto: Aardman

Frankfurt - Das Bild ging 1969 um die Welt: Die Beatles überqueren einen Zebrastreifen in London, verewigt auf dem Cover ihres Albums „Abbey Road“. Im Kinofilm „Shaun, das Schaf“ kehrte das Motiv 2015 als Anspielung zurück– mit vier ungelenk als Menschen maskierten Plastilin-Schafen. Die sind nun im Frankfurter Filmmuseum zu sehen. Und der Detailreichtum an Figuren und Kostümen verblüfft: Jedes Haar, jeder Knopf, jede Naht, jedes Utensil sieht aus wie handgemacht.

Darum geht es dem Animations-Studio Aardman, das Einblicke in seine Fantasiewelten gewährt und Handarbeit als Markenzeichen herausstellt. Ergo ist die Schau, die vorher in Paris zu sehen war, nicht chronologisch angelegt, sondern dem Arbeitsprozess folgend, von der Skizze bis zum voll ausgestatteten und ausgeleuchteten Filmset.

Auf einer frühen Zeichnung des „Wallace & Gromit“-Schöpfers Nick Park heißt der Erfinder noch Jerry und sein Hund ist fülliger als später. Das Originalmodell der orangefarbenen Rakete aus deren erstem Abenteuer „Alles Käse“ (1995) dagegen “ sieht exakt so aus wie auf Parks Skizze. Auch Storyboards zu den Filmen gibt es zu sehen, exakt vorgezeichnete Drehpläne, beim Trickfilm ein Schlüsselwerkzeug: „Animation ist sehr aufwändig, wir müssen genau wissen, was wir wann drehen. Im Schneideraum liegen bei uns eher einzelne Bilder auf dem Boden als ganze Szenen“, sagt Merlin Crossingham von Aardman, ein höflicher Engländer, dem man gerne glaubt, dass es eine echte Herzensanlegenheit ist, über die er hier spricht.

Aardman pflegt den britischen Humor wie einst Monty Python

Die Flucht-Flugmaschine der Hühner aus „Chicken Run“ (2000) ist ebenso zu sehen wie die üppige Tottington Hall, das Anwesen der Lady aus „Auf der Jagd nach dem Riesenkaninchen“, deren extremer Überbiss sich in ihrer Ahnengalerie spiegelt wie ihre horizontale Frisur als Form in Bäumen und Wolken. „Jede Design-Entscheidung dient dem Storytelling“, sagt Crossingham, „und die Maschinen konzipieren wir mit Ingenieuren, denn sie sollen so wirken, als würden sie tatsächlich funktionieren.“

Unzählige Werkstoffe und Werkzeuge finden sich auf dem ausgestellten Arbeitstisch eines „Model Makers“. „Das sind üblicherweise sehr unordentliche Menschen“, sagt Crossingham, und deutet auf eine Tasse auf der Arbeitsplatte: „Aber wir sind alle sehr britisch – wir trinken Tee.“

Beständig schwingt bei ihm ein zweites Markenzeichen mit: Aardman ist ein Kollektiv, das den britischen Humor so erfolgreich pflegt wie einst Monty Python. „Wir haben das große Glück, dass wir gerne über uns selbst lachen, und wir haben das große Glück, dass der Rest der Welt auch gerne über uns lacht“, sagt Crossingham – ­unnachahmlich aus deutscher Sicht.

Ein Spice Girl machte „Shaun, das Schaf“ berühmt

Wallace quasselte beständig („Wir nennen das verbalen Durchfall“), während sein Hund Gromit ihm still den Hintern rettete. in der Bauernhofwelt von „Shaun, das Schaf“ kommt selbst der Farmer ohne Worte aus. „Körpersprache ist eine Weltsprache, das war schon Gromits Stärke“, sagt Crossingham. Dass der Nebendarsteller aus dem „Wallace & Gromit“-Abenteuer „Unter Schafen (1995) zum Star wurde, verdankt er indes einem Zufall. „Eines Tages trug eine Sängerin der Spice Girls einen Rucksack in Shaun-Form, an dem seine kleinen Beinchen herunterbaumelten“, erzählt Crossingham. „Paparazzi haben sie damit fotografiert und plötzlich wollten alle Spice-Girls-Fans diesen Rucksack. Und wir dachten: Wenn so viele Menschen Shaun mögen, geben wir ihm doch eine eigene Show!“

Ganze vier Sekunden handgemachten Stopptrick schafft Aardman pro Tag bei einer Spielfilmproduktion, fürs Fernsehen sind es fünf bis sechs. Wie groß ist da die Versuchung, den Prozess mit digitalen Hilfsmitteln zu beschleunigen? „Wir versuchen, so viel wie möglich von Hand zu machen“, sagt Crossingham, „aber schon beim Stopptrick sind die Kameras ja längst digital. Und wenn sich etwas besser am Computer umsetzen lässt, sind wir nicht dogmatisch.“ Flüssigkeiten, etwa der Ozean in „Die Piraten!“, sind so ein Fall, und Massenszenen, in denen viele Figuren gleichzeitig millimeterweise bewegt werden müssten. „Das ist dann eine ökonomische Entscheidung, das würde mit Stopptrick viel länger dauern und viel mehr kosten.“

Und dann sind da noch die Haptik und der Dreck der realen Welt: Im Filmmuseum ist Shaun mal im Gefängnis zu sehen, mal neben einem Müllhaufen, Gromit im ­Gewächshaus, für das jeder Kohlkopf einzeln individuell geformt wurde. Antiseptisch wirkte dagegen die Szenerie in „Flutsch und weg“ (2006), dem bislang einzigen komplett digitalen Aardman-Film. „Am Computer wird der Look wird immer ein wenig steriler, sauber und glänzend, als wäre man in einem Krankenhaus“, bestätigt Crossingham. „Allerdings ist das zehn Jahre her, Pixar und Disney gelingt es inzwischen, ein bisschen vom Schmutz der Realität hinzuzufügen. Aber der ästhetische Unterschied wird noch eine Weile bleiben.“

Dem drohenden Brexit kann Crossingham nichts abgewinnen

Viele Preise haben Aardman-Filme gewonnen, der Oscar für Creature Comforts“ (1989) ist in Frankfurt zu sehen – mit all den kahlen Stellen, die er bekommen hat, als er offen in der Aardman-Cafeteria stand und jeder Besucher ihn in den Arm nahm, um damit fotografiert zu werden. Trotz des Erfolgs brauche man für jeden Film Partner, Geld, sagt Crossingham. „Was das Kreative angeht, sind wir mit Leidenschaft unabhängig. Wir haben oft darüber diskutiert, ob wir nicht mehr Filme machen sollten. Aber verglichen mit Disney sind wir ein kleines Studio und machen lieber wenige gute Filme als viele durchschnittliche.

Unabhängig wären auch viele Briten gerne – von Europa. Kurz vor dem Referendum kann Crossingham dem drohenden Brexit nichts abgewinnen: „Unsere Mitarbeiter kommen aus ganz Europa, und ich persönlich empfinde das als große Bereicherung, denn jeder bringt ja seinen Hintergrund mit. Damit wäre es vorbei, wenn die Grenzen wieder geschlossen würden. Manche unserer Animatoren gehen in die USA, und der Papierkram, um ein Arbeitsvisum zu bekommen, dauert fast ein Jahr. Wenn das bei uns auch so käme, wäre das schrecklich.“

Die Beatles gingen bald getrennte Wege, nachdem sie hintereinander den Zebrastreifen in London überquert hatten; bei Shaun und seinen Genossen besteht diese Gefahr nicht – Crossingham lässt vorsichtig durchblicken, dass es einen zweiten ­Kinofilm geben könnte. Zunächst kommt aber 2018 Nick Parks jüngstes Kino-Projekt „Early Man“. Darin trotzen der Steinzeitmensch Dug und sein Wildschwein Hognob überheblichen Bronzezeitmenschen. Man muss kein Hellseher sein, um anzunehmen, dass in diesem Film jedes Steinchen aussehen dürfte wie handverlesen – und dass viel Humor im Spiel sein wird.