Shopping und Corona in der Region Wie der Einzelhandel digitaler wird

Wenn der Kunde nicht in den Laden kommt, muss der Laden zum Kunden kommen. Tritschler hat da viel Erfahrung. Foto: dpa

Seit mehr als einem Jahr sind viele Einzelhändlern von ihren Kunden getrennt. Trotzdem gibt es noch immer Geschäfte, die keine Homepage haben oder eine unübersichtliche. Wie kann das sein? Und vor allem: Wo führt das hin?

Region: Verena Mayer (ena)

Stuttgart - Am Tag zuvor hat Martin Ruckh zwölf Pakete verschickt, er ist zufrieden. Das ist viel, vor allem für einen Schuhhändler, der vor Corona keine Schuhe auf die Reise zu Kunden beförderte. Martin Ruck, 58, Inhaber des Schuhhaus Böhmer in Ludwigsburg, bezeichnet sich selbst als radikalen Online-Gegner. Aber Corona hat alles geändert. Nun verkauft auch Ruckh Schuhe übers Internet. „Ich bin froh“, sagt er, „natürlich.“

 

Seit über einem Jahr sind die meisten Geschäfte geschlossen. Die Lager sind voll, die Einnahmen weg. Dass Einzelhändler digital aufrüsten erscheint logisch. Und dennoch gibt es noch immer erstaunlich viele Geschäfte, die keine Homepage haben, oder, die wenn sie eine haben, ihre Ware unauffindbar präsentieren oder nicht mal auf die Möglichkeit von Click & Collect verweisen. Wie kann das sein? Und wo führt das hin?

Vorwürfe sind nicht angebracht

Filmchen auf Instagram, Kulissenblicke auf Facebook, QR-Codes an Schaufensterpuppen, Bestellmöglichkeiten über Whatsapp – der erste Lockdown in der deutschen Nachkriegsgeschichte war für inhabergeführte Geschäfte der erste Schritt in Richtung Digitalisierung. Für die meisten war es ein riesiger. Ein Online-Präsenz-Check der Beratungsgesellschaft Cima in den Jahren 2018 bis 2020 bei 22 000 Betrieben hat gezeigt: Da ist viel Luft nach oben. Nur 63 Prozent der Webseiten waren so optimiert, dass sie mit verschiedenen mobilen Geräte genutzt werden konnten; nur 77 Prozent der Geschäfte hatten ein Profil bei Google My Business, tauchen also bei einer Suche in Google auf; ein Großteil dieser Profile (38 Prozent) war lediglich automatisch generiert, also nicht gut gepflegt.

„Man kann da niemandem etwas vorwerfen“, sagt Eva Gancarz. Einzelhändler, sagt die Leiterin von Cima digital, sind Einzelhändler, weil sie eine Leidenschaft für ihr Produkt haben und den Kontakt mit ihren Kunden suchen. Zusätzlich und nebenbei Digitalprofi zu sein, gehe nicht. Jetzt aber „sind die Einzelhändler gezwungen, sich mit dem Thema auseinanderzusetzen“.

Viel Aufwand, mäßiger Ertrag

Wer das perfekte Frühstücksei zaubern möchte, kann Thomas Breuninger fragen. Er hat auch immer einen Tipp für Deko im Frühjahr oder ein Geschenk. Nicht er, der Geschäftsführer von Tritschler. Aber seine Mitarbeiter, die die Accounts des Haushaltswarengeschäfts auf Instagram und Facebook füttern. „Als guter Händler sollte man rund um die Uhr für seine Kunden erreichbar sein“, sagt Thomas Breuninger, der seinen Onlineshop bereits 2005 eingerichtet hat. Erst ganz klein und relativ hemdsärmelig. Inzwischen gibt es ein Zentrallager und Mitarbeiter, die sich ausschließlich um telefonischen Service, Emails und natürlich das Verpacken kümmern. Auf zehn Prozent Anteil am Gesamtumsatz hat sich das Onlinegeschäft im Laufe der Jahre hochgeschafft. Inzwischen ist es ungleich mehr. „Seit letztem Jahr sind wir richtig froh, dass wir das haben“, sagt Thomas Breuninger – der damit zugleich all jene bestätigen dürfte, die bis jetzt die Finger von dieser Sparte lassen.

„Das ist ein ganz anderes Geschäft“, sagt Alexander Kögel vom gleichnamigen Modehaus in Esslingen, der manche seiner Produkte seit Neuestem über Amazon anbietet. „Den logistischen Aufwand können wir nicht stemmen“, sagt Julia Glaser vom Haushaltswarengeschäft Lotter in Ludwigsburg.

Massive Unterstützung von der Stadt

Tatsächlich empfehlen auch die Experten von Cima digital nicht jedem Händler einen Onlineshop. Vorwiegend auf den Austausch über Angebote im Schaufenster zu setzen, reiche aber nicht. Eine Cima-Umfrage im Jahr 2019 ergab, dass 61 Prozent der Befragten online prüfen, ob ihr Produkt vorrätig ist, sich der Gang ins Geschäft also überhaupt lohnt. 41 Prozent gaben schon damals an, Click & Collect-Angebote zu nutzen. Für Eva Gancarz ist klar: „Die Gewerbetreibenden werden nicht drumherum kommen, digital sichtbar zu werden.“

Von den Kommunen werden sie dabei nun massiv unterstützt. In Ludwigsburg etwa hat der Innenstadtverein all seinen nunmehr 260 Mitgliedern inzwischen ein perfektes Profil für Google erstellt. Der Stadtmarketingverein in Böblingen hat für seine Einzelhändler diverse Anleitungen für ansprechende Auftritte bei Facebook oder Instagram verfasst. Die Waiblinger Wirtschaftsförderung bezuschusst Unternehmen mit 1000 Euro, wenn sie sich digital beraten lassen. Göppingen bündelt auf einer Internetseite alle Click & Collect-Angebote. In Stuttgart sind speziell kleinere Unternehmen unter der Online-Adresse „Stuttgart sind wir“ versammelt. Und in Esslingen lernen Firmen beim Digitalisierungsprojekt „Online Handel(n) alles, was es über Online-Sichtbarkeit und digitale Strategien zu wissen gibt. „Hilfe zur Selbsthilfe“ nennt es Michael Metzler, der Chef der städtischen Stadtmarketing-Gesellschaft, der das Pilotprojekt gestartet hatte, kurz bevor Corona akut wurde. Wenn der Kunde nicht in den Laden kommen kann, komme der Laden eben zum Kunden.

Das Geschäft rechnet sich nicht

Martin Ruckh in Ludwigsburg hält seine Kunden nun auch über die sozialen Medien auf dem Laufenden, über neue Schuhe, Prozente oder Dreharbeiten zu einem Imagefilm. Mit dem Online-Verkauf wird er wohl nicht mehr warm werden. Rund 70 Prozent der Pakete kämen wieder zurück, weil die Schuhe nicht passen oder nicht gefallen. Addiert Ruckh das Porto dazu und die Gebühren für die Plattformen, stellt er fest: „Betriebswirtschaftlich macht das keinen Sinn.“

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