Sibylle Berg: „GRM“ Sexroboter, Drohnen, Volldeppen
Am Ende haben selbst die künstlichen Intelligenzen Mitleid: Sibylle Bergs grandioser Roman „GRM“ zerstreut die letzte Hoffnung, die Welt könnte ein in sich gegründetes vernünftiges Ganzes sein.
Am Ende haben selbst die künstlichen Intelligenzen Mitleid: Sibylle Bergs grandioser Roman „GRM“ zerstreut die letzte Hoffnung, die Welt könnte ein in sich gegründetes vernünftiges Ganzes sein.
Stuttgart - Sind die Menschen wirklich alle debile Vollidioten? Zumindest der männliche Teil immer darauf aus, mit seinen unansehnlichen Geschlechtsorganen und den zugehörigen Hormonen Angst und Schrecken zu verbreiten? Ist die Welt wirklich so komplett am Ende? Und müssen alle Errungenschaften und tollen Erfindungen, zum Beispiel das Internet, immer so eine deprimierende Entwicklung nehmen? Natürlich nicht. Wobei. „Das fucking Netz ist zur Leni Riefenstahl der Welt geworden. Ein Ort der Verblödung, Verhetzung, der Manipulation und der Frustration.“ So ist in Sibylle Bergs neuem Roman „GRM“ zu lesen – was der Titel bedeutet, dazu später. Aber wer nach ein paar Seiten entsetzt die Augen aufschlägt, und die Nachrichten andreht, um sich gegen dieses fürchterliche Zerrbild der Wirklichkeit zu vergewissern, wie sie wirklich ist, wird ein mulmiges Grundgefühl nicht mehr los. Vielleicht nämlich ist alles gerade umgekehrt: vielleicht sind wir auf dem besten Weg, in unserem „So-schlimm-wird-es-schon-nicht-kommen“-Schlummer frontal gegen die Wand zu rasen, die die große Gegenwartsapokalyptikerin mit ihrem kolossalen Endzeit-Gemälde ausgepinselt hat.
Vier junge Leute in einer postindustriellen Ruinenstadt am Rande Londons, aussortierter Abschaum, der sich mit Drogen und wütender Musik bei schlechter Laune hält. Kinder, deren alleinerziehende Mütter mit Putzen, Prostitution, Altenpflege oder dem Einwickeln irgendwelcher Maschinenteile ihr Dasein fristen. Die Männer hauen ab, sobald sie die Lust verlieren, die Frauen zu schlagen, und „vernetzen sich weltweit zu einem gesunden, bewaffneten, rechtsradikalen Idiotenhaufen“. Ausschussware des Kapitalismus: Flüchtlinge, Arbeitslose, Alkoholiker und Leute, deren Sozialwohnung in eine Eigentumswohnung umgewandelt wurde. Eine Regierung nach der anderen geht in die Hände alberner Diktatoren über, „nach Untergang riechende traurige Männer, die den Kollaps der westlichen Systeme beschleunigten.“ Die eigentliche Herrschaft ist an die Endgeräte übergegangen. Die einen treiben sich auf Pädophilenplattformen herum, starten Youtube-Karrieren oder stimmen sich mit Serien auf das ein, was die nahe Zukunft für sie bereithält. Die anderen sammeln Daten. Kein Winkel, der nicht von Überwachungskameras erfasst wird, über den Köpfen kreisen Drohnen, und im Inneren kommunizieren implantierte Chips mit den Hütern der Gesetze.
Sex ist das Kontrastmittel der alle Bereiche durchwuchernden kapitalistischen Ökonomie. Sex in allen trostlosen Spielarten, auf die niemand mehr wirklich Lust hat, was früher oder später, meist früher, in wüste Gewalt- und Erniedrigungsexerzitien ausartet. Sexroboter bedeuten auf diesem Gebiet einen Durchbruch, auf dem Felde des Arbeitsmarkts allerdings beschleunigen sie die den Untergang ganzer Berufsgruppen. Macht nichts. Dafür gibt es ein allgemeines Grundeinkommen, das im digitalen Zeitalter die Menschen endlich freisetzt, ihren kreativen Neigungen nachzugehen: „Jetzt hocken sie alle und montieren Zerstörer aus Streichhölzern zusammen oder drehen Pornos.“
Das ist die Welt, aus der die vier sehr diversen jungen Leute herausgeschleudert wurden und nun ihr Glück suchen, das fürs erste darin besteht, sich an denen zu rächen, die ihnen übel mitgespielt haben, und eine Revolution anzuzetteln, für die sich niemand interessiert.
Untergangsvisionen gibt es mittlerweile wie Sand am plastikverseuchten Meer, und Dystopien stehen hoch im Kurs einer utopielosen Gegenwart. Auch dazu finden sich kluge Sätze in Sibylle Bergs neuem Weltgericht: „Dystopie war das Ding der letzten Jahre gewesen. Alle hatten so eine tüchtige Endzeitangst. Angstgesetze wurden in Tagen verabschiedet. Gesetze gegen: Vermummung, Versammlung, Verhüllung, Hate Speech.“ Doch über die lehrhaften literarischen Seitenstücke des politischen Feuilletons ist Berg hinaus. Auch deshalb, weil hier die nahe Zukunft bereits als Gegenwart erscheint.
Man freut sich gerne daran, wenn Schriftsteller einen Nerv treffen, wenn man im Alltagsgewühl das unterschwellig Signifikante spürt und sich verstanden fühlt. Hier hat die Sache den Haken, dass einem pausenlos das Gefühl des Wiedererkennens begegnet, die Freude darüber sich aber in Grenzen hält. Egal aus welcher Perspektive man darauf blickt, purzelt aus dem mit Wissen vollgestopften Vexierbild eine neue Katastrophenformation heraus, was den Untertitel „Brainfuck“ erklärt. „GRM“ ist zugleich Groß-Essay wie Gesellschaftsroman.
Sybille Berg nimmt es mit dem netzbasierten Allerfassungswerk der künstlichen Intelligenzen und digitalen Weltenlenker auf. Ihre Figuren präsentiert sie als Datensätze, aufgeschlüsselt nach bestimmten Merkmalen. Sie ist die große Profilerin der Gegenwart. Ihre Kenntnis beruht nicht auf Algorithmen, sondern auf Anschauung, Einfühlung und einer entfesselten Sprache. Jeder Satz durchblutet, nichts einfach hingefetzt, auch wenn es genauso klingt. Alles bebt vor Rhythmus und wilder, brachialer Musikalität. Damit übernimmt der Text den Stimulus der britischen Hiphop-Spielart Grime, „wütende Drecksmusik für Kinder in einem Drecksleben“. Wie jeder Gegenkultur bleibt auch diesem Soundtrack zum Lebensgefühl nicht erspart, kommerziell besänftigt zu werden, eine gekaufte Revolution mehr. Soviel zum Titel.
Sibylle Bergs großer Roman aber zerstreut die letzte Hoffnung, die Welt könnte ein in sich gegründetes vernünftiges Ganzes sein. „Die Dummheit ist eine verlässliche Konstante der Menschheitsgeschichte.“ So dumm, dass selbst die künstlichen Intelligenzen schließlich Mitleid bekommen. Wenn man das Glück nicht zu fassen bekommt, muss man sich ans Unglück halten. Die Endzeitvirtuosin und Glücksvernichterin Sibylle Berg ist in Wirklichkeit an nichts mehr interessiert, als jenen Anspruch auf Erfüllung zu behaupten, den die Welt – so wie sie sich entwickelt – konsequent hintertreibt. Im bösen Negativen eingeschlossen lebt Liebe und Respekt. Ihr bitterer Witz, ihre apokalyptische Komik, ihre wilde Inspiration lösen ästhetisch ein, was die öde Gegenwart ihren Figuren verweigert. Dass sich Achtung und all die zarteren Gefühle nur noch als wütende Verachtung behaupten, sollte man nicht der Autorin ankreiden. An ihrem Gemälde haben wir alle mitgemalt.
Am 25. April um 20 Uhr bringt Sibylle Berg ihren Roman mit Videoperformance und Londoner Grime-DJs auf die Bühne der Stuttgarter Wagenhallen