Sibylle-Krause-Burger-Kolumne Der Stoff, aus dem die Märchen sind

 Foto: AP Pool

Im Kult um die 16-jährige schwedische Klimaaktivistin Greta Thunberg nistet ein Quäntchen Wahn. Es droht eine Radikalisierung der Umweltschützer – fürchtet unsere Kolumnistin Sibylle Krause-Burger.

Stuttgart - Eine Heilige? Erretterin der Welt? Kreativ durch Krankheit? Hellsichtig durch Asperger? Ein Klimaengel, der von ökologisch reiner Zukunft kündet, zunächst in Schweden, dann in der Welt, schließlich auf hoher See? Greta und noch einmal Greta. Die Jungen kommen zuhauf. Die Alten japsen hinterher. Wann hat es das schon mal gegeben? In allen Gazetten, tausend Magazinen, auf jedem Bildschirm. Halleluja, ein weiblicher Messias! Schwenkt die Palmen! Lasset uns anbeten!

 

Anderswo stehen vor allem Mannsbilder im Mittelpunkt solch öffentlicher Erregungen: Donald Trump etwa, der amerikanische Narziss, oder Erdogan, der paranoide Patient. Auch ihnen jubeln die Massen zu. Doch man weiß: Herren dieser Art locken die Verehrung nur um ihrer selbst willen hervor. Es geht um ihre Macht. Greta Thunberg aber streitet für den Fortbestand der Menschheit. Das hat Gründe.

Es passiert sehr wohl etwas für das Klima

Vermüllte Meere, brennende Wälder, sterbende Bäume, überschwemmte Dörfer, vertrocknete Ernten, schmelzende Gletscher, verkümmerte Korallen, verschwindende Inseln, verpestete Luft: Darüber wird seit Jahren berichtet. Wüssten wir nicht, was uns bedroht, es gäbe keine Umweltministerien, Umweltämter, Umweltverbände, den Atomausstieg, den Kohleausstieg, die Windräder, die Solaranlagen und so weiter und so weiter. Es sei nichts passiert, sagen die Kämpfer fürs bessere Klima. Das trifft nicht zu, aber was geschehen und geplant ist, reicht nicht. Diese Arbeit braucht Zeit. Schon Willy Brandt sorgte sich um den blauen Himmel über der Ruhr.

Aber jetzt hören wir einmal nicht die abgebrühten Politiker, die von alledem reden, was sie ja seit Jahren – entgegen manchen klimaaktivistischen Behauptungen – durchaus tun. Nein, es ist ein so schwaches, unschuldiges Wesen wie Greta Thunberg, die den Weltalarm ausruft und von gebotener Panik spricht, eine ganz und gar untypische Sechzehnjährige, ungeschminkt, mit langen Zöpfen und dem Körper samt der Anmutung einer allenfalls Zehnjährigen. Das ist neu, das ließ den Funken zünden. Greta traf und trifft den Nerv des Zeitgeistes.

Ein autistisches Kind gegen den globalen Egoismus. Gut gegen Böse. Rotkäppchen und der Wolf. David gegen Goliath. Askese gegen Lust und Völlerei. La Belle et la Bete. Jung gegen Alt. Eine Art kindlicher Luther gegen die mächtige Kirche und ihren Aberglauben. Eine Marx-Engels-Enkelin, die uns ihr Klimamanifest unter die Nase hält. Das ist der Stoff, aus dem Märchen und Mythen sind, das ist Futter für die Medien unserer medienübersättigten Moderne: die Geschichte einer Jugendlichen, die sich in der öffentlichen Wahrnehmung langsam, aber sicher in eine himmlische Erscheinung verwandelt. Unnahbar. Überirdisch. Fast eine Heilige. Auf alle Fälle ein Wesen wie von einem anderen Stern.

Wie weiland Jesus über den See Genezareth

Deshalb gilt sie vielen als unantastbar, deshalb folgen ihr Tausend und Abertausend Altersgenossen bei den Schulstreiks, deshalb darf sie nun von einer Kamera und einem Prinzen begleitet über die Wasser des Atlantiks schweben – fast so unbeschwert wie weiland Jesus über den See Genezareth.

Und weil das alles so gut, so schön, so klimafreundlich, so menschenrettend und globuspflegend ist, herrscht große Freude unter den Lebenden weltweit, vor allem aber in Deutschland. Kein anderes Land ist zurzeit dem Klima so hold zugeneigt wie das unsere, und kein anderes Land will mit allerlei Ausstiegen so mutig und beispielgebend vorangehen. An unserem Wesen könnte doch wieder einmal die Welt genesen. Wird sie aber wohl nicht. Denn in diesem ganzen Hype geht es nicht mehr mit erdgebundenen Dingen zu. Doch genau das, Zeichen und Wunder, einen Engel oder auch mehrere, himmlische Heerscharen, Götter und Gurus, das braucht der Mensch. Dafür ist er anfällig, um das Jammertal hienieden ertragen zu können, wie schon Karl Marx in seiner Religionskritik lehrte. Alle Rettung kommt von oben – oder von Greta Thunberg. Egal. Und so nistet ein gutes Quäntchen Wahn in diesem Aufschäumen, in dem Himmelhoch-Jauchzen und der unbändigen Erwartung. Die kommende Zu–Tode-Betrübtheit ist abzusehen.

Auch Greta Thunberg ist in Gefahr

Gewiss, in der jungen Schwedin mit dem erhobenen Zeigefinger sehen wir ein ungewöhnliches Menschenkind in Aktion. Doch nicht nur die Welt, auch sie selbst ist in Gefahr. Mit sechzehn Weltruhm, schon winkt auch der Friedensnobelpreis: Was soll da noch kommen? Wie viel Kraft wird sie aufbieten müssen, um im Lot zu bleiben? Auch die Jugendbewegung, die sie in Gang gebracht hat und die sich so siegessicher gibt, ist nicht mehr als ein momentanes Aufwallen ohne den Hintergrund von anhaltender exekutiver Macht. Sie mag verpuffen wie die Kinderkreuzzüge des frühen Mittelalters, sie kann zu dieser und jener klimaschonenden Gesetzgebung anregen oder – nach Enttäuschungen – in Radikalismus umschlagen. Denn wo Wahn im Spiel ist, gibt man sich nicht mit kleinen Schritten und Halbheiten zufrieden. Wir haben da so unsere Erfahrungen, vor 1945 und nach 1968.

Wo also ist Rettung? In weltweiter machtgestützter ökonomisch-ökologischer Vernunft, versteht sich. Was aber machen wir mit dem weit verbreiteten unvernünftigen Rest?

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