Sibylle-Krause-Burger-Kolumne Warum Carola Rackete keine Heldin ist

Carola Rackete hat als Kapitänin der Sea-Watch 3 Flüchtlinge im Mittelmeer aufgenommen und nach Italien gebracht – zum großen Ärger der Regierung in Rom Foto: dpa

Der Hitler-Attentäter Claus Graf von Stauffenberg war ein Widerständler. Manche, die sich derzeit so fühlen, sind es nicht – kommentiert unsere Kolumnistin Sibylle Krause-Burger.

Stuttgart - Vor mir auf meinem Schreibtisch liegt ein Haftbefehl aus dem Jahr 1937. Er brachte den jungen Pfarrer Heinz Krause aus dem ostpreußischen Hohenstein ins Gefängnis, weil er die Kollekte seiner Gottesdienste wiederholt der „Bekennenden Kirche“ zukommen ließ, jener innerprotestantischen Organisation, die sich im Dritten Reich von den hitlerhörigen „Deutschen Christen“ absetzte. Für diese „Straftat“ musste der Gottesmann mehrmals ins Gefängnis, verstieß er doch „fortgesetzt“ gegen das Sammlungsgesetz von 1934 und erklärte zudem, auch künftig die Gesetze des Staates nicht achten zu wollen. Heinz Krause hatte erkannt, dass er in einem verbrecherischen Staat lebte, und er leistete Widerstand.

 

Er tat etwas, von dem heute viele glauben, es hätte sich für jeden Rechtschaffenen von selbst anbieten müssen. Das ist vermessen. Denn den Nazis zu widerstehen, erforderte Mut. Wer sich verdächtig machte, riskierte nicht nur seine Freiheit wie Heinz Krause, er riskierte ins Konzentrationslager geworfen und gefoltert zu werden, sein Leben zu verlieren, am Fleischerhaken zu enden.

Wie kühn und todesbedroht war der Widerstand gegen Hitler?

Heinz Krause war einer dieser kleinen und doch großen Helden, die sich auflehnten und in Gefahr brachten, die Hitlers Wahnsinn nicht mitmachten, die sich heraus trauten oder heimlich Juden versteckten, ihnen zur Flucht verhalfen. Auch Rudolf Roller aus Enzweihingen war einer von ihnen, wieder ein Pfarrer, zugehörig zu einer ganzen Organisation von Helfern unter der Führung seines Kollegen Otto Mörike. Der amtierte damals in Weissach und Flacht und zählt inzwischen in Yad Vashem zu den „Gerechten unter den Völkern“. Die Familien dieser Männer trugen die Aktionen mit, kinderreiche Familien. Wer, in unserem unendlich freien und rechtlich sicheren Wohlstandsland kann sich auch nur entfernt vorstellen, was das bedeutete? Was das für ein Leben war? Wie todesbedroht, wie kühn, wie segensreich und wie angstbelastet?

Es musste nicht jeder ein Stauffenberg sein. Auch diese Menschen waren Widerstandskämpfer, waren Helden. Solche Leute mag man heute in der Türkei finden, in Nordkorea, Venezuela oder in China. In der freien Welt brauchen wir sie Gott sei Dank nicht. Aber manche Zeitgenossen tun so, als bedürfe es auch hier – und nicht zuletzt in der Bundesrepublik – des Kampfes gegen finstere Mächte und als leisteten Menschen, die sich nicht an Regeln halten, einen berechtigten Widerstand.

Man trägt die eigene Gesinnung demonstrativ vor sich her

Doch im Rechtsstaat können die Bürger gegen staatliches Handeln vor Gericht ziehen. In Wahlen sorgt ihr Stimmzettel dafür, dass sich die Verhältnisse ändern oder bleiben, wie sie sind. Wer also im Hambacher Forst auf Bäume steigt, um das Abholzen zu verhindern, ist kein Widerständler und schon gar kein Held. Doch diese Kletterer fühlen sich so. Sie sehen sich als Retter der Menschheit, des Klimas oder des Globus. Man steht ja auf der richtigen Seite und bekämpft das Böse.

Auf die Gesinnung kommt es an. Und oft nur noch auf die Gesinnung. Die trägt man vor sich her, und sage niemand, da sei, bei allen guten Vorhaben, nicht auch Eitelkeit und eigenes Interesse mit im Spiel. Wie sonst, käme es unserem Außenminister, der weiß Gott ganz andere Aufgaben hat, in den Sinn, nun plötzlich auf den Flüchtlingszug aufzuspringen und für Deutschland die Abnahme eines jährlichen Kontingents ins Visier zu nehmen. Und wie, wenn nicht des Wohltätigkeitsstolzes voll, käme der EKD-Vorsitzende Heinrich Bedford-Strohm auf die Idee, von Kameras begleitet nach Palermo zu reisen, dem Rettungsschiff Sea Watch einen Besuch abzustatten und anschließend in dieser, jener und noch einer Fernsehsendung von seiner großartigen Mission um der Seenotrettung willen zu berichten. Und tatsächlich, so verkündet er, auf dem Schiff habe er einem Flüchtling ins Gesicht geschaut und darin das Gesicht Gottes gesehen. Donnerwetter! Durfte es nicht eine Nummer kleiner sein? Hätte es nicht gereicht, einen Menschen zu erkennen?

Die heutigen „Helden“ sind Medienhelden

Aber nein, unsere Helden sind nicht still und bescheiden wie einst Heinz Krause oder Rudolf Roller. Anders als diese beiden, riskieren sie auch nichts. Ganz im Gegenteil, sie werden mit millionenfacher Aufmerksamkeit, der Münze unserer Zeit, belohnt. Unsere Helden sind Medienhelden. Sie sind auf Werbetour für ihre Gesinnung und ihre Organisationen. Sie sorgen für Echo, auch für Spenden, was manch einen oder eine dieser vermeintlichen Widerständler zu einer Art Errettungsfuror verleitet. So gibt die nun weltberühmte Carola Rackete zu Beginn dieser Woche der Bildzeitung ein Interview und lässt sich dabei fotografieren, alles draußen im Grünen an einem sehr hübschen und angeblich geheimen Ort in den Alpen, wo sie sich zurzeit aufhält, so geheim, dass die Bildzeitung dort aufmarschieren kann. Barfuß und auf einem Stein sitzend, von Gräsern und Sonne umfangen, fordert die Kapitänin von dem Reporter, klimaneutral zu reisen und von Europa, alle Flüchtlinge aus den libyschen Lagern, dazu die noch kommenden Klimaflüchtlinge, zu übernehmen. Ganz klar: an Carola Racketes Wesen soll die Welt genesen.

So weit hätten Heinz Krause und Rudolf Roller nie gedacht. Gleichwohl ist es ja gut, dass diese junge Frau Leben rettet. Aber das ist das Einfachste, die armen Geretteten einfach dem Herrn Salvini vor die Füße zu kippen. Danach fängt eine verantwortungsvolle Lösung des Problems doch erst an.

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