Sicherheit in Stuttgart „Unterführung des Grauens“ soll schöner werden

Sara Dahme und Ninette Sander in der Unterführung im Schwabenzentrum in der Stuttgarter Innenstadt Foto: Lichtgut/Max Kovalenko

Die Statistik sagt: Stuttgart ist eine sichere Großstadt. Doch das eigene Gefühl sagt vielen Menschen etwas anders. Sie fühlen sich zum Beispiel in der Unterführung an der Haltestelle Rathaus unwohl. Zwei Frauen wollen das ändern.

Dieser Ort war noch nie schön. Brachial schiebt sich das Schwabenzentrum in die Innenstadt, seit man es zwischen 1978 bis 1985 errichtet hat. Von außen wirkt es wie ein Riegel, doch hat es Durchgänge und Innenhöfe. In einem wurde einst Stuttgart urban, empfing das Litfaß Nachtschwärmer rund um die Uhr. Dort ist heute das von Ninette Sander betriebene White Noise, Bar und Club rahmen die Unterführung zur Stadtbahnhaltestelle Rathaus und zum Brunnenwirt ein.

 

Das Schwabenzentrum macht einem nichts vor, es versprüht den Charme der späten siebziger Jahre. Und es riecht dort auch so. „Es stinkt wie Hölle“, sagt Sara Dahme, die ihren Kulturkiosk im Züblin-Parkhaus betreibt. Wenn sie von dort über die Stadtautobahn will, muss sie entweder minutenlang an den seltsam geschalteten Fußgängerampeln warten oder sich durch den Untergrund wagen, „die Unterführung des Grauens“, sagt sie.

Was lässt sich ändern?

Was für Horrorfilmer als Kulisse attraktiv ist – einen schier erdrückende Wände und Decken, beigefarbene Bodenfliesen, jede Menge „zwielichtiger Ecken“, garniert mit allerlei Hinterlassenschaften der Nacht –, jagt anderen Angst ein. „Das ist einer der zentralen Punkte der Stadt“, sagt Sander, „es kann doch nicht sein, dass man sich hiermit keine Mühe gibt.“ Und Dahme ergänzt: „Wenn man sich anschaut, wie hell und licht anderswo Haltestellen sind, als Orte zum Wohlfühlen gestaltet, dann ist der Kontrast schon krass.“

Doch die beiden Frauen haben genug vom Klagen. Sie wollen etwas ändern. Das Problem sei ja schon lange bekannt, alleine, es ändere sich nichts. Die Stadt selbst feilt gerade an einem Plan zur Belebung der Innenstadt, behandelt diesen aber wie eine Geheimsache. Man will noch nicht erzählen, was man sich da überlegt.

Müll kommt zu Müll

Eigenmächtig hatte Sander vor dem White Noise Pflanzenkübel aufgestellt, um so ein bisschen Grün ins Grau zu zwingen. Doch die beste Absicht hilft nicht immer. „Leider ist der Platz ein Drogenumschlagplatz geworden“, sagt sie, und die Dealer versteckten den Stoff in den Töpfen. „Das sind Begleiterscheinungen, die zu einer Großstadt gehören“, sagt sie, doch es könne nicht sein, dass sich junge Frauen nicht trauten, zwischen Bar und Club hin und herzugehen. „Da schicken wir unsere Security mit.“

Das habe auch mit der Unwirtlichkeit des Ortes zu tun. „Sich um den öffentlichen Raum zu kümmern, ist ja auch eine Wertschätzung der Menschen, die sich dort aufhalten“, sagt Dahme. Und knüpft damit an die Theorie der amerikanischen Sozialforscher James Q. Wilson und George L. Kelling an: Macht ein Ort einen verwahrlosten Eindruck, so signalisiere dies, dass es kein Interesse an öffentlicher Ordnung oder an der Einhaltung von Gesetzen und Regeln gebe. Müll kommt zu Müll, Schmierereien zu Schmierereien.

Der holländische Sozialpsychologe Kees Keizer untermauerte dies. In einem Versuch hängte er Werbezettel an die Lenker von Fahrrädern, die in einer Gasse in Groningen abgestellt waren. Zunächst warf jeder dritte Radler den Zettel auf den Boden. Als er die Wände mit Graffiti beschmiert hatte, warfen 70 Prozent den Zettel weg. In Unterführungen in Stuttgart finden sich nicht nur Zettel, sondern weitaus Anrüchigeres.

Wie ist es anderswo?

Doch wie könnte eine schöne Unterführung aussehen? In Stockholm etwa wurde die Haltestelle T-Centralen von Künstlern gestaltet. In Taiwan gibt es eine Glaskuppel mit täglicher Lichtshow. In Moskau waren die Stationen ohnehin Reiseziele für Tourismus. Aber man muss nicht so weit schauen: Der neue U-Bahnhof Hafen-City in Hamburg wird von zwölf riesigen Leuchtcontainern erhellt, die von der Decke hängen. Braune Metallplatten an der Wand und an der Decke reflektieren das Licht.

Wie geht es weiter?

Mehr Licht, ein ordentliches Konzept, das ist einer der Punkte von Dahme und Sander. „Wir wollen Kunst und Kultur sichtbar machen und zur Teilhabe einladen.“ Sie träumen von einer Ausstellung von Kunstwerken, die beleuchteten City-Light-Poster gibt es ja. Gerne auch im Wechsel, um jungen Künstlern ein Podium zu bieten. Da wolle man verschiedene Ideen ausprobieren, mit dem Ort spielen, ehe man sich an eine umfassende Gestaltung der Flächen mache. Anfang April wollen und dürfen sie in den Bezirksbeirat Mitte, um ihr Vorhaben vorzustellen. Mit der Stuttgarter Straßenbahnen AG wollen sie Kontakt aufnehmen. „Das soll ein Anfang sein, wir wollen damit einen Prozess in Gang setzen.“ Damit der Ort zumindest ein bisschen schöner wird.

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