Und, so fügte er an, es sei „ein Mythos, dass Betonklötze Lastwagen abhalten“, sagt Schneider. Er war auf Einladung der Stadtverwaltung nach Ditzingen gekommen. Er sollte darstellen, wie eine Veranstaltungsfläche vor Terroranschlägen etwa in der Ortsmitte gesichert werden kann. „Zufahrtsschutz manifestiert sich in Sperrmaßnahmen“, sagt der 52-Jährige. Es ginge immer darum, das Böse auszusperren, das Gute aber nicht einzusperren.
Die Beobachtung steht am Anfang
Schneider schaut sich die Veranstaltungsfläche an, die Zufahrtswege, er beobachtet. Und dann rechnet der Verfahrenstechniker, dessen Job es einst als Angestellter eines österreichischen Unternehmens war, Naturgefahren abzuwehren. Er erarbeitete zum Beispiel, wie eine Straße vor Felssturz zu sichern ist. Heute ist Schneider freiberuflich tätig. Er sichert Straßen und Plätze vor Attentaten, die mit dem Lastwagen begangen werden.
Bei manch einem überwog die Skepsis
Die Reaktion im Ditzinger Gemeinderat reichte von Zustimmung über Schweigen bis Skepsis, ob solche Schutzmaßnahmen auch im ländlich geprägten Raum sein müssten. Schneider kennt die Überlegung. „Das Problem ist: Bekommen wir Gehör, schenkt man uns Glauben, dass diese Dinge möglich sind und passieren können?“ Der Ditzinger Oberbürgermeister Michael Makurath (parteilos) zweifelt, wie bundesweit inzwischen etlicher seiner Amtskollegen, nicht an der Pflicht, sich damit befassen zu müssen. Für ihn ist es eine Frage der Haftung. Hat die Stadt im Zweifel alles getan, um ihre Bürger zu schützen? Schneider vergleicht es mit dem Brandschutz. „Heute weiß jeder, dass es eine gute Idee ist einen Feuerlöscher zu Hause zu haben und zu wissen, wie man löscht.“
Lesen Sie aus unserem Angebot: Attentäter im Lastwagen
Der 52-Jährige spekuliert nicht. „Ich bin Techniker“, sagt er schlicht. „Ich betrachte und berechne, was technisch möglich ist. Was der Attentäter weiß, weiß ich als Techniker auch.“ Dazu gehört eben auch die Erkenntnis, dass es einen größeren Aufwand bedarf, um Sprengstoff zu besorgen, zu positionieren und zu zünden, als einen Lastwagen unter seine Kontrolle zu bringen. Baustellen gibt es viele. Und „einen 30 Tonnen – Muldenkipper Automatik fahren Sie wie einen Golf.“
Entscheidend ist, den Muldenkipper aufzuhalten, ehe er in die Menschenmenge rast. Welche Energie es bedarf, ihn aufzuhalten, welche Barrieren dafür geeignet sind und im Zweifel am wenigsten Schaden durch umherfliegende Teile anrichten können – all das berechnet Schneider. Was er als Techniker berechnen kann, soll dazu beitragen, eine offene Gesellschaft in einer sich verändernden Welt zu schützen. Ganz gleich, ob das anlässlich eines religiös motivierten Weihnachtsmarkts ist oder des Nationalfeiertags der Franzosen. „Ich habe eine Verantwortung für andere Menschen, die dieses Wissen nicht haben“, sagt Schneider.
Zwei Gespräche führten ihn zum Thema
Dabei hatte er mit dem Thema zunächst gar nichts zu tun. Nach dem Attentat im Jahr 2016 am Berliner Breitscheidplatz mit zwölf Toten und der Frage aus dem Kreis seiner Familie, ob man noch solche Feste besuchen könne, begann er sich damit zu befassen. Er wusste von der Energie, die frei gesetzt werden kann, wenn Naturkräfte wirken. Er wusste von internationalen Normen zur Beherrschung der Naturkräfte. Und er stellte fest, dass die unter Führung der Britischen Terrorabwehr-Behörde erstellte Norm für den Zufahrtsschutz jener für den Naturgefahrenschutz sehr ähnlich war.
Letztlich ausschlaggebend dafür, um sich damit zu befassen, sei aber ein privates Gespräch mit dem damaligen Leonberger Oberbürgermeister gewesen, über die Frage nach dem Schutz des Traditionsfestes der Stadt, dem Pferdemarkt. Am Ende seien sie im Rathaus zusammen gesessen, Verwaltung, Feuerwehr, Polizei, Bauhof. Heute erstellt Schneider europaweit Zufahrtskonzepte, aber auch heute noch holt er die Menschen einer Stadt dafür zusammen.
Der englischsprachige Raum ist viel weiter
Der Mann, der in Bayern groß wurde, hat in seiner Wahlheimat eigens ein Büro dafür gegründet. Er bildete sich fort und holte sich Rat, unter anderem bei den Engländern. Im Commonwealth sei man bei diesem Thema viel weiter als hierzulande, sagt er. Die IRA sei ähnlich vorgegangen. Schneider ist international vernetzt, auch mit Sicherheitsbehörden.
Vergangenes Jahr publizierte er einen Artikel in einer Fachzeitschrift für Innere Sicherheit gemeinsam mit Yan St-Pierre. St-Pierre arbeitet seit Jahrzehnten zum Thema und berät Staatschefs weltweit in der Entwicklung von Terrorismusbekämpfungsstrategien.