Sigmund Freud Inzestuöse Leidenschaft

Von Gudrun Mangold 

Michel Onfray spricht Freud nicht nur jede Wissenschaftlichkeit ab, sondern auch jede Seriosität. "Freud hat viel gelogen, kaschiert und an seiner eigenen Legende gearbeitet. "Geldgierig und ruhmversessen habe er Ergebnisse gefälscht und Patienten erfunden, Heilungen vorgegeben, wo er Schaden angerichtet habe. Onfray recherchierte, dass der Wiener Arzt, der seine Patienten mehrmals pro Woche bis täglich einbestellte, im Jahr 1925 umgerechnet 415 Euro für eine psychoanalytische Sitzung verlangte. Was Freud inhaltlich dabei vermittelte, habe er samt und sonders von seiner eigenen "inzestuösen Leidenschaft" abgeleitet und darauf sein Theoriegebäude fantasievoll aufgebaut.

Freuds private Beziehungen seien "im düsteren Licht des Inzests" zu betrachten ebenso wie seine gesamte Theoriebildung. "Weil er selbst inzestuöse Neigungen hatte, vermutete er den Inzest überall." Onfray belässt es nicht dabei, dass der als Sigismund geborene Junge offenbar mit einer recht schrägen Beziehung zu seiner jungen Mutter Amalia zu kämpfen hatte. Wie ein Detektiv sammelt der Autor akribisch ganz konkrete Beweise - etwa dass Freud ein Hotelzimmer angemietet hat für "Dr. Sigmund Freund und Frau", als er mit Minna, der Schwester seiner Frau, auf Reisen war. Oder dass Minna, die auch im Hause Freud wohnte, ihr Badezimmer nur über das eheliche Schlafzimmer erreichen konnte. Oder die intellektuelle Vergewaltigung der Tochter Anna. Entgegen Freuds eigenen Anweisungen, niemals nahestehende Personen zu analysieren, quälte er seine jüngste Tochter bereits als Jugendliche und, wie Onfray ausgerechnet hat, neun Jahre lang mit fünf bis sechs Sitzungen pro Woche. Anna, die Freud als engste Vertraute an sich band, wurde konsequenterweise Kinderanalytikerin.

Freud prägt das Denken der westlichen Welt

"Freud", so Michel Onfray, "verkörpert das, was im Zeitalter der Aufklärung Antiphilosophie genannt wurde - eine philosophische Negation der rationalistischen Philosophie". Er habe sich der Realität verweigert und ein "Gruselkabinett" geschaffen mit Fantasiefiguren wie Trieb, Libido, Unbewusstem, Ödipus, Vatermord, Verdrängung, Sublimierung, Neurose.

Michel Onfray lehrte zwanzig Jahre lang Philosophie an einem Gymnasium, bevor er 2002 in Caen seine eigene Universität gründete. Boris Cyrulnik, eine Generation älter als Onfray und Studiendirektor an der Universität von Toulon, hält ihm Beispiele vor, dass die Psychoanalyse nachweislich heilende Wirkung haben könne. Der ungestüme Normanne ist um eine Antwort nicht verlegen - man brauche bloß in eine kleine Kirche auf dem Land zu gehen und finde dort in den Dankbezeugungen an die Jungfrau Maria ebenfalls zuhauf Nachweise, dass sie geholfen habe. "Die analytische Theorie", so Onfray, "ist ein Ausläufer des magischen Denkens. Sie wirkt ausschließlich durch den Placeboeffekt". Der Psychologismus sei eine säkulare Religion, die jener gefolgt sei. Freuds Couch, in Frankreich als Diwan bekannt, habe "dem Patienten einen sicheren Platz in einer zunehmend haltlosen Welt" verheißen. Onfray weiß, dass dieser Diwan ein mächtiges Möbel ist.

Freud prägt, bei aller inzwischen vielfach veröffentlichten Kritik, das Denken der westlichen Welt immens. "Die Psychoanalyse ist heute Teil des kollektiven Bewusstseins", sagt Onfray, und er ist der Junge, der ausspricht, was er sieht: der Kaiser ist nackt. Die Psychoszene jault völlig zu Recht auf: wenn Freud stürzt, könnte auch die Existenzberechtigung der gesamten Kaste fallen. Onfray hat der bequemen Einrichtung einen mächtigen, überfälligen Tritt versetzt. Denn eigentlich geht es nicht um Freud, sondern darum, dass der Patient auf die Füße fällt.

Michel Onfray: Anti-Freud. Die Psychoanalyse wird entzaubert. Albrecht Knaus Verlag, 544 Seiten, 24, 99 Euro.