Silvester ohne Feuerwerk Warum das Böller-Verbot auch Gutes hat

Susanne Bossenmayer aus Stuttgart-Vaihingen freut sich wegen ihres Hundes Pancho auf ein ruhiges Silvester. Foto: Caroline Holowiecki
Susanne Bossenmayer aus Stuttgart-Vaihingen freut sich wegen ihres Hundes Pancho auf ein ruhiges Silvester. Foto: Caroline Holowiecki

In diesem Jahr sind Feuerwerke coronabedingt gestrichen. Böller dürfen nicht verkauft werden, Versammlungen sind verboten. Viele sind enttäuscht. Es gibt aber auch Menschen, die weniger Raketen durchaus etwas abgewinnen können.

Filder/Stuttgart - Pancho ist gut drauf. Obwohl der acht Jahre alte Mischling Regen überhaupt nicht leiden kann, trottet er munter durch den Niesel und hält im Wald Ausschau nach Rehen. Das Rauschen des Verkehrs auf der B 14 stört den Hund aus dem Vaihinger Ortsteil Dachswald nicht. Pancho wirkt tiefenentspannt. Susanne Bossenmayer kennt ihren kleinen Struppi aber auch anders. Am Silvestertag war Pancho in der Vergangenheit immer ein Häufchen Elend. Das Heulen und Pfeifen der Raketen jagt dem Hund große Angst ein. Die Minuten vor und nach Mitternacht verbringt die Hundehalterin mit ihrem Tier seit Jahren stets im Keller, um ihm den Jahreswechsel so erträglich wie möglich zu machen. „Er zittert am ganzen Körper“, sagt sie.

Rollläden runterlassen und Radio anstellen

Mit seiner Furcht ist der Hund nicht allein. „Viele leiden leicht bis ganz stark“, sagte Stefanie Braun-Scholz, die stellvertretende Vorsitzende des Filderstädter Tierschutzvereins, unserer Zeitung bereits in einem früheren Gespräch. Ihr Tipp: Wenn Tiere – nicht nur Hunde – sehr ängstlich seien, könne man die Rollläden herunterlassen, den Fernseher oder das Radio anstellen und einen ruhigen Raum aufsuchen.

Susanne Bossenmayer nimmt die Silvesterparty im Keller grundsätzlich gern in Kauf. Was sie indes ärgert, ist die Tatsache, dass das Knallen in der Vergangenheit immer früher begonnen hat, „letztes Jahr schon um 14 Uhr, da kann ich nicht mal mehr einen Mittagsspaziergang machen“. Für diese Frühzünder hat die Frau aus Stuttgart-Vaihingen wenig Verständnis. „Man begrüßt doch auch Gäste nicht eine Stunde vorher per Whatsapp.“ Als radikale Feuerwerksgegnerin will sie sich nicht verstanden wissen. Sie spricht von einer schönen Tradition – wenn alles in einem gewissen Rahmen passiere.

Normalerweise ist Böllern 48 Stunden lang erlaubt

Erlaubt ist das Böllern in normalen Jahren 48 Stunden lang. „Gezündet werden dürfen Silvesterfeuerwerkskörper nur am 31. Dezember und am 1. Januar“, heißt es beim Umweltministerium, eine zeitliche Beschränkung gibt es nicht. Verboten sind Raketen nur in der Nähe von Altenheimen, Kliniken, Kirchen und Fachwerkhäusern. Im Jahr 2020 ist wegen der Corona-Pandemie alles anders. Der Verkauf von Pyrotechnik ist heuer generell verboten. Die in Baden-Württemberg verordneten Ausgangsbeschränkungen gelten auch über den Jahreswechsel.

Was normalerweise in nur einer Nacht an Müll anfällt, weiß Martin Klein aus Leinfelden nur zu gut. Seit einigen Jahren zieht er mit seiner Familie am Neujahrstag los und sammelt in Eigeninitiative den Abfall auf dem Gelände rund um die Immanuel-Kant-Realschule und das benachbarte Gymnasium auf. „Wir machen das jedes Jahr seit 2004“, erklärt er, und mittlerweile hätten sich auch Bekannte angeschlossen, „das geht bis abends“. Was an Feuerwerksresten, Folien oder Flaschen zusammenkommt, ist beachtlich: Acht große blaue Müllsäcke habe die Gruppe in diesem Jahr vollgemacht. „Ich konnte die gar nicht tragen“, sagt Martin Klein.

„Das ist auch gefährlich“

Dieses Silvester wird das weitgehend ausbleiben. Bei der Stadtverwaltung Leinfelden-Echterdingen wird allerdings betont, dass die Bauhof-Mitarbeiter stets an Neujahr ausrückten, um aufzuräumen. Martin Klein weiß jedoch nur zu gut: „Man kann nicht alles an einem Tag machen.“ An vielen Stellen bleibe der Dreck tagelang liegen. „Das ist auch gefährlich. Spitze Sachen liegen rum, Kinder spielen damit“, Radler und Tiere seien ebenso gefährdet. Auch wenn Martin Klein in diesem Jahr mit weitaus weniger Müll rechnet, hat er in seiner Funktion als Mitglied der Grünen-Gemeinderatsfraktion bei der Stadtverwaltung angefragt, wie man das nach Corona besser lösen könnte. „Am schönsten wäre es, wenn eine Bürgerinitiative das machen würde, das wäre mein Traum“, sagt er.




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