Das Interesse am Tag der Architektur wächst: 106 Interessenten haben für die Tour durch den Kreis Böblingen einen Platz ergattert. 50 weitere hatten das Nachsehen. Eine Station war die ehemalige Strumpffabrik in Sindelfingen.

Sindelfingen - Ein echter Hingucker ist die ehemalige Strumpffabrik an der Ecke Bahnhofstraße/Neckarstraße in Sindelfingen geworden. Völlig anders wirkt der Industriebau jetzt, da er von der weißen Farbe befreit und die braunen Backsteine des mehr als 100 Jahre alten Gebäudes in der Sonne regelrecht leuchten. 14 Monate etwa dauerte die Sanierung der geschichtsträchtigen Mauern. Sie waren die vierte und letzte Station der Rundtour der Böblinger Architektenkammer zum Tag der Architektur am Samstag.

Viel Lob gibt es für die Sanierung des markanten Gebäudes, das an einer der Hauptverkehrsachsen der Stadt liegt. „Sehr gut gelungen“, sagt einer der Gäste zu Roland Fritz. Der Architekt hat mit seinem Partner Karl-Heinz Huschka von Solarplan und der Sindelfinger Firma Integralbau die alte Fabrik saniert. Sie hatte der Unternehmer Franz Entreß 1903 von dem Architekten Philipp Jakob Manz bauen lassen. „Es ist nicht sein bedeutendster Bau“, sagt Fritz, „aber für Sindelfingen stadtbildprägend.“ Das Gebäude gelangte in den Besitz von IBM. Bis in die 1970er Jahre ließ der Konzern dort Lochkarten drucken, danach richtete er ein Museum zur Geschichte der Datenverarbeitung ein, das er Mitte 2012 schloss, um es zu verkaufen.

Die Sanierung dauerte rund 14 Monate

Das rief Roland Fritz und Karl-Heinz Huschka auf den Plan. 14 Monate dauerte die Sanierung, fast zwei Millionen Euro kostete sie: Anbauten wurden entfernt, kaputte Steine in der Fassade ausgetauscht und imprägniert, die Fenster und die Heizung erneuert und und und. Bei all den Arbeiten hatten die Architekten Fritz und Huschka ein Ziel: „Wir wollten den Charakter des Fabrikationssaals erlebbar machen“, sagt Roland Fritz.

Das haben sie. Im Erdgeschoss, wo einst Strümpfe hergestellt und Lochkarten gedruckt wurden, stehen nun Seite an Seite Klaviere und Flügel der Firma Piano Hölzle. Die Fläche im ersten Stock teilen sich die Architekten von Solarplan mit dem Steuerberaterbüro Wiplus. Viel Glas trennt die Büros voneinander.

Interesse am Tag der Architektur wird immer größer

Den Umbau haben sich am Samstag 106 Freunde der Baukunst angesehen. Sie hatten sich für den Tag der Architektur mit dem Motto „Architektur hat Bestand“ einen Platz in einem der beiden Busse ergattert. „Wir mussten rund 50 Interessenten absagen“, berichtet Holger Schlichtig. „Wir freuen uns über das Interesse an Architektur“, sagt der Sindelfinger Architekt, „es ist in den vergangenen Jahren gewachsen.“ Er hat für die Architektenkammer im Kreis die Tour ausgearbeitet. An drei, vier Wochenende habe er sich mit Kollegen interessante Objekte angesehen und dann die Auswahl getroffen, erklärt Schlichtig das Prozedere. Die Wahl in diesem Jahr fiel auf das Mauerwerk in Herrenberg, in dem Gäste statt Gottesdienste nunmehr Kulinarisches und Kultur genießen können, das Rathaus Grafenau und die neu gestaltete Ortsmitte – und eben die ehemalige Strumpffabrik in Sindelfingen.

Dort konnten die Teilnehmer der Architektur-Tour einen besonderen Ausblick genießen: Von der Dachterrasse aus ist die Sindelfinger Moschee zu sehen, hinter der sich die Böblinger Stadtkirche erhebt. „Man muss nur drei Schritte zur Seite gehen und ums Eck schauen, dann sieht man die Martinskirche“, rät Roland Fritz.