Sindelfinger Badezentrum im Schwarzbuch Steuerzahlerbund warnt vor Wellness-Bad

Wäre das Sindelfinger Badezentrum immer so voll wie beim Aktionstag 2016, wäre sein jährlicher Abmangel geringer. Foto: Archiv//Thomas Bischof

Das Sindelfinger Rathaus hat es mit seinen Plänen für eine 66,5 Millionen Euro teure Badezentrums-Sanierung ins Schwarzbuch der Steuergeld-Wächter gebracht. Der Verein befürchtet eine Bruchlandung für die Kommune. Das wird all denen Auftrieb geben, die auch so denken.

In gedruckten Publikationen Erwähnung zu finden, wird vielen Kommunen schmeicheln. Doch in eine Schrift will praktisch niemand – ins Schwarzbuch des Steuerzahlerbunds. Wer dort landet, hat nämlich rasch ein Problem. Ein Problem der Rechtfertigung seines Handelns und Geldausgebens. Sindelfingen hat es jetzt geschafft. Neben Fällen mutmaßlicher Steuergeldverschwendung aus Stuttgart, Mössingen und anderen aus dem Ländle taucht auch die Daimler- und Mittelstadt auf mit ihrem Großprojekt Badezentrum.

 

Für das 1976 eingeweihte Sindelfinger Hallenbad ist bekanntlich eine Generalsanierung beschlossen. Aber nicht nur das. Auch der Neubau einer „Familienwelt“ mit Wellenbecken und Rutschenanlage sowie einer „Saunawelt“ sind geplant. Plus zusätzliche Stellplätze für Autos und Fahrräder. Alles in allem wird diese Investition – Stand heute – auf 66,5 Millionen Euro veranschlagt. Davon soll ein Drittel – 23,5 Millionen – in die reine Sanierung des ob seiner 50-Meter-Bahn und Holzdeckenkonstruktion so markanten Bades fließen. Die „Familienwelt“ in spe kostet geschätzt 26,8 Millionen, die „Saunawelt“ rund 9 und die Parkplätze 7,2 Millionen.

Das Rathaus und lokale Zeitungen angezapft

All diese Zahlen listet der Beitrag im Schwarzbuch auf. Recherchiert hat sie Michael Beyer vom Landesverband Baden-Württemberg des Steuerzahlerbunds. Der Haushaltsreferent aus Stuttgart, der kommunale Haushalte in den Blick nimmt, hat die Sindelfinger Stadtverwaltung dazu per Mail befragt. Und er hat andere Quellen zur Hand genommen – lokale Zeitungen und einen Projektbericht für den Gemeinderat.

Man mag eine gewisse Süffisanz herauslesen, wenn der 50-Jährige Sindelfingens Stadtchef zitiert. OB Bernd Vöhringer sagt laut Homepage: „Sindelfingen soll das Familienbad Nummer 1 in der Region werden! Darüber hinaus möchten wir beim Sportangebot unsere Spitzenposition bestätigen und in puncto Sauna ins starke Mittelfeld aufholen.“ Absicht des Rathauschefs sei es, das Bad neu zu konzipieren, dadurch mehr Besucher anzulocken – und letztlich die hohen Investitionen zu rechtfertigen.

Große Unbekannte – die Defizit-Falle

In der Tat ist bisher vonseiten der Stadtverwaltung kommuniziert, dass das gut 45 Jahre alte Badezentrum über die Jahre an Zuspruch verloren hat. 2019 soll dessen Defizit etwa drei Millionen Euro betragen haben. „Die Stadt hofft, dass es im Fall einer kompletten Finanzierung des Projekts aus Eigenkapital zu einer Reduzierung des jährlichen Defizits auf 1,6 Millionen Euro kommt.“

Dazu müssten freilich die Besucherzahlen steigen. Wurden 2019 noch 400 000 Wasserratten im Jahr gezählt, sollen ab dem fünften Jahr nach Abschluss der Sanierung und Erneuerung 700 000 Gäste pro Jahr durchs Drehkreuz marschieren. Genau in dieser Gleichung stecke „also die große Unbekannte“, schreibt Michael Beyer – und sagt weiter: „Höhere Besucherzahlen in Sindelfingen dürften jedoch auch zulasten anderer Bäder in der Region gehen und somit möglicherweise zu weiteren Defiziten führen, für die die Steuerzahler einstehen müssten.“

Aus den hochfliegenden Plänen könnte ein Bauchplatscher werden

Dass Sindelfingen an seinem Hallenbad notwendige Sanierungsmaßnahmen vornehmen wolle, sei nachvollziehbar, so Beyer: „Allerdings sollte dies nicht mit einer großzügigen Erweiterung zu einem Erlebnisbad verbunden werden. Gerade auch mit Blick auf möglicherweise weiter steigende Baukosten und Energiepreise könnte die Stadt Sindelfingen mit ihrem geplanten Projekt eine teure Bruchlandung erleben“, so Beyer. In der Badeterminologie müsste man dann wohl von einer Bauchlandung oder von einem Bauchklatscher reden. Was umgangssprachlich für einen missglückten Sprung ins kalte Wasser steht – und: mal so richtig wehtun kann.

Der eine DIN-A-4-Seite lange Bericht im neuen Schwarzbuch wird Wasser auf die Mühlen all derjenigen Gemeinderätinnen und -räte sein, die überzeugt sind, keinen luxussanierten Wellness-Tempel im Städtle zu brauchen. Sondern nur ein technisch und energetisch saniertes Badeerlebnis von überschaubarem finanziellen Einsatz. 35 Millionen Euro sind dafür im Stadtsäckel zurückgestellt und jederzeit abrufbar. Doch das Doppelte davon in die Hand zu nehmen, womöglich angesichts der davongaloppierenden Baupreise noch viel mehr? Wer unter den Sindelfinger Kommunalpolitikern keine Beißhemmung kennt, formuliert das schon mal so: „Wir wollen kein Bernd-Vöhringer-Gedächtnisbad.“

Vor allem die Grünen sind den Plänen des OBs nicht grün

Vor allem die Grünen sind den Plänen gegenüber alles andere als grün. Aber nicht nur sie. Auch vonseiten der SPD, der FDP und der Linken kam schon vor Monaten heftiger Gegenwind gegen die Luxussanierung, die dann, so wird geargwöhnt, womöglich mit einer deutlichen Verteuerung der Eintrittspreise einhergehe. Und mit einem sehr viel höheren Verkehrsaufkommen. Denn egal von woher (auswärts) Gäste kommen: Sie müssen durch die Stadt.

Konsens ist in der Kommunalpolitik, dass der Badetempel saniert gehört – vor allem der Kleinkindbereich. Auch eine ordentliche Gastronomie soll die Aufenthaltsqualität und damit -dauer erhöhen. Und an der energetischen Sanierung geht auch nichts vorbei. „Die riesigen Scheiben zum Wald hin werden über Holme beheizt, damit sie nicht beschlagen. Das verschlingt eine Heidenenergie und damit Geld“, sagt eine Gemeinderätin.

Dauerbrenner in der Kommunalpolitik

Erster Aufschlag 2016
 Gefühlt gehört das Thema Badezentrum zu den ewigen Baustellen. Erste Bürgerinfos und Workshops gab es bereits 2016, dann wieder 2019. Das, finden viele, sei zäh wie Kaugummi.

Von Weile zu Eile
 Plötzlich ist nun Tempo in die Sache gekommen – ungewöhnlich viel, argwöhnen Kommunalpolitiker eine Strategie des OBs dahinter. Die Ergebnisse eines 300 000 Euro teuren Wettbewerbs werden dem Preisgericht am 1. Dezember präsentiert. 

Praller Geldsäckel
 Sindelfingens Sparstrumpf ist aktuell bestens gefüllt. Aber alle Entscheidungsträger in der Stadt wissen aus leidvoller Erfahrung, wie rasch sich das wieder ändern kann.

Bürgerentscheid?
 Freie Wähler und CDU stehen wohl noch überwiegend hinter den Plänen. Aber wer weiß. Fraktionschef Walter Arnold hat auch schon die Möglichkeit eines Bürgerentscheids angedeutet.

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