Sindelfinger Jazztage Jazz in allen Klangfarben
Die zehnten Sindelfinger Jazztage zeigen die bunte und abwechslungsreiche Farbpalette eines zu wenig beachteten Musikgenres.
Die zehnten Sindelfinger Jazztage zeigen die bunte und abwechslungsreiche Farbpalette eines zu wenig beachteten Musikgenres.
Gewiss führt Jazz ein Nischendasein in der riesigen Welt der Musikgeschmäcker; wer sich jedoch einmal diesem Genre verschrieben hat, den lässt es nicht wieder los. Das weiß man auch bei der IG Kultur, die ihren Auftrag darin sieht, Kultur für jeden Geschmack zu bieten. Mit den Sindelfinger Jazztagen setzen sie fort, was vor rund zehn Jahren mit einem Gastauftritt der Pianisten-Ikone Wolfgang Dauner und seinem Sohn Florian (Schlagzeug) begann.
Dass Jazz nicht gleich Jazz ist, bewiesen die 18 Musiker, die von Freitag bis Sonntag am Start waren. Den Auftakt machte am Freitag das Münchener Vlado Grizelj Quartett mit geradlinig groovendem, R&B -betontem Jazzrock. Filigrane und druckvolle Gitarrenriffs (Vlado Grizelj), rhythmische Basslinien (Boris Boskovic), Drum-Figuren mit herausragenden Soli garniert (Christian Lettner), ein kochend heißer Hammond-Sound (Matthias Bublath) - und fertig war der scharf gewürzte Jazzrock-Leckerbissen.
Mit der schwedischen Posaunistin Karin Hammar und Jazz aus der Balladen- und Modern Jazz-Kiste ging es am Folgetag weiter. Mit ihren Spielkameraden Andreas Hourdakis (Gitarre), Niklas Fernqvist (Bass) und Fredrik Rundqvist (Drums) reiste die charismatische Blechbläserin eigens für diesen Abend aus Schweden an und hatte das Publikum im Handumdrehen auf ihrer Seite.
Auf den Sonntagabend warteten viele Jazzfreunde wohl besonders, ist es doch zu einer lieb gewordenen Tradition geworden, zum Abschlusskonzert die Landesjazzpreisträger BW des Vorjahres einzuladen. 2023 durfte sich die Pianistin Clara Vetter mit dieser Auszeichnung schmücken. Die Tastenvirtuosin brachte dann auch gleich neun weitere exzellente Musiker nach Sindelfingen mit, weshalb das Clara Vetter Collective als „Tentett“ angekündigt wurde. Ein großes Ensemble also, das allerdings mit einer Bigband so wenig zu tun hat wie ein Heringsbrötchen mit einem Schokokuss.
Neben der Rhythmusgruppe mit Felix Schrack (Drums) und Snejana Prodanova (Kontrabass) saß ein Streichquartett in vorderster Reihe sowie ein Saxofontrio dahinter - darunter der in Weil der Stadt aufgewachsene Landesjazzpreisträger von 1994, Ekkehard Rössle. Aus den üblichen Instrumentenstimmen in einem klassischen Ensemble entwuchs dann bereits das erste Stück des Abends. Schnell wurde deutlich, dass Vetter gerne Klangcollagen malt und in der Improvisation zuhause ist. Speziell für dieses Konzert hatte sie einen Zyklus mitgebracht, den sie ursprünglich für die Stuttgarter Jazztage im Theaterhaus geschrieben hatte. Das Werk füllte nahezu den ganzen Abend und gewährte den Besuchern einen Blick in Vetters fantastische Welt der Farben und Töne.
Beschrieben wurde die Architektur einer Wohngemeinschaft, bestehend aus vier Räumen („Shared Space“), in denen sich alle Spielenden frei bewegen können. Da gab es Begegnungen, Rückzug und wieder vorsichtiges Herantasten. Spielkarten mit verschieden Farben, über die jedes Bandmitglied verfügte, zeigten den Mitmusikern an, in welchem Raum man sich gerade treffen sollte. Damit wurden bestimmte Sequenzen ausgerufen, die dann gemeinsam gespielt wurden. Dies setzte einen hohen Grad an Improvisationsgabe voraus, der bei diesen handverlesenen Akteuren aber vorhanden ist.
An Spannung kaum zu überbieten, wartete das Publikum gebannt auf das, was aus improvisatorischen Teilen wieder in klar ausnotierte Arrangements mündete. Die Freiräume, die dieser Vortrag schuf, erinnerten überwiegend eher an Neue Musik oder an die musikalische Untermalung von Filmschnipseln als an Jazz, so wie ihn wohl die meisten verstehen. Über welche Bandbreite der Jazz jedoch verfügt, das hatte Vetter eingangs am Beispiel von verschiedenen Sportarten erklärt: So könne Basketball, Schwimmen und Fechten kaum miteinander verglichen werden und dennoch sei alles Sport.
Obwohl die Darbietung alles andere als Mainstream war, honorierte ein sehr aufgeschlossenes Publikum die zweifelsohne hohe Kunst der Instrumentenbeherrschung, Improvisation und ausgetüftelten Tutti- und Unisono-Arrangements mit kaum enden wollendem Beifall.
Das macht den Veranstaltern sicherlich Mut, zum Sindelfinger Jazzgipfel auch künftig wieder auf alle Stilrichtungen des Jazz zurückzugreifen.