Sinkende Neuinfektionen Was die Corona-Maßnahmen gebracht haben

Das Tragen von Mund-Nase-Schutz hat laut Einschätzung eines Experten vom Landesgesundheitsamt in Stuttgart einen großen Effekt, was die sinkende Ausbreitung des Coronavirus angeht. Foto: dpa/Uwe Anspach

Die Zahl der Neuinfektionen mit dem Coronavirus ist seit einiger Zeit gering. Doch was genau hat dazu beigetragen? Und warum sind die Zahlen nach den ersten Lockerungen der Beschränkungen nicht wieder stärker angestiegen?

Stuttgart - In der Bundesregierung wird derzeit heftig über das weitere Vorgehen in der Corona-Krise diskutiert. Viele Einschränkungen zur Bekämpfung der Corona-Pandemie wurden bereits gelockert. Negative Folgen sind bis jetzt größtenteils ausgeblieben, die Zahlen der Neuinfektionen sind nicht rapide angestiegen. Das muss aber nicht so bleiben, warnen Experten. Wie sie den derzeitigen Zustand bewerten, erklären wir in dieser Übersicht.

 

Haben die Einschränkungen einen großen Einfluss auf die Zahl der Neuerkrankungen genommen?

„Wir wissen eigentlich nicht genau, welche der einzelnen Maßnahmen einen besonders starken Effekt hatten“, sagt Dietrich Rothenbacher. Er leitet das Ulmer Institut für Epidemiologie und Medizinische Biometrie und ist stellvertretender Präsident der Deutschen Gesellschaft für Epidemiologie. Trotzdem ist Rothenbacher überzeugt, dass die Absage großer Veranstaltungen und die allgemeinen Maßnahmen zur Kontaktbeschränkung wesentlich zur Eindämmung der Pandemie beigetragen haben. „In der Tat zeigte sind schon kurz nach der Absage der großen Veranstaltungen mit mehr als 1000 Personen am 9. März zumindest in Baden-Württemberg eine Abnahme der Reproduktionszahl.“ Nicht vergessen werden dürfe auch „die ganz wichtige Rolle der öffentlichen Gesundheitsdienste, die durch das schnelle Auffinden von Kontaktpersonen mit höherem Infektionsrisiko und deren Quarantäne die Infektionsketten unterbrechen“.

Es sei zudem anzunehmen, dass die Bevölkerung schon sehr früh angefangen hat, die allgemeinen Maßnahmen zur Reduzierung einer Übertragung eigenverantwortlich umzusetzen. Dass sich der Großteil der Bevölkerung an Abstandsregeln, Mundschutz und Händewaschen halte, helfe die Ausbreitung zu verhindern, so Rothenbacher.

Insbesondere die konsequente Verwendung eines Mund-Nase-Schutzes in vielen Bereichen sei ein wesentlicher Faktor für die derzeit niedrigen Infektionszahlen, sagt Stefan Brockmann vom Regierungspräsidium Stuttgart. „Das hat vermutlich mit den wohl größten Effekt“, so der Leiter des Referats Gesundheitsschutz und Epidemiologie.

Lässt sich überhaupt sagen, welche Maßnahmen welchen Effekt haben?

Der Epidemiologe Stefan Brockmann vom Landesgesundheitsamt in Stuttgart hält es für schwierig, die Wirkung einzelner Maßnahmen gegen Corona zu ermitteln. „Die einzelnen Faktoren überlappen sich stark. An manchen Stellen gibt es Lockerungen, an anderen Verschärfungen, und das alles passiert zu unterschiedlichen Zeitpunkten.“ Auf die Grenzen von Modellrechnungen hat auch ein internationales Forscherteam in der Fachzeitschrift „Chaos“ hingewiesen: Geringe Abweichungen bei den Ausgangsdaten könnten das Ergebnis einer Simulation stark beeinflussen. Entsprechend groß sei die Bandbreite der Ergebnisse bei der Prognose künftiger Infektionszahlen.

Warum steigen die Infektionszahlen in Deutschland trotz der Lockerungen nicht wieder an?

„Ein Teil der Lockerungen läuft noch gar nicht so lange, als dass er einen spürbaren Effekt haben könnte“, sagt der Epidemiologe Stefan Brockmann. Auch der Ulmer Epidemiologe Rothenbacher verweist im Hinblick auf die Statistiken auf den amtlichen Verzug von mindestens zwei Wochen. So sind etwa Gaststätten in Baden-Württemberg erst seit rund zwei Wochen geöffnet. Zudem seien viele Einschränkungen weiterhin in Kraft, was sich ebenfalls dämpfend auf das Infektionsgeschehen auswirke, sagt Brockmann. Dass die höheren Temperaturen in den letzten Wochen das Infektionsrisiko verringert haben, glaubt der Experte indes nicht. „Das ist vermutlich kein zentraler Faktor.“ Eher könnte die Verschiebung von Aktivitäten aus geschlossenen Räumen ins Freie zur Verringerung des Risikos beitragen.

Insgesamt ist Epidemiologe Brockmann „positiv überrascht, dass die bisherigen Schutzmaßnahmen so gut gewirkt haben“. Es gebe nur noch sehr wenige aktive Fälle – auch dadurch sei das Risiko neuer Infektionen deutlich gesunken. „Sie müssen schon 1000 Leute zusammenbringen, um einen einzigen Corona-Postitiven zu finden“. Eine wichtige Rolle spiele auch, dass die Gesundheitsbehörden bei der Handhabung von Corona-Ausbrüchen dazugelernt hätten. So würden inzwischen alle engeren Kontaktpersonen von Infizierten getestet – egal ob sie Symptome haben oder nicht.

Welche Rolle spielen sogenannte Superspreader oder Super-Spreading-Events?

Neueren Erkenntnissen zufolge können einige wenige Menschen viele andere infizieren, während die meisten Infizierten kaum jemanden oder sogar niemanden anstecken. Das würde bedeuten, dass die Ausbreitung des Virus stark auf solche sogenannte Superspreader zurückgeht. Beispiele dafür sind die vielen Infektionen nach einem Gottesdienst in Frankfurt oder nach einer geschlossenen Gesellschaft in einem Restaurant in Niedersachsen. Auch eine Analyse der London School of Hygiene & Tropical Medicine (LSHTM) weist auf die Relevanz lokaler Ausbrüche hin. So sind bei Arbeitsmigranten, die in Singapur in einem Schlafsaal geschlafen hatten, 800 Infektionsfälle aufgetreten. In den USA wurde der Fall einer Chorprobe bekannt, in deren Folge sich 53 von 61 Chormitgliedern infiziert hatten. „Cluster sind auch aufgetreten auf Schiffen oder in Pflegeheimen, in Fleischfabriken, Ski-Resorts, Kirchen, Restaurants, Krankenhäusern und Gefängnissen“, so die Forscher in der Fachzeitschrift „Science“.

Hat die Rolle von Superspreadern auch etwas damit zu tun, dass es in der Fläche hier in Deutschland nicht mehr so viel Infektionen gibt?

In einem noch nicht begutachteten Fachartikel – einem sogenannten Reprint – schreiben Wissenschaftler der London School of Hygiene & Tropical Medicine, dass 80 Prozent der sekundären Corona-Übertragungen durch einen kleinen Anteil der Corona-Infizierten verursacht sein könnten – nämlich von nur etwa zehn Prozent. Das würde bedeuten, dass die meisten Infizierten gar nicht zur Ausbreitung des Coronavirus beitragen – und viele Infektionsketten sozusagen von alleine abebben. Das wäre eine weitere Erklärung dafür, dass es trotz vieler Lockerungen nicht flächendeckend zu mehr Neuinfektionen gekommen ist.

Wie kommt es zu lokalen Ausbrüchen?

Ob eine infizierte Person viele weitere ansteckt, hängt auch von den äußeren Umständen ab. So heißt es in dem „Science“-Bericht, dass viele größere Ausbrüche auf Events zurückzuführen sind, bei denen laut gesprochen oder gesungen wurde. In geschlossenen Räumen kann sich das Virus über Tröpfchen oder Schwebeteilchen, sogenannte Aerosole, die länger in der Luft bleiben, besonders gut verbreiten.

Was lässt sich daraus lernen?

Die Schlussfolgerung der Londoner Wissenschaftler ist: „Die effektive Reproduktionszahl könnte drastisch reduziert werden, indem relativ seltene Superspreader-Events vermieden werden.“ Doch solche Events im Vorfeld zu identifizieren dürfte nicht so einfach sein. Solange man noch wenig über die Virusausbreitung weiß, erschien es daher wohl als sinnvoll, potenziell riskante Veranstaltungen ganz zu begrenzen.

Auf der anderen Seite lasse sich die Superspreader-These in manchen Fällen wie etwa bei den Infektionen in der Frankfurter Kirchengemeinde gar nicht so leicht belegen, gibt Stefan Brockmann vom Landesgesundheitsamt zu bedenken. Er hält generell wenig davon, sich beim Infektionsschutz auf potenziell riskante Einzelereignisse zu konzentrieren und dafür aber die Auflagen im normalen Alltag noch schneller zu lockern.

Was sollte man bei einem lokalen Ausbruch tun?

Nach Ansicht des Virologen Christian Drosten könnte es sinnvoll sein, sofort alle Beteiligten unter Quarantäne zu stellen, sobald ein erster Fall im Zusammenhang mit einer bestimmten Veranstaltung bekannt wird – ohne erst auf Testergebnisse zu warten. Zum Teil geschieht dies bereits: Dem Ulmer Epidemiologen Rothenbacher zufolge hat der öffentliche Gesundheitsdienst sofort nach dem Ausbruch in der baptistischen Kirche in Frankfurt die Isolierung der Infizierten und das Auffinden der Kontaktpersonen veranlasst, um die Infektionsketten zu unterbrechen. „Wir haben also derzeit doch ein sehr gut vorbereitetes Gesundheitssystem. Der Öffentliche Gesundheitsdienst wird aber auch in Zukunft sehr gefordert sein, das Infektionsgeschehen in einem beherrschbaren Rahmen zu halten“, so Rothenbacher. Vor allem die Ermittlung von Kontaktpersonen sei personalintensiv.

Ist mit einer zweiten Welle von Infektionen zu rechnen?

Eine zweite Infektionswelle könne jederzeit kommen, sagt der Ulmer Epidemiologe Rothenbacher. Auch Stefan Brockmann vom Landesgesundheitsamt am Regierungspräsidium Stuttgart rechnet vor dem Hintergrund der derzeitigen Lockerungen fest mit einer zweiten Welle. Sie könnte aber kleiner ausfallen als die erste, schätzt der Leiter des Referats Gesundheitsschutz und Epidemiologie.

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